Eine kopernikanische Wende?

Was uns der Blick in die Dunkelheit lehrt – Der Jesuitenorden und die Banalität des Bösen

Ich bin mit Leib und Seele Jesuit. Der spirituellen Tiefe und der geistigen Weite dieses Ordens verdanke ich, was und wer ich bin. Ich gehöre zur Generation des Berliner Kollegsrektors Pater Mertes und des heutigen Provinzoberen Pater Dartmann. Wir haben gemeinsam mit Enthusiasmus und Optimismus vor dreißig Jahren diesen Weg begonnen, der uns dann an völlig verschiedene Orte führte. Ich habe die privilegierte Existenz im „Elfenbeinturm“ in- und ausländischer Universitäten, die der Orden mir ermöglichte, gerne geführt. Das Thema „Missbrauch“ war eines, das ich vor allem aus der Lektüre der New York Times kannte, es berührte meine Lebenswelt wenig. Heute muss ich bekennen: Das Schweigen fing damit schon in den Köpfen an. Es gab kaum ein Sensorium für das, was da im kollektiven Dunkel der Vergangenheit existierte. Das Ziel des Ordens ist „iuvare animas“, den Menschen zu helfen. Deshalb geht es hier nicht um uns Jesuiten, sondern um diejenigen, die unserer Fürsorge anvertraut werden. Womit der Orden sich deshalb auseinandersetzen muss, ist die Tatsache, dass einzelne seiner Mitglieder das Vertrauen, das kindliche Seelen in sie setzten, schändlich verletzt haben. Die volle und nur schwer erträgliche Anerkennung dieser Tatsache wird weitreichende und nachhaltige Konsequenzen zeitigen.

Im Jahre 1956 schrieb Karl Rahner seinen berühmten Aufsatz über die Logik der existenziellen Erkenntnis. Er war Quelle und Ausdruck einer kopernikanischen Wende in der Weise, wie Jesuiten ihre Spiritualität vermittelten. Nicht mehr das objektive Glaubensgut, das dem Einzelnen möglichst effektiv durch Übung vermittelt werden sollte, stand im Mittelpunkt, sondern das einzelne Glaubenssubjekt in seiner ganz persönlichen Beziehung zu Gott. Ein ähnlicher Perspektivwechsel ist heute erneut von uns verlangt. In der Vergangenheit stand in Fällen von Missbrauch die Institution im Mittelpunkt und die Frage danach, wie sie mit Tätern und damit Sündern in ihrer Mitte umging. Diese Sichtweise muss in einer Art kopernikanischer Wende überwunden werden. Die alternative Sicht, die wir nun sichtbar einnehmen müssen, ist die des einzelnen Opfers von Gewalt. Das ist ein kollektiver Lernprozess für die Kirche. Jeder theologisch Versierte wird leicht einsehen, warum sich diese Forderung aus dem Evangelium ableiten lässt. Aber auch unabhängig davon ergibt sie sich aus dem Vorrang des Individuums vor der Institution, der sich philosophisch aufweisen lässt. Ein wesentliches Element der Schweigespirale, die jahrelang kaum behelligte Täterschaft ermöglichte, ist der Verdrängungsprozess, der sich aus der Angst um die Konsequenzen für die Institution herleitet. Was würde geschehen, wenn der gute Ruf beschädigt würde? Gäbe man nicht den Gegnern scharfe Munition in die Hände, verspielte man nicht seine Glaubwürdigkeit? Kann es überhaupt sein, dass einer von uns so etwas tut? Diese Fragen sind wie eine Schere im Kopf, die das Band der Kommunikation mit dem Opfer zerschneidet. Sie sind wie Scheuklappen, die den Blick auf die Realität verengen. Das Opfer ist wie einer, der mit seiner Not unter einer Lawine der Normalität lebendig begraben liegt. Ohne gezielte Aufmerksamkeit läuft man einfach an ihm vorbei. Die „Ortungsgeräte“ müssen permanent auf Empfang gestellt sein für die kaum wahrnehmbaren Signale der so Bedrängten. Wie kann man in einem Orden, in der Kirche eine Kultur des Hinsehens, des einfühlsamen Spürens entwickeln? Das ist keine Randfrage. Die Glaubwürdigkeit der Botschaft wird daran gemessen werden, ob dies überzeugend gelingt.

