Erstaunliche Zumutung

Zum Vorschlag, das Fest „Beschneidung Jesu“ wieder einzuführen. Von Manfred Hauke

Figur der Gottesmutter Maria mit Jesuskind
Sie gehört zum liturgischen Urgestein der Kirche: die Gottesgebärerin, wie sie am Neujahrstag im Petersdom zu sehen war. Foto: KNA
Figur der Gottesmutter Maria mit Jesuskind
Sie gehört zum liturgischen Urgestein der Kirche: die Gottesgebärerin, wie sie am Neujahrstag im Petersdom zu sehen war. Foto: KNA

Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück setzt sich in einem Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ (29. Dezember 2018) dafür ein, das Fest der Beschneidung Jesu wieder einzuführen. Dies sei „ein starkes Zeichen gegen den Antisemitismus“ und „ein demonstrativer Akt der Solidarität mit den Juden heute“. „Jesus von Nazareth war nicht Christ, sondern Jude.“ Es wäre außerdem ein „ökumenisches Signal“, da die Kirchen des Ostens und die Gemeinschaften der Reformation das Fest der Beschneidung beibehalten haben. Da es ohnehin eine fragwürdige „Häufung von Marienfesten“ gebe, wie vor kurzem die Einführung des Festes „Maria, Mutter der Kirche“ zeige, sei es kein Problem, wenn die Kirche „das Hochfest der Gottesmutter zur Disposition stellen … würde“. Das fünfzigjährige Jubiläum der Liturgiereform im Jahre 2019 sei ein willkommener Anlass, das 1969 aus dem Kalender gestrichene „Erinnerungskorrektiv“ der jüdischen Herkunft Jesu, nämlich das Gedenken der Beschneidung und der Namensgebung Jesu, wieder in den Kalender einzufügen.

Angesichts dieses Vorschlages ist daran zu erinnern, dass die Liturgiereform Pauls VI. das Gedenken der Beschneidung Jesu am Oktavtag seiner Geburt keineswegs entfernt hat. Das Evangelium vom Hochfest der Gottesmutter Maria (Lukas 2, 16–21) enthält den biblischen Hinweis auf die Beschneidung und Namengebung Jesu (Lukas 2, 21).

Seit dem Spätmittelalter begeht die römische Liturgie den 1. Januar als Fest der „Beschneidung des Herrn und Oktav von Weihnachten“. Dieser Titel wurde mit dem „Codex rubricarum“ von 1960 auf die Bezeichnung „Oktav von Weihnachten“ konzentriert, die sich darum bereits im Messbuch von 1962 findet, das derzeit die Grundlage bildet für die Messfeiern in der außerordentlichen Form des römischen Ritus. Die Änderung des Titels beinhaltet keine Umformung des Messformulars mit seinem Evangelium, das sich ganz auf die Beschneidung und Namengebung Jesu konzentriert (Lukas 2, 21). Die Einführung des Hochfestes der Gottesmutter 1969 durch Papst Paul VI. entspricht dem ältesten römischen Brauch, der auf den 1. Januar den Gedenktag der Gottesmutter legte. Dieses marianische Gedenken im Weihnachtsfestkreis ist innig mit der Menschwerdung des Gottessohnes aus der Jungfrau Maria verknüpft und findet sich auch in den Kirchen des Ostens; im byzantinischen Ritus wird die Gottesmutter am 26. Dezember gefeiert. Die Liturgiereform Pauls VI. ersetzt das Fest der Mutterschaft Mariens, das zuvor auf den 11. Oktober fiel. Das weihnachtliche Gedenken Mariens gehört zum liturgischen Urgestein. Die Gottesmutterschaft Mariens ist das wichtigste Mariendogma überhaupt und nicht irgendein nebensächlicher Aspekt. Papst Franziskus zu empfehlen, nach der Einführung des Festes Mariens als Mutter der Kirche das viel zentralere Hochfest der Gottesmutter abzuschaffen, ist schon eine erstaunliche Zumutung.

Die Beschneidung Jesu gehört zur Heilsgeschichte. Thomas von Aquin, an den Tück erinnert, führt mehrere theologische Gründe für die Angemessenheit der Beschneidung an. In diesem Zusammenhang wird aber auch deutlich, dass die Beschneidung zur alttestamentlichen Heilsordnung gehört, die sich in Christus erfüllt; nach dem Leiden Christi hat die Beschneidung ihre Notwendigkeit verloren. Mit Origenes weist Thomas auf den Brief des Apostels Paulus an die Kolosser, der die Taufe „die Beschneidung“ nennt, „die Christus gegeben hat“ und nicht mit Händen vorgenommen wird (Kolosser 2, 11). Diese christologische Ausrichtung der Beschneidung und deren „Überholung“ durch die Taufe darf nicht vergessen werden. Die Aussage, Jesus sei kein Christ, sondern Jude gewesen, scheint den christologischen Sinngehalt zu überspielen: Jesus ist Jude, aber gerade als der von den Propheten verheißene Messias („Christus“) ist er gleichzeitig der Urheber des Christentums, in dem typologische Vorausbilder wie die Beschneidung überholt und erfüllt worden sind.

Würde sich die erneute Einführung des Festtitels der „Beschneidung Christi“ dazu eignen, dem Antisemitismus in der Zivilgesellschaft entgegenzutreten? Ob sich Moslems und eine rein säkulare Jurisprudenz, die in der Beschneidung unmündiger Knaben einen strafbaren Akt sieht, von einer Änderung der katholischen Liturgie beeindrucken lassen, scheint zweifelhaft. Dergleichen könnte auch kontraproduktiv wirken. Innerhalb der katholischen Kirche hingegen haben wir keinen Antisemitismus zu beklagen, sondern eher gegenteilige Ansichten, die sich in der Gegnerschaft zu Äußerungen des emeritierten Papstes Benedikt XVI. widerspiegeln, der betont: Es gibt keinen autonomen Heilsweg für die Juden an Christus vorbei. Die Gegner Papst Benedikts – mit denen sich auch Tück kritisch auseinandersetzt – lehnen im Grunde die christologische Dynamik der alttestamentlichen Bundesschlüsse ab und vergessen, dass der Neue Bund den Sinaibund ersetzt, wie der Prophet Jeremia verheißt: „Indem er (Gott) von einem neuen Bund spricht, hat er den ersten für veraltet erklärt. Was aber veraltet und überlebt ist, das ist dem Untergang nahe“ (Hebräer 8, 13). Die Beschneidung in den Vordergrund zu stellen, die durch Christus überholt ist, kann einen eigenständigen Heilsweg suggerieren, der sich dem Glauben an Christus verweigert. Das gilt erst recht, wenn ein politisch motivierter Solidaritätsbeweis gegenüber den Juden das Hochfest der Gottesmutter verdrängen sollte.