Essen setzt auf Spielräume

Dialogrunde mit Ruhrbischof formuliert Erwartungen an die Bischofssynode über Ehe und Familie. Von Heinrich Wullhorst

Mülheim an der Ruhr (DT) Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck trifft sich in regelmäßigen Abständen mit Menschen aus seinem Bistum zu sogenannten Dialogveranstaltungen. In der Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim an der Ruhr ging es jetzt um die Frage: Ändert die katholische Kirche ihre Sicht auf Ehe und Familie? Angesichts der im Herbst bevorstehenden Bischofssynode und dem aktuellen Papier des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) ein aktuelles Thema.

Wo wird sich die Kirche im Ringen zwischen Tradition und Zeitgeist einordnen? Das war die große Frage, die hinter der Debatte stand. Ob diese sich mit dem viel verwendeten Schlagwort der „Einheit in Vielfalt“, mit dem man die Spannungen und verschiedenen Interessen in der Weltkirche glätten möchte, beantworten lässt, blieb auch an diesem Abend offen. Overbeck dämpfte allerdings die Erwartung derer, die im Hinblick auf den Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen oder „homosexuell lebenden und liebenden Menschen“ große Hoffnungen in die Synode setzen. „Wunder sollte man von dort keine erwarten“, machte Overbeck deutlich. Einer der Gründe dafür seien die Vielschichtigkeit der Betrachtungsweisen und die weltweit unterschiedlichen kulturellen Traditionen im Umgang mit diesen Themen. Insoweit solle die Synode zunächst einmal ein Meinungsbild der Kirche widerspiegeln, das dem Papst bei seinen Entscheidungen helfen könne.

Die Kirche befindet sich nach Ansicht des Essener Bischofs angesichts einer komplexer werdenden Welt an „einem lehramtlichen Wendepunkt im Umgang mit dem, was Wahrheit ist“. Bei vielen sei die Angst vorhanden, dass bei Veränderungen gleich das Gebäude der Kirche gänzlich zusammenbreche. Overbeck hingegen hofft, dass die Synode Entwicklungsräume schaffe. Klar sei aber auch: „Es muss die eine Lehre geben, damit wir als Kirche ein institutioneller Körper bleiben.“ Die Frage sei allerdings, wie ausdifferenziert die Lehre sein müsse. Die Synode biete der Kirche die Möglichkeit, „die Kraft in der Gesellschaft zu sein, die für Befriedung sorgt und offene Kulturkämpfe vermeidet“. Sie könne Universalisierung und Globalisierung abbilden und zeigen, dass Konflikte transparent angegangen und in einer vernunftgeprägten Auseinandersetzung gelöst werden können. Das könne auch Vorbildwirkung in die Weltgesellschaft hinein haben.

Probleme sieht Overbeck darin, dass die Menschen heute so alt werden, dass sie viel länger mit einmal getroffenen Entscheidungen leben müssen, als dies früher der Fall war. Natürlich sieht der Bischof ein Konfliktpotenzial im Hinblick auf die Gesamtkirche. Allerdings könnten auch Konflikte positive Effekte mit sich bringen. Die viele Menschen im Bistum Essen nach der Umfrage zur Synode bedrängenden Fragen lassen sich nach seiner Ansicht allerdings nicht von jetzt auf gleich lösen. „Immer mit der Ruhe und einen Schritt nach dem anderen gehen“, forderte Overbeck.

Die Befragung im Vorfeld – ein „kleines Wunder“

Zwei Punkte seien auf dem Weg in die Zukunft entscheidend. „Wir müssen Entwicklung ermöglichen und Vertrauen schaffen.“ Als positiv müsse man sicherlich zunächst einmal festhalten, dass im Vorfeld einer Synode auch die Gläubigen gefragt würden. Das sei im Verhältnis zu früheren Zeiten bereits ein „kleines Wunder“. Allerdings sieht der Bischof einen längeren Prozess auf die Kirche zukommen: „Vielleicht müsse man im Lehramt nach ersten Schritten auch einmal für einige Zeit schweigen, den Dialog zulassen und der Wissenschaft Raum zur Beobachtung geben.“ Danach könnten sich weitere Schritte anschließen.

Der Mainzer Moraltheologe Professor Stephan Goertz meint, die Kirche habe sich bei ihrer Sexualmoral „einen Teil des Problems selbst eingebrockt“. Das II. Vatikanische Konzil habe das Thema auf die Agenda gesetzt mit dem bis dahin kaum diskutierten „Prinzip der ehelichen Liebe“. Aus dieser universellen Wahrheit habe man in der Folge allerdings oft zu streng formulierte konkrete Normen abgeleitet. Um diese Vorgaben werde „heute gekämpft, als gehe es um die Wahrheit“, so Goertz. Wichtig seien Grundprinzipien in der Kirche, daneben solle es aber die Freiheit der Ortskirchen geben, zu konkreten Herausforderungen Stellung zu nehmen. An anderer Stelle funktioniere eine solche regionalere Sicht auf die Dinge. „Es gibt eine universal-kirchliche Friedensethik“, erläuterte Goertz. Ein Thema für die Kirche in Deutschland sei dann beispielsweise die Ausdifferenzierung dieser Grundsätze dahingehend, wie sie sich zu den deutschen Waffenlieferungen an die Kurden im Irak verhalte. Ein solches Vorgehen hält Goertz auch beim Thema Sexualität für theologisch denkbar, aber in der Weltkirche für schwer durchsetzbar.

Der Essener Bischof ging auch auf die Forderungen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken nach einheitlichen Segens-Ritualen für wiederverheiratete Geschiedene oder homosexuelle Paare ein. Dies sei auch Gegenstand von Antworten in den Vatikan-Fragebögen zur Synode gewesen. „Das ist rechtlich für mich nicht möglich“, machte Overbeck deutlich. Bei der Begleitung der Menschen setzt der Essener Oberhirte hier auf seine Seelsorger vor Ort. „Ich halte es für gut, seelsorgerisch sehr klug vorzugehen – ohne daraus gleich eine öffentliche Norm zu machen.“ Auch an dieser Stelle findet es Overbeck wichtig, die „Wege mit Ruhe, Gelassenheit und Klugheit“ zu gehen.

Lob für die neue Grundordnung

Die neue Grundordnung der Kirche sieht der Essener Bischof als eine gute Lösung, bei der zahlreiche Kompromisse erforderlich gewesen seien. Im Bistum Essen und im gesamten Nordrhein-Westfalen werde die Regelung bereits ab dem 1. August gelten. Professor Goertz zeigte sich zwar dem Grunde nach ebenfalls zufrieden mit der Neuregelung. Er kritisierte jedoch die „Sondermoral für Religionslehrer, Pastoral-Referenten und andere Beschäftigte in der kirchlichen Lehre oder in Leitungs-Positionen“. Für sie gelten die neuen Erleichterungen in der Regel auch künftig nicht. Barbara Wagner als Abteilungsleiterin im Kita-Zweckverband ist froh, dass bei ihren etwa 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern künftig erleichterte Anforderungen an die persönliche Lebensführung das Dienstverhältnis bestimmen werden. Sie erinnerte an viele Unterredungen mit Erzieherinnen, die etwa zum zweiten Mal heiraten wollten und deshalb vor der Kündigung standen. „Das waren die schlimmsten Gespräche“, machte sie die Sicht einer Personalverantwortlichen in einer kirchlichen Einrichtung deutlich.