Eine Unsumme von Gedankensplittern

Die Bischöfe in Rom arbeiten am Schlussdokument der Jugendsynode: Die Kirche als plurale Wirklichkeit. Von Guido Horst

Bei der Bischofssynode treffen diverse Realitäten aufeinander. Foto: dpa
Bei der Bischofssynode treffen diverse Realitäten aufeinander. Foto: dpa

Die Jugendsynode in Rom ist wirklich bunt. Nicht von den Farben her – das auch, denn die Teilnehmer kommen aus allen Kontinenten. Sondern wegen der Vielfalt des Programms, das noch am vergangenen Wochenende die Feier von sieben neuen Heiligen erlebt hat, am vergangenen Dienstag aber etwa auch ein Treffen von Jungen und Alten mit dem Papst im Kirchengeschichtsinstitut „Augustinianum“ direkt am Petersplatz. Franziskus wollte diese Zusammenführung der Generationen als Bestandteil der Synode, alte und junge Teilnehmer aus Kolumbien, Italien und Malta hatten dabei die Gelegenheit, dem Papst Fragen zu stellen. Auch der amerikanische Star-Regisseur Martin Scorsese saß unter den Gästen. Franziskus rief etwa dazu auf, zum Schutz vor Populismus immer wieder an die schrecklichen Kriege der Vergangenheit zu erinnern. Dies sei besonders bedeutend für alle Generationen, die die beiden Weltkriege nicht mehr erlebt hätten. Es sei wichtig, dass sie die Anfänge des Populismus kennen würden. Dabei nannte er auch die Machtergreifung durch Adolf Hitler 1933, die nie in Vergessenheit geraten dürfe. Die Erinnerung an die Weltkriege sei zwar eine negative Erfahrung, aber dennoch „ein Schatz“, wenn es darum gehe, nicht noch einmal die gleichen Fehler zu begehen.

Heute werden die Bischöfe auf der Synode in einer Prozession durch Rom zum Grab des Apostel Paulus ziehen. Solche bunten Einsprengsel gibt es bei der fast vierwöchigen Versammlung viele, doch jetzt bleibt den Bischöfen nichts anderes übrig, als bis Samstagabend über ihr Abschlussdokument zu beraten und darüber absatzweise abzustimmen, wobei jeweils eine Zweidrittelmehr für die Annahme nötig ist.

Die Synode erlebte Wellen, die jeweils die unterschiedlichsten Themen nach oben spülten. Die erste Woche stand noch im Zeichen der Missbrauchsskandale, die nicht eigentliches Thema der Synode waren, aber die Synodenväter zu einem klaren Wort zur Wiedergewinnung der Glaubwürdigkeit der Kirche brachten. Die zweite Woche, in der es nach der Beschreibung der Lebenswirklichkeiten der Jugendlichen in aller Welt eher um Fragen wie Migration, die Rolle der Frau in Leitungsämtern, die Sexualmoral und die Christusbegegnung ging, brachte wiederum eine Vielfalt von Zeugnissen, was sich dann in der dritten Synodenwoche nochmals verstärkte. So sagte Bischof Bienvenu Manamika Bafouakouahou aus Dolisie im Kongo, man habe unter den Synodenteilnehmer „nicht dieselben Erfahrungen, aber wir haben einige Fragen gemeinsam“. So sehe Afrika das Thema Migration anders als Europa, wo man den Akzent eher darauf lege, dass Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben seien. „Ich dagegen“, sagte er beim Pressebriefing vor Journalisten, „habe auf der Tatsache insistiert, dass ein Grund für die Migration auch die Ausbeutung der Natur durch die Rohstoff-Industrie ist, die die Jugendlichen unter Mitverantwortung der multinationalen Unternehmen aus ihrer Heimat vertreibt und sie zwingt, saubere Luft zum Atmen woanders zu finden“. Andererseits, so der Bischof weiter, sei die LGBT-Programmatik „ein typisches Argument, das in Afrika nicht so ein Gewicht hat wie in Europa, man muss da eher von einer europäischen Sorge sprechen, während sich Afrika mehr in den allgemeinen Themen wiederfindet“.

Auch Antonio Spadaro SJ, Direktor der Jesuiten-Zeitschrift „La Civilta Cattolica“ und Sekretär der Synoden-Kommission für die Medienarbeit, stellte vor Journalisten die „große Komplexität und Unterschiedlichkeit“ heraus, die bei den Redebeiträgen in der Synodenaula sichtbar würden: „Die Kirche ist immer sehr in die Umgebung eingebunden, in der sie jeweils lebt, die Unterschiede wachsen, die Diskussion ist reicher und komplexer, auch in den unterschiedlichen Sprachgruppen. Es ist eine positive Herausforderung für die Kirche, immer pluraler zu werden und fähig zu sein, die verschiedenen Kulturen zu hören und in sie einzutauchen. In diesem Sinn kann man von der Synode als einem wunderbaren Ereignis sprechen, davon, das man denselben Glauben teilt, der aber in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen inkarniert ist“.

Wer solche Schilderungen aus dem Mund der Synodalen hört, kann sich vorstellen, wie schwierig es sein wird, bis zum Wochenende ein einigermaßen kompaktes Abschlussdokument mit inhaltlichen Botschaften an die Jugendlichen zu beschließen. Anmerkungen wird es in dem Text viele geben. So wies Kardinal Luis Antonio Tagle aus Manila vor Medienvertretern zum Hinweis, dass bereits im Arbeitsdokument der Synode der Begriff LGBT aufgetaucht sei, darauf hin, dass auch im abschließenden Synodendokument die Frage der Homosexualität angesprochen werde: „In den Interventionen in der Aula und in den Sprachgruppen war die Annäherung der Kirche an die sogenannten LGBT-Gruppierungen präsent und ist immer wieder thematisiert worden.“ Der Appell an die Kirche, „einladend zu sein, eine Kirche zu sein, die auf die Menschlichkeit von allen schaut, ist immer gegenwärtig, es ist nicht ein einzelnes Thema, sondern der grundlegende Geist“.

Ein anderer Kardinal, Erzbischof Charles Maung Bo von Rangun in Myanmar, sprach vor den Journalisten das Drama der jungen Frauen in China und die Maßnahmen der Kirche gegen den Menschenhandel an. Auch das ein Synodensplitter, von dem man noch nicht weiß, wie er mit den anderen vielen Gedanken ein aussagekräftiges Schlussdokument ergeben soll. Die Aufgabe der Synodalen ist es jetzt, die „modi“, die Änderungsvorschläge, in den vom Synodensekretariat erstellten Basistext einzuarbeiten. Ob das das abschließende Wort der Synode klarer macht, bleibt abzuwarten.