Einladungen, Gott in allem den Vorrang zu geben

Die unter dem Pseudonym „Christianus“ publizierten Kolumnen Bischof Krenns sind im Kern zeitlose Katechesen. Von Stephan Baier

Kurt Krenn hat als Weihbischof in Wien (1987 bis 1991) und Diözesanbischof von St. Pölten (1991 bis 2004) mitunter polarisiert. Seine Kolumnen jedoch, die unter dem Pseudonym „Christianus“ mehr als ein Jahrzehnt lang in der auflagenstärksten Tageszeitung Österreichs erschienen, waren nicht Gegenstand der kirchenpolitischen Grabenkämpfe seiner Zeit. In eigener Sache zu begründen oder zu verteidigen, wäre Krenn zu anspruchslos, wohl auch zu langweilig gewesen. Seine „50 Zeilen mit Gott“, die an Sonntagen und Feiertagen in der „Kronen Zeitung“ publiziert wurden, waren anspruchsvolle Katechesen, die die Mitte eines Festes oder einer kirchlichen Lehre freilegten und pointiert auf den Punkt brachten. Sein Publikum vor Augen, hielt sich der Autor hier – anders als in seinen philosophischen Aufsätzen – stets an den Ratschlag des großen Wiener Satirikers Karl Kraus, man dürfe dem Leser nur gedankliche, keine sprachlichen Schwierigkeiten bereiten.

Mehr als ein Jahr nach dem Ableben von Bischof Krenn hat nun sein Schwager Rudolf Födermayr die „Christianus“-Kolumnen in Buchform herausgegeben. So ist, trotz aller Zeitbezüge mancher Texte, ein höchst lesenswerter Sammelband entstanden, dessen Aufsätzen bis heute gelingt, was ihr Verfasser damals beabsichtigte: „Ereignisse des Lebens und der Geschichte immer wieder auf Gott zu beziehen“. Krenn wandte sich mit seinen Kolumnen einst an ein breites und heterogenes Publikum, fernab bischöflicher Kanzeln. Gleichwohl nähern sich seine Texte dem Kern des Glaubens nicht schüchtern von ferne, sondern zeigen ihn mutig in seiner Schönheit und Kraft.

Die Texte führen ohne große Umschweife zum Sinn heiliger Zeiten und heiliger Zeichen, großer Feste und Dogmen. Sie entlarven die Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit einer ganz dem Konsum, der Unterhaltung oder auch der bürgerlichen Betriebsamkeit hingegebenen Zeit. Wenn „Christianus“ die Langeweile der Moderne und ihre Unfähigkeit zur innerlichen Freude bloßstellt, dann mit dem erklärten Ziel, den Leser zur wahren Freude am Mysterium der Erlösung zu führen. „Wenn die Freude aus der Seele des Menschen kommt, muss sie notwendig Wohlwollen, Geduld, Wahrhaftigkeit, Güte, Barmherzigkeit, Glaube, Hoffnung und in allem Liebe sein.“ Diese Freude könne auch die Welt verändern, als „Freude im Herrn“ und „Freude des Gewissens, das sich mit Gottes Willen in Übereinstimmung weiß“.

Wer die „Christianus“-Kolumnen liest und die österreichische Debattenlage der turbulenten Jahre nach 1986 kannte, wird ahnen, warum sich Bischof Krenn zu einem Pseudonym entschloss: So konnte er seine Botschaft, die Botschaft der katholischen Kirche, unbehindert vom Ringen um seine Person und sein bischöfliches Handeln einem breiten Publikum vorlegen. Und so konnte sich „Christianus“ jenseits kirchenpolitischer Kontroversen auf das konzentrieren, was Kurt Krenn stets das zentrale Anliegen war: die wirkliche Wirklichkeit Gottes wieder ins Bewusstsein der Menschen seiner Zeit zu rücken. „An keinem Tag lässt uns Gott allein, niemals wird uns Gottes Hilfe fehlen, niemals lässt Gott es zu, dass wir über unsere Kräfte versucht sind zum Bösen“, schreibt er tröstend. Und warnend in einem anderen Text: „Das gottlose Glück ist ein Glück auf dem Boden der Angst, die sich bis in unsere Todesangst hineinzieht.“

Allen Kolumnen, ob sie sich auf Feste im Kirchenjahr, auf lebensgeschichtliche Ereignisse oder auf das aktuelle Zeitgeschehen beziehen, ist der Blick auf die ewige Berufung des Menschen eigen. „Jeder von uns ist zum Heil berufen, für jeden Menschen ist Christus Mensch geworden“, schreibt Kurt Krenn, der seine Leser einlädt „Ordnung in unseren Gedanken und Wünschen“ zu machen – um „Gott in allem den Vorrang“ zu geben. Diese Blickrichtung ist der „rote Faden“ durch die im vorliegenden Buch zusammengefassten Kolumnen, die auch heute unvermindert lesenswert sind.

Kurt Krenn: „Christianus. 50 Zeilen mit Gott“, hrsg. v. Rudolf Födermayr, Eigenverlag, 2015, 331 Seiten, ISBN 978-3-200-04173-8; Bestelladresse: Christlicher Medienversand, Waltherstraße 21, A-4020 Linz, Mail: hurnaus@aon.at, EUR 14,50 zzgl. Porto.