Radikale Ideologiekritik statt Selbstvergewisserung

Ein wesentlicher Schritt auf diesem Weg, die Welt aus der Perspektive der Opfer zu sehen, ist eine radikale Ideologiekritik der „Erklärungen“ des Missbrauchs. Es war, nicht nur für einen Philosophen, ein erbärmliches Schauspiel, wie in den letzten Wochen der Missbrauch von Kindern von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen ideologisch instrumentalisiert wurde. Die Suche nach einer Erklärung solch unverständlicher Verhaltensweisen ist ihrerseits nur allzu verständlich. Es ist eine Weise, das Unbegreifliche, das aus einem Dunkel der kollektiven Verdrängung emporsteigt, im Licht altbewährter Erklärungsmuster in ein Kategoriensystem einzuordnen. Der liberale Katholik wird geneigt sein, den Zölibat und die kirchliche Sexualethik als Ursachen zu sehen, der konservative Katholik wird hingegen die permissive Gesellschaft als Schuldigen entdecken, deren giftige Dämpfe durch die nach dem Konzil geöffneten Fenster der Priesterseminare zogen. Solche Abstraktionen treffen kaum die konkrete Realität der Täter, sondern dienen hauptsächlich der intellektuellen Selbstvergewisserung ihrer jeweiligen Autoren. Wenn man nur einmal die beiden angeklagten ehemaligen Jesuiten im Canisiuskolleg heranzieht, so erkennt man bereits, dass die Psychopathologie ihres Missbrauchs so unterschiedlich ist, dass man sie unmöglich auf eine gemeinsame gesellschaftliche oder kirchliche Ursache zurückführen kann. Die Banalität des Bösen liegt auch und gerade in seiner unableitbaren Individualität, dem zusammengewachsenen Geflecht einer ganz individuellen Biographie, insbesondere einer ganz individuellen Kindheit. Es ist interessant, dass gerade die aufgeklärten Kreise unserer Gesellschaft diese Lektion Freuds anscheinend nicht gelernt haben. Theologisch gesprochen liegt die Banalität des Bösen auch in seiner alle Menschen durchdringenden Präsenz. Fast jeder ist unter geeigneten Umständen potenziell ein Gewalttäter, auch gegen Kinder. Es gibt daher keine simplen, verallgemeinernden Erklärungen. Es kann so nicht überraschen, dass seit Jahren eine empirische Untersuchung nach der anderen belegt, dass katholische Priester keineswegs häufiger Täter sexualisierter Gewalt sind als andere Gesellschaftsgruppen. Sehr umfangreiche Untersuchungen in den USA haben deutlich gezeigt, dass sich das Problem des Missbrauchs von Kindern in vergleichbarem, teils größerem Umfang auch in anderen christlichen Konfessionen, nichtchristlichen Religionen und säkularen Gruppierungen stellt. Das Herausgreifen der Katholiken als Sündenbock ist Teil eines gesellschaftlichen Verdrängungsprozesses. Interessierte kirchen- und religionskritische Kreise waren natürlich nur allzu gerne bereit, auf diesen Zug aufzuspringen und ihn anzufeuern. Sie werden sich ehrlich selbst die Frage beantworten müssen, ob es ihnen nur um die Opfer oder auch um etwas anderes ging. Als Vorbild könnten sich einige den Atheisten Richard Dawkins nehmen. Er schreibt in seinem Buch „Der Gotteswahn“, dass es in den nichtkirchlichen Internaten, die er besuchte, Lehrer mit einer ungebührlichen Neigung zu Knaben gab. Er beteuert, dass er eine Abneigung gegen die katholische Kirche empfinde, aber eine noch tiefere Abneigung hege er gegen Ungerechtigkeit. Und, fährt er fort, die Art, wie nun diese eine Institution selektiv wegen dieser Sache dämonisiert werde, sei ungerecht. Die katholische Kirche mit ihrer kollektiven Verweigerung bestimmter Aspekte der Moderne, mit ihrer zur Schau gestellten Andersartigkeit, eignet sich besonders als Objekt eines Sündenbockmechanismus. Eine Gesellschaft wie die deutsche der Gegenwart, in der jährlich fast 15 000 Fälle von Kindesmissbrauch zur Anzeige kommen, in welcher der reale Missbrauch noch geschätzte zehn- bis zwanzigmal höher liegt, hat allen Grund, die eigene Schuld durch eine medial zur Schau gestellte Empörung über eine einzelne Gruppe zu verdrängen. Im Interesse der abertausenden von Opfern muss jedoch dieser Mechanismus durchbrochen werden.

