„Eine Kultur des Bewahrens“

Begegnung mit den Vertretern der Regierung und des öffentlichen Lebens sowie mit dem Diplomatischen Korps im State House in Nairobi 25. November 2015

Papst Franziskus ermutigte in Nairobi zum Einsatz für Arme und Jugendliche. Foto: dpa
Papst Franziskus ermutigte in Nairobi zum Einsatz für Arme und Jugendliche. Foto: dpa

Herr Präsident,

ehrenwerte Vertreter der Regierung und des öffentlichen Lebens,

sehr geehrte Mitglieder des Diplomatischen Corps,

liebe Mitbrüder im Bischofsamt,

meine Damen und Herren,

ich bin sehr dankbar für Ihren herzlichen Empfang bei diesem meinem ersten Besuch in Afrika. Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für Ihre freundlichen Worte im Namen des kenianischen Volkes, und ich freue mich auf meinen Aufenthalt bei Ihnen. Kenia ist eine junge und lebenssprühende Nation, eine sehr vielfältige Gesellschaft, die in der Region eine bedeutende Rolle spielt. In vieler Hinsicht ist Ihre Erfahrung der Gestaltung einer Demokratie die gleiche wie in vielen anderen afrikanischen Nationen. Wie Kenia arbeiten auch diese daran, auf den soliden Fundamenten der gegenseitigen Achtung, des Dialogs und des Zusammenwirkens eine multiethnische Gesellschaft aufzubauen, die wirklich harmonisch, gerecht und inklusiv ist.

Ihre Nation ist auch eine Nation junger Menschen. Ich freue mich darauf, in diesen Tagen vielen von ihnen zu begegnen, mit ihnen zu sprechen und sie in ihren Hoffnungen und Bestrebungen für die Zukunft zu ermutigen. Die Jugendlichen sind die wertvollste Ressource jeder Nation. Sie zu schützen, in sie zu investieren und ihnen eine helfende Hand zu reichen, ist die beste Weise, wie wir eine Zukunft sichern können, die der Weisheit und der geistigen Werte ihrer Vorfahren würdig ist– Werte, die das eigentliche Wesen eines Volkes ausmachen.

Kenia ist nicht allein durch eine unermessliche Schönheit in seinen Bergen, Flüssen und Seen, seinen Wäldern, Savannen und Halbwüsten gesegnet, sondern auch durch einen Überfluss an natürlichen Ressourcen. Das kenianische Volk hat einen starken Sinn für diese gottgegebenen Schätze und ist bekannt für eine Kultur des Bewahrens, die Ihnen alle Ehre macht. Die schwere Umweltkrise, mit der unsere Welt konfrontiert ist, verlangt eine immer größere Sensibilität für den Zusammenhang zwischen Mensch und Natur. Wir tragen eine Verantwortung dafür, die Schönheit der Natur in ihrer Unversehrtheit an die kommenden Generationen weiterzugeben, und sind verpflichtet, die erhaltenen Gaben in rechter Weise zu verwalten. Diese Werte sind tief in der afrikanischen Seele verwurzelt. In einer Welt, die fortfährt, unser gemeinsames Haus eher auszubeuten als es zu schützen, müssen sie die Bemühungen nationaler Leader um die Förderung verantwortlicher Modelle des Wirtschaftswachstums inspirieren.

Tatsächlich besteht eine deutliche Verbindung zwischen dem Umweltschutz und dem Aufbau einer gerechten und fairen Gesellschaftsordnung. Es kann keine Erneuerung unserer Beziehung zur Natur geben ohne eine Erneuerung der Menschheit selbst (vgl. Laudato si?, 118). In dem Maße, in dem unsere Gesellschaften ethnische, religiöse oder wirtschaftliche Spaltungen erleben, sind alle Menschen guten Willens aufgefordert, für Versöhnung und Frieden, Vergebung und Heilung zu arbeiten. Bei der Bemühung, eine gesunde demokratische Ordnung zu schaffen, indem man Zusammenhalt und Integration, Toleranz und Achtung gegenüber anderen stärkt, muss die Verfolgung des Gemeinwohls ein Hauptziel sein. Die Erfahrung zeigt, dass Gewalt, Konflikt und Terrorismus durch Angst, Misstrauen und durch die Verzweiflung genährt werden, die aus Armut und Frustration entspringt. Letztlich muss der Kampf gegen diese Feinde des Friedens und des Wohlstands von Männern und Frauen geführt werden, die unerschrocken an die großen geistigen und politischen Werte, welche die Geburt der Nation inspirierten, glauben und sie ehrlich bezeugen.

Meine Damen und Herren, die Förderung und Bewahrung dieser großen Werte ist in besonderer Weise Ihnen, den Leadern des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens Ihres Landes anvertraut. Das ist eine große Verantwortung, eine wahre Berufung im Dienst des gesamten kenianischen Volkes. Das Evangelium sagt uns, dass von denjenigen, denen viel anvertraut wurde, viel verlangt wird (vgl. Lk 12,48). In diesem Sinn ermuntere ich Sie, mit Rechtschaffenheit und Transparenz für das Gemeinwohl zu arbeiten und in allen Gesellschaftsschichten einen Geist der Solidarität zu fördern. Ich bitte Sie insbesondere, eine aufrichtige Sorge für die Bedürfnisse der Armen und die Bestrebungen der Jugendlichen erkennen zu lassen und für eine gerechte Verteilung der natürlichen und menschlichen Ressourcen zu sorgen, mit denen der Schöpfer Ihr Land gesegnet hat. Ich versichere Sie der ständigen Bemühungen der Gemeinschaft der katholischen Christen, durch ihre Bildungseinrichtungen und ihre karitativen Werke ihren besonderen Beitrag auf diesen Gebieten zu leisten.

Liebe Freunde, man hat mir gesagt, dass es hier in Kenia bei den kleinen Schulkindern Tradition ist, Bäume für die Nachwelt zu pflanzen. Möge dieses beredte Zeichen der Hoffnung auf die Zukunft und des Vertrauens auf das von Gott gegebene Wachstum Sie alle in Ihren Bemühungen unterstützen, auf dem Boden dieses Landes und überall auf dem großen afrikanischen Kontinent eine Gesellschaft der Solidarität, der Gerechtigkeit und des Friedens zu fördern. Ich danke Ihnen nochmals für Ihren herzlichen Empfang und rufe auf Sie und Ihre Familien sowie auf das ganze geschätzte kenianische Volk den reichen Segen des Herrn herab.

Mungu abakiri Kenya! (Gott segne Kenia!)

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