Eine Abtei in der Auflösung?

Beschuldigungen, Strafanzeigen, Insolvenz: Das Heidelberger Stift Neuburg kommt nicht zur Ruhe. Nach der Absetzung von Abt Winfried Schwab macht immer wieder die Rede von einer Auflösung der Abtei die Runde. Von Kilian Martin

Kloster Stift Neuburg
Dem Konvent des Stifts Neuburg in Heidelberg gehören derzeit noch elf Mönche an. Foto: Diana Deutsch/Abtei Neuburg

Im Frühjahr 2016 sieht es noch gut aus für das monastische Leben im Stift Neuburg. Der 12. März markiert einen Neuanfang für den kleinen Benediktinerkonvent in Heidelberg. Es ist der Tag der Benediktion von Winfried Schwab als neuem Abt. Die Mönche haben den damals 51-jährigen Benediktiner aus dem österreichischen Stift Admont ausgewählt, das Kloster am Neckar in die Zukunft zu führen. Schnell wird Schwab bekannt als einer, der nicht nur verwalten, sondern die Abtei neu beleben will. Der „Himmelsstürmer“, wie Schwab genannt wird, hat Großes vor. Er wolle das Kloster „zu einem Zentrum benediktinischen Dialogs mit den Wissenschaften und der Kultur zu entwickeln“, sagt er im August 2017 der „Tagespost“. In Kooperation mit Hochschulen in der Region werden Studiengänge geplant, ein renommiertes Architektenbüro erhält den Auftrag, ein College für katholische Akademiker in der Abtei zu planen.

Neben den Zukunftsplänen hat Schwab von Beginn an aber auch geerbte Probleme aus der Zeit seines Vorgängers, Franziskus Freiherr Heereman von Zuydtwyck, zu bewältigen. Er übernimmt einen Rechtsstreit mit den Pächtern der Klosterbetriebe. Im Jahr 2007 waren Land- und Gastwirtschaft an externe Unternehmer vergeben worden. Keine zehn Jahre später ist der Konvent mit deren Arbeit so unzufrieden, dass die Benediktiner keine andere Möglichkeit als die Kündigung sehen. Die folgende Auseinandersetzung wird bis hinauf zum Bundesgerichtshof getragen und erst im Sommer 2018 mit der Zwangsräumung beigelegt.

Abt Winfried und seine Mitarbeiter sehen in der Übernahme der Betriebe eine große Chance. Sie sollen die nötigen finanziellen Mittel nicht nur für die Entwicklung, sondern auch ganz grundlegend für den Erhalt des Klosters liefern. Zu diesem Zweck wird im Januar 2018 die Stift Neuburg Ökonomie GmbH gegründet, Co-Geschäftsführer werden Claudia Rhein und Mathias Braun.

Zu diesem Zeitpunkt kündigen sich jedoch bereits massive Verwerfungen rund um den Benediktinerkonvent an. Im Mai 2017 hatten Vertreter der Kongregation von Beuron unter der Leitung von Abtpräses Albert Schmidt in der Abtei eine Visitation durchgeführt; eine Routineüberprüfung, wie sie alle sechs Jahre stattfindet. Über ein halbes Jahr später liegt jedoch noch immer kein Abschlussbericht vor. Die Verzögerung wird mit Unregelmäßigkeiten in der Wirtschaftsprüfung begründet. Die Visitatoren beschließen, ab Ende Februar erneut nach Heidelberg zu kommen.

Während die neuen Geschäftsführer mit externen Beratern und zahlreichen Freiwilligen an ihrer Vision für das Stift arbeiten, hegen die Klosterprüfer Zweifel an den Plänen. Ende April 2018 ordnen sie an, bereits vorgenommene Umstrukturierungen rückgängig zu machen. Eine tiefgreifende Wende erlebt die Situation schließlich Mitte Juli, als Abt Winfried erkrankt und zur Behandlung das Stift verlassen muss. Innerhalb weniger Wochen vollzieht die Interimsleitung unter Prior Ambrosius Leidinger mit Unterstützung der Kongregation eine fast vollständige Kehrtwende. Im August werden schließlich die beiden Geschäftsführer der GmbH entlassen, entgegen dem ausdrücklichen Wunsch des Abtes, der sich weiterhin in stationärer Behandlung befindet. Am 21. September wird schließlich auch Abt Winfried durch die Kongregation aus dem Amt entfernt.

Die Abtei erklärt nach der Absetzung Schwabs, dieser habe „bei einigen wichtigen Entscheidungen die zuständigen Gremien nicht in der Weise beteiligt“, wie es die Vorschriften vorgesehen hätten. Für nähere Auskünfte war der Beuroner Abtpräses bis zum Redaktionsschluss dieser Zeitung nicht zu erreichen. Auch Leidinger will sich über Details der Absetzung des Abtes nicht äußern. Gegenüber der „Tagespost“ gibt er jedoch zu verstehen, dass es wohl nicht allein Verfahrensfehler waren, die zur Absetzung Schwabs führten: „Es ist wie bei einer Scheidung: Man befragt zwei Parteien und meint, man hätte es mit zwei Fällen zu tun.“

In internen Stellungnahmen der Kongregation, die der „Tagespost“ vorliegen, ist stets die Rede von Verstößen gegen ordensrechtliche Bestimmungen. Der Geschäftsführung werden zudem überzogene Pläne vorgeworfen. Ein Finanzbedarf von 600 000 Euro für die Anschubfinanzierung der neuen GmbH sei zu hoch und zu spät angemeldet geworden. Die Gegenseite bestreitet dies; die Summe sei realistisch und immer offen kommuniziert worden. Auch der Gastronomieberater Uli Riedel, der für den Business-Plan engagiert wurde, sagt, das Vorhaben sei wirtschaftlich tragfähig gewesen und vergleichsweise zügig vorangeschritten.