Die Kirche wird diese Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft aber nicht dadurch fördern können, dass sie nun „tu quoque“ ruft und mit Fingern auf andere zeigt, sondern nur dadurch, dass sie sich mehr und mehr als nicht ruhender Anwalt der Opfer und damit als ein gesellschaftliches Vorbild etabliert. Davon ist sie noch weit entfernt. Auf dem angesichts eigener Schuld steinigen Weg dahin darf sie aber auch nicht vorschnell gesellschaftlichem Anpassungsdruck nachgeben. Hinter dem Ruf nach ausnahmsloser Meldung aller Fälle an den Staatsanwalt könnte sich nämlich im Grunde wiederum der Ruf nach einer mächtigen Institution, dem Staate, verbergen. Für manche Opfer wird die Aussicht einer unabwendbaren staatsanwaltlichen Untersuchung die Offenbarung des Erlebten unmöglich machen. Die Sicht aus der Perspektive der Opfer legt hier zumindest die Möglichkeit eines Vetorechtes der Geschädigten nahe. Die Priorität der Opferperspektive hat einige andere praktische Konsequenzen. Institutionen, die höchste Maßstäbe der Prävention erfüllen, erhalten in den Vereinigten Staaten ein Gütesiegel. Es sollte darüber nachgedacht werden, ob man für kirchliche Einrichtungen, vom Kindergarten bis zur Schule, ein ähnliches Qualifizierungsprogramm anbietet und zertifiziert.

Kinder mit dem notwendigen Selbstbewusstsein stärken

Die ohne Zweifel sachlich angemessene Forderung nach weiter verbesserten und psychologisch fundierteren Auswahlverfahren der Priesteramtskandidaten ist aber zunächst wiederum aus der Perspektive der Institution gedacht. Wäre es nicht auch zu wünschen, dass die Priesteramtskandidaten in ihrer Ausbildung einmal mit Opfern sexualisierter Gewalt ins Gespräch kämen, um so mehr Empathie und Sensibilität für diese zu entwickeln? Wäre es nicht ebenso drängend, neben dem eigenen Personal vor allem die den kirchlichen Einrichtungen anvertrauten Kinder mit dem notwendigen Rüstzeug auszustatten. Das bedeutet vor allem, ihnen die Kraft zu geben, sich zu wehren und ein deutliches „Nein“ zu sagen. Das kann man einüben und fördern. Letztlich geht es auch darum, ich-starke Kinder zu erziehen, die sich von einem Repräsentanten einer mächtigen Institution nicht einschüchtern oder gar zum Schweigen bringen lassen. Ob der Kirche das überzeugend gelingt, das ist auch die Frage danach, ob sie die Welt in Zukunft mehr als bisher aus der Perspektive potenzieller Opfer sehen will. Eine kopernikanische Wende? Vielleicht nicht ganz, denn die Kirche war nie nur System und Institution. Aber eine neue Justierung auf die Botschaft des Jesus von Nazareth ist es allemal.