Ein redlicher Intellektueller

Eine geistesgeschichtliche Einordnung des Bischofs Otto von Freising. Von Clemens Schlip

Statue Bischofs Otto von Freising vor dem Freisinger Mariendom. Foto: IN
Statue Bischofs Otto von Freising vor dem Freisinger Mariendom. Foto: IN

Bischof Otto von Freising (1112–1158) gehörte gewiss zu den großen Geistern des abendländischen Mittelalters. Heute noch bekannt ist er vor allem durch die von ihm verfassten Geschichtswerke: Die in Anlehnung an Augustins „Gottesstaat“ geschriebene „Historia de duabus civitatibus“ (Geschichte der beiden Staatswesen) und die „Gesta Friderici“ (Taten Friedrich Barbarossas). Der Mittelalterhistoriker Joachim Ehlers widmet dem Bischof, der in Paris studierte und lange Zeit als Zisterzienser in der Abtei Morimond lebte, nun eine Biografie. Den Hauptakzent legt der Berliner Wissenschaftler dabei auf die geistesgeschichtliche Einordnung des gelehrten Bischofs.

Große Aufmerksamkeit widmet Ehlers den sechs Pariser Studienjahren des späteren Bischofs, deren Nachwirkungen im Denken und im Werk Ottos er detailliert nachverfolgt. Ehlers zeichnet ein sehr anschauliches und lebendiges Bild von dem intellektuellen Leben im damaligen Paris und den maßgeblichen Akteuren des dortigen frühscholastischen Schulmilieus. Da gab es zum Beispiel einen Lehrer wie Anselm von Laon, der laut den Quellen „zwar wunderbar in den Augen der Hörer, aber eine Niete in Gegenwart von Fragenden war“, aber auch jemanden wie Wilhelm von Conches, der potenzielle Frager von vornherein aggressiv abschreckte, wenn er erklärte: „Das begreifen auch Triefäugige und Friseure, deshalb geben wir dafür keinen Beweis, denn offenkundig Wahres und Falsches bedarf keines Beweises.“

Geprägt war der schulische Betrieb vom Bemühen der Lehrer, möglichst viele Schüler zu gewinnen; und natürlich auch von den Rivalitäten der verschiedenen Schulen untereinander, wobei für die Studenten oft ihre persönliche Anhänglichkeit an einen bestimmten Lehrer ausschlaggebender war als echte intellektuelle Überzeugung von der Richtigkeit seiner Positionen. Insgesamt war das intellektuelle Klima gekennzeichnet von einer zunehmenden Rezeption der antiken Philosophie und, damit einhergehend, einem Prozess rationalisierender Verwissenschaftlichung auf allen Gebieten, auch in der Theologie. Die Bestimmung des Verhältnisses von Glauben und Vernunft war ein großes Anliegen der Besten der Epoche. Die systematische Sichtung des aus der heidnischen und christlichen Antike überkommenen Wissens und die Erstellung von Curricula für die gelehrten Studien schuf die Grundlage für die Entfaltung des scholastischen Denkens im zwölften und dreizehnten Jahrhundert.

Dass Otto von seinen Pariser Studienjahren profitierte, ist unübersehbar: der Leser lernt in ihm einen selbstständigen, kritischen und unbestechlichen Geist kennen, der sich vorgenommen hatte, sich nicht wie „ein kreisendes Rad zu drehen“, sondern fest in der Tugend zu stehen. Ottos Ideal vom Wesen und Wandel eines weisen Mannes war fest in seiner philosophischen und religiösen Überzeugung von der Nichtigkeit alles Irdischen begründet: „Oft habe ich lange hin und her gesonnen über den Wandel und die Unbeständigkeit der irdischen Dinge, ihren wechselvollen, ungeordneten Verlauf, und wie ich bedenke, dass der Weise keinesfalls sein Herz an sie hängen soll, so finde ich durch vernünftige Überlegung, dass man über sie hinwegschreiten und sich von ihnen lösen müsse.“ Wer eine solche Überzeugung hat, kann in der Tat einen unabhängigen Standpunkt einnehmen, und hat es nicht nötig, diplomatische oder pragmatische Rücksichten zu nehmen.