Die Visitatoren kritisieren auch die Kooperation mit der „Pro Ecclesia Consulting“, einer Beratungsfirma für Spendenakquise. Diese hätte für ihre Tätigkeit bis zu 240 000 Euro hätte erhalten sollen. Pro-Ecclesia-Berater Michael Klug hält dagegen, er habe „ein großvolumiges Spendenaufkommen“ für realistisch gehalten. Nur deshalb sei er die langfristig angelegte Kooperation, aus der beide Seiten jederzeit hätten aussteigen können, eingegangen. Dies sei jedoch stets „mit der Vision und der Person des Abtes verbunden“ gewesen, was sich nun natürlich erledigt habe.

Rhein und Braun weisen ihrerseits auf massive Fehler in der wirtschaftlichen Leitung vor ihrer Zeit hin. Als Beispiel nennen sie einen gravierenden Fehler in der Steuererklärung der Abtei. Eine daraus resultierenden Steuerhinterziehung in sechsstelliger Höhe habe man durch eine Selbstanzeige klären müssen. Es sei eines von vielen Problemen mit dem langjährigen Verwaltungsleiter der Abtei, der seit Anfang November auch als Geschäftsführer der GmbH fungiert. Selbst Leidinger habe dies immer wieder betont. Darauf angesprochen sagt der Prior heute, er habe mit dem Verwaltungsleiter „noch nie Schwierigkeiten gehabt“.

Es sind Widersprüche wie dieser, die Fragen nach den eigentlichen Hintergründen des Geschehens aufwerfen. Im Kern geht es dabei um die Zukunft der Abtei selbst. Immer wieder heißt es, die Beuroner Kongregation plane die Auflösung des Heidelberger Klosters. Auch das verneint der Prior: „Das ist Quatsch“, sagt Leidinger. Es sei nicht notwendig, das Stift aufzuheben. Dabei war diese Option noch vor wenigen Jahren bereits in der Planung. Winfried Schwab verdankte ihr wohl sogar sein Amt als Abt. Der damalige Admonter Pater war als Moderator für die Gespräche über die Zusammenführung von Neuburg und der Erzabtei Beuron geholt worden. Das Heidelberger Stift stand damals vor einer ähnlichen Situation, wie sie in den zurückliegenden Jahren zur Schließung der Abteien in Mariawald, Himmerod, Siegburg oder Weingarten geführt hatte: Mangelnder Nachwuchs und steigende wirtschaftliche Lasten bedrohten die Existenzgrundlage. Doch dann erkannten die Heidelberger Benediktiner in Schwab einen Hoffnungsträger für den Neuanfang, erinnert sich ein Mitglied des Konvents: „Winfried hat es binnen ganz kurzer Zeit geschafft, die Stimmung komplett umzudrehen.“ Abtpräses Schmidt habe noch versucht, die Wahl Schwabs zu verhindern oder zumindest mit einer Befristung zu versehen. Am Ende standen die elf Benediktiner von Heidelberg aber geschlossen hinter der Wahl Schwabs zum Abt auf Lebenszeit. Heute fühlen sich Kritiker in ihrer Ansicht bestätigt, dass die Kongregation von Beginn an versucht habe, die dauerhafte Neuaufstellung der Abtei zu verhindern.

Trotz der anfänglichen Begeisterung regt sich zweieinhalb Jahre später im Konvent kein vernehmbarer Aufschrei, als der Abtpräses Schwab im Krankenhaus zunächst den freiwilligen Amtsverzicht nahelegt und ihn schließlich aus dem Amt entlässt. Weiterhin in stationärer Behandlung hat Schwab zwischenzeitlich bei den zuständigen Behörden im Vatikan Widerspruch eingelegt. Auch die geschassten Geschäftsführer Rhein und Braun gehen gerichtlich gegen ihre Entlassung vor. Eine Gegenklage der Abtei auf Rückzahlung ihrer Gehälter geht derzeit nicht voran, da sich die GmbH mittlerweile im Insolvenzverfahren befindet. Im Oktober hatten Rhein und Braun dieses beantragt, um einer persönlichen Haftung zu entgehen. Damals waren beide zwar bereits seit über zwei Monaten durch den Prior entlassen und am Zutritt zur Abtei gehindert, offiziell jedoch nach wie vor als Geschäftsführer eingetragen.

Ein Ausgang der diversen Auseinandersetzungen rund um das Stift Neuburg ist Ende des Jahres 2018 kaum absehbar. Die Hoffnung auf gütliche Einigungen in den strittigen Fragen hat wohl keiner der Beteiligten mehr. So bleibt die Zukunft des Stifts weiterhin ungewiss. Derzeit zeigt es – ob beabsichtigt oder nicht – das Bild einer Abtei in der Auflösung.