Erst der Motor, dann die Karosserie

Kardinal Joachim Meisner bekräftigt Kritik an Memorandum und würdigt Petition „Pro Ecclesia“

Joachim Kardinal Meisner. Foto: dpa
Joachim Kardinal Meisner. Foto: dpa

Der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, hat in einem am Montag unterzeichneten Schreiben erneut Kritik am Reformpapier der Theologen geübt und die Petition „Pro Ecclesia“ gelobt. Wir dokumentieren den Text des Kardinals wie er von der erzbischöflichen Pressestelle Köln verbreitet wurde:

Oft sind es die Kontraste, die das Wesen einer Sache deutlicher zum Vorschein bringen. Gelegenheit zu einem solchen Vergleich bieten in diesem Frühjahr zwei öffentliche Appelle, in denen es um die Zukunft der katholischen Kirche insbesondere in Deutschland geht.

Zunächst erschien mit Datum vom 4. Februar 2011 ein Memorandum, dem sich bis zum 6. März 2011 insgesamt 311 akademische Theologen anschlossen. Mit durchaus nennenswerter medialer Unterstützung wurden dort Forderungen unterbreitet, die im Großen und Ganzen auf eine Demokratisierung und Säkularisierung der Kirche hinauslaufen. Ein Großteil der Initiatoren und Unterzeichner besteht aus Theologen, die an den Hochschulen just zu jener Zeit Lehrverantwortung trugen, als die von ihnen beklagte Krise Gestalt annahm und sich verschärfte. Mit teilweise erschreckend oberflächlichen Rezepten und Forderungen, die samt und sonders aus den 60er, 70er und 80er Jahren bekannt sind, wollen sie heute das erreichen, was zu ihrer Zeit so gründlich misslungen ist: die geistliche Erneuerung der Kirche in Deutschland. Auch fordert das Papier zwar den Dialog, fördert ihn aber nicht gerade, wenn es statt Anfragen kategorische Postulate vorträgt und dabei auf den Druck der Öffentlichkeit setzt, statt das Schreiben ohne Umwege an die Bischöfe zu richten. Dieser Appell wird zwar als Denkschrift bezeichnet, mutet passagenweise jedoch eher an wie ein Denkzettel. Ganz anders die Petition „Pro Ecclesia“, die am 8. Februar 2011 als Reaktion vieler Gläubiger auf das Memorandum veröffentlicht wurde; bis zum 14. März 2011 fand sie 13 928 Unterstützer aus dem gesamten Spektrum der katholischen Kirche in Deutschland. Diese hohe Anzahl von Unterstützern erscheint als umso erstaunlicher, als viele Medien zwar das Memorandum eifrig verbreiteten, die Petition dagegen totschwiegen.

Auch die Petition sucht das öffentliche Forum, aber eben ausdrücklich in Reaktion auf das Memorandum. Nicht Forderungen, sondern Bitten an die Bischöfe stellt sie in den Mittelpunkt. Die Unterzeichner der Petition erhoffen sich von diesen, dass sie

1. der breiten Verunsicherung der Gläubigen entgegentreten; 2. den Zölibat als angemessene priesterliche Lebensform betonen; 3. Sorge tragen dafür, dass an den Theologischen Fakultäten und Instituten nicht nur in wissenschaftlicher Freiheit unterrichtet wird, sondern auch im Einklang mit der Lehre der Kirche; 4. geeignete Seelsorger für die Theologiestudentinnen und -studenten bestellen; 5. in besonderer Weise Verantwortung für die Liturgie in ihrem Bistum übernehmen; 6. sich deutlich zu Ehe und Familie im Sinne der Kirche bekennen, nicht aber gleichgeschlechtliche und nichteheliche Partnerschaften der Ehe gleichstellen.

Die Petition endet mit dem zutreffenden Hinweis darauf, dass sich Dialog in der Kirche nicht voraussetzungslos vollzieht, sondern aufbaut auf der Wahrheit, in die der Heilige Geist die Kirche seit 2000 Jahren immer tiefer einführt (vgl. Joh 16,13).

Wiederholt habe ich in der Vergangenheit die Kirche in Deutschland mit einem Auto verglichen, dessen Karosserie zu groß und dessen Motor zu klein ist. Wir müssen folglich vor allem den Motor (die geistliche Kraft) stärken und vergrößern, bevor wir die Karosserie (die Strukturen und Verfahrenswege) umlackieren, umgestalten – oder gar verbeulen.

Wir Bischöfe sind dazu aufgerufen, den Glauben nicht nur dann zu verkünden, wenn es der Gesellschaft gelegen ist. Dem bischöflichen Hirten- und Wächteramt ist also ein gewisses Konfliktpotenzial geradezu eingestiftet. Dennoch tut es auch Bischöfen gut, die Unterstützung so vieler engagierter Katholiken aus so vielfältigen Bereichen von Kirche und Gesellschaft zu erfahren. Zudem fehlt der Petition zwar das Spektakuläre des Memorandums, dafür weist sie das auf, was ich dort so schmerzlich vermisse: geistlichen Tiefgang und Gespür für die Kirche. Darum danke ich den Initiatoren der Petition an dieser Stelle ausdrücklich.

In der Bergpredigt sagt Christus das, was ich abschließend den Verfechtern der Petition zurufe: „Petite, et dabitur vobis“: „Bittet, dann wird euch gegeben“ (Mt 7,7). Ich jedenfalls werde mich nach Kräften dafür einsetzen, dass diese Bitten nicht ungehört verhallen.