Problematisch allerdings ist es, dass Ehlers das ganze Geschichtswerk Ottos als Ausdruck eines weltflüchtigen Moralismus deutet, und Otto kaum eine andere Intention zubilligt, als den Nachweis der Nichtigkeit alles Irdischen. Es überrascht auch die Vehemenz, mit der Ehlers jene bis heute vorherrschende Forschungsmeinung bekämpft, die Otto vor allem als bedeutenden Geschichtsschreiber und besonders als Geschichtstheologen ansieht. Ehlers negiert diesen Aspekt fast vollständig. Er interpretiert Ottos Geschichtswerk als „Projektionsfläche für eine ganz unabhängig von historiografischen Interessen ausgearbeitete Theorie und Anthropologie“; die in der Geschichte wirkenden Ideen zu ergründen oder eine Geschichtstheologie zu entwickeln, sei kein Ziel Ottos gewesen. Dieser Ansatz überzeugt wenig. Weshalb hätte Otto denn dann zwei historiografische Werke schreiben sollen, wenn er damit im Grunde nur seinen philosophischen Ansichten Ausdruck verleihen wollte? Sollen wir wirklich glauben, dass Otto dabei gar keinen historiografischen Ehrgeiz hatte? Ehlers Interpretationsansatz ist zu einseitig, um überzeugen zu können.

Eine Stärke von Ehlers Buch liegt in der lebendigen Nachzeichnung der intellektuellen und theologischen Debatten, die Otto und seine Zeitgenossen beschäftigten. So nahm Otto intensiv Anteil an den Kontroversen um die Person des Gilbert, Bischof von Poitier, bei dem er vermutlich in seiner Pariser Zeit Vorlesungen besucht hatte. Gilbert wurde der Häresie bezichtigt. Die Sympathien Ottos lagen dabei auf der Seite Gilberts, obwohl es gerade Bernhard von Clairvaux und sein Zisterzienserorden waren, die sich besonders entschieden gegen Gilbert stellten. Obwohl selbst Zisterzienser, stand Otto von Freising Bernhard von Clairvaux durchaus kritisch gegenüber: er warf ihm eine gewisse Leichtgläubigkeit vor, aufgrund derer er falschen Anschuldigungen gegen Gelehrte nur allzu gern Gehör gäbe. Otto berichtet in seinem Geschichtswerk ausführlich von diesen Vorgängen, die ihn offensichtlich sehr beschäftigten.

Ehlers Buch lässt vor den Augen des Lesers das geistige Panorama einer faszinierenden Epoche erstehen. Eine unübersehbare Schwäche seiner Darstellung liegt darin, dass er das ganze Leben Ottos von der Textanalyse der erhaltenen Werke her entwirft und einen rein geistesgeschichtlichen Ansatz verfolgt. Den Intellektuellen Otto lernt man auf diese Weise gut kennen. Über das durchaus auch bemerkenswerte politische Wirken des Freisinger Bischofs und Reichsfürsten erfährt man leider vergleichsweise wenig. Die mit Vehemenz vorgetragene Interpretation des Geschichtswerks Ottos als Sprachrohr seiner philosophischen Ansichten unter Ausblendung des historiografischen und geschichtstheologischen Aspekts ist zu einseitig und schlecht begründet, um überzeugen zu können. Zumindest über eines aber kann am Ende kein Zweifel mehr bestehen: Otto von Freising war nicht nur „ein Intellektueller im Mittelalter“, sondern zugleich ein Musterbild intellektueller Selbstständigkeit und Redlichkeit.

Joachim Ehlers: Otto von Freising. Ein Intellektueller im Mittelalter, C.H. Beck, München 2013, 383 Seiten, ISBN 978-3-406-65478-7, EUR 29,95