Etwas von der inneren Last auf dem Pilgerweg lassen

In der traumhaften Bergwelt von León lädt das Eisenkreuz zum Verweilen ein – „Tagespost“-Serie zum Jakobsweg (Teil IX) Von Andreas Drouve

Es sind bewegende, intensive Momente, die viele Pilger spüren, wenn sie in der Bergeinsamkeit der Montes de León zwischen Astorga und Ponferrada auf knapp über 1 500 Metern das Dach des Jakobsweges erreichen: das „Eisenkreuz“, Cruz de Ferro. Aus dem halb verfallenen Örtchen Foncebadón leitet der Pfad an Ginster und Heidekrautgewächsen eine halbe Stunde weiter zum Cruz de Ferro, wobei das eigentliche Kreuz trotz großer Bekanntheit und Bedeutung sehr klein ist. Es krönt einen meterhoch gerindeten Baumstamm, der seinerseits aus einem Fundament aus aufgeschütteter Erde, Steinen und Felsbrocken ragt. Zur Tradition gehört es, diesem Haufen seinen eigenen Stein hinzuzufügen: einen Sorgen- oder Sündenstein, mit dem man symbolisch Leid und Lasten ablegt.

Wie Millionen und Abermillionen Ankömmlinge vorher setzt man gleichzeitig ein Zeichen des Angekommenseins. Manche Pilger haben ihren Stein unterwegs gefunden, andere von daheim aus mitgebracht, ihn mit Namen, Datum, Herkunftsort versehen. Zusätzlich kann eine Bitte draufstehen, ein Dank, Impuls oder Wunsch. „Gesundheit, Glück und Gottes Segen“, liest man dann. Oder einen Psalmentext: „Befiehl dem Herrn deinen Weg. Hoffe auf ihn, er wird es fügen.“

Die Station Cruz de Ferro bleibt in den seltensten Fällen auf einen kurzen, schlichten Stopp beschränkt. Die Schritte sind verstummt, die Gedanken nehmen Fahrt auf. Trauer und Selbstzweifel machen sich breit, Szenen der Vergangenheit ziehen vor dem inneren Auge vorbei, die Aussicht auf Kommendes kann Freude machen oder Angst. Was wird die Zukunft bringen? Habe ich etwas falsch gemacht im bisherigen Leben? Man überdenkt seine Motivation zum Aufbruch, horcht in sich hinein, schließt nahestehende Menschen ins Gebet, fühlt sich Gott ganz nah. Die meisten ziehen es vor, am Cruz de Ferro alleine zu sein, doch es gibt auch Pilgergruppen, die auf dem Nebensträßchen mit dem Bus hinauffahren, sich zum Kreis formieren, zu Freiluftgottesdiensten mit Fürbitten. Steinablage und Innehalten gehen für viele tief ins Herz, so wie für Steffi L. aus Fürth: „Die Ergriffenheit, die mich befällt, als ich meinen Stein ablege, lässt sich nicht in Worte fassen. Für die Tränen, die ich in diesem Moment nicht mehr zurückhalten kann und auch nicht will, schäme ich mich nicht.“

Im Zuge des mittelalterlichen Pilgeraufschwungs war es mutmaßlich der Eremit Gaucelmo, der Ende des elften Jahrhunderts erstmals ein Eisenkreuz aufstellte. Seine Einsiedelei und Herberge lagen im nahen Foncebadón, wo er sich der Pilger in den unwirtlichen Gegenden annahm. Durchziehende hatten den heidnischen Ritus der Steinablage im Sinne von Dankesgaben fortgesetzt, doch erst zu Zeiten des Gaucelmo begann sich die Aberglaubens- in eine Glaubenstradition zu verwandeln. Am Tage des Jüngsten Gerichts, wenn die Steine zu sprechen beginnen würden, so sagte man sich, könnten diese die Santiago-Pilgerschaft eines jeden Einzelnen bezeugen. Ohne hinterlegten Stein, ohne einen solchen Nachweis, habe die Wallfahrt keine Gültigkeit.

Es sind nicht nur beschriftete Steine, auch offen hinterlegte oder an den Stamm geklemmte Zettel, aus denen Schicksale, Leid und Glauben sprechen. Auch auf Deutsch, anonym, so wie dieser: „Herr, ich möchte mit diesem Stein alle meine Ängste ablegen und fortan glücklich, angstfrei, vertrauend und mit viel Liebe im Herzen leben. Herr, ich bitte dich, schenke mir dieses tiefe Vertrauen und diese Liebe zu meinen Mitmenschen und zu dir.“ Oder: „Hiermit lege ich die Lasten ab und begrabe sie unter diesem Steinhaufen für immer und ewig. Ich lasse zurück, was ich hier hochgetragen habe: den Schmerz, die Trauer und vor allem die Zweifel an mir selbst. Hier bleibt es für immer liegen. Ich gehe weiter und lebe, ich lache, ich fühle, ich leuchte und strahle und weiß, wie sehr ich lieben kann.“ Es muss nicht immer ein Zettel, es kann auch eine Pappschachtel mit einer Aufschrift sein: „Hier drinnen hinterlege ich einigen Kummer, einige Lieben und Erinnerungen, weil für mich dieser Weg ,Verwandlung‘ bedeutet. Heute ist ein schöner Tag, um neu geboren zu werden.“ Wildblumen- und Kräutergebinde, Fotos, Münzen und Erinnerungsschleifchen zählen zu den andersartigen Hinterlassenschaften am Cruz de Ferro. Despektierlich wird es bei durchlöcherten Socken, ausrangierten T-Shirts und Wanderschuhen, Rasierklingen, Zahnbürsten, Resten von Radflickzeug. Bei sporadischen Säuberungsaktionen wird alles entfernt. Nichts am Eisenkreuz ist für die Ewigkeit bestimmt, selbst wenn es ein Papierschnitzelchen ist, auf dem fünf tiefgreifende Worte stehen: „Wenn ... dann ist Gott überall.“ Ob ein winziges Blumenbeet, das zwei Pilger aus Österreich kurz vor dem Eisenkreuz gepflanzt haben, länger Bestand haben wird, ist fraglich. „Wir bringen nicht Steine des Leidens, sondern Blumen der Freude“, steht auf einem Täfelchen, unterzeichnet von Reinhild und Kurt. Der Abschied vom Cruz de Ferro, von seinem persönlichen Stein, ist der Abschied von einem Stück Leben. Es muss weitergehen.