„Ein erstes Stück Verantwortung“

Vatikansprecher: Die Äußerungen des Papstes zum Kondomgebrauch sind keine „revolutionäre Wende“ – Was Benedikt XVI. in seinem Interview-Buch sagt, hatte Bischof Klaus Küng bereits vor Monaten in der „Tagespost“ geschrieben

Déja-Vu-Erlebnis: Bereits im März 2009 bestimmten die Äußerungen des Heiligen Vaters zum Gebrauch von Kondomen die media... Foto: dpa

Rom/Wien (KAP/DT) Die Äußerungen von Benedikt XVI. zum Gebrauch von Kondomen stellen nach Worten von Vatikansprecher Federico Lombardi SJ keine „revolutionäre Wende“ dar. Der Papst ändere nicht die Lehre der Kirche und er betrachte Kondome nicht als moralische Lösung gegen Aids. Aber er weise auf Ausnahmesituationen hin, in denen Sexualität ein ernstes Risiko für das Leben eines anderen bedeute, meinte Lombardi in einer Erklärung vom vergangenen Sonntag. „Der Papst rechtfertigt nicht regellosen Geschlechtsverkehr, aber er glaubt, dass der Gebrauch eines Kondoms zur Verminderung der Gefahr einer Ansteckung ein erstes Stück Verantwortung, ein erster Schritt zu einer menschlicheren Sexualität sein kann.“

Papst wahrt Treue zu moralischen Prinzipien

Benedikt XVI. habe „mit Mut einen wichtigen Beitrag zur Klärung und Vertiefung einer seit langem debattierten Frage geleistet“, so Lombardi weiter. Es sei ein „originaler Beitrag“, der einerseits die Treue zu moralischen Prinzipien wahre und vor einem illusorischen Weg warne, der blindes Vertrauen in Kondome setze. Zugleich bekunde er eine verständliche und weitsichtige Vision, sich mit kleinen Schritten um eine menschlichere Sexualität zu bemühen. Bereits in der Vergangenheit hätten sich Moraltheologen ähnlich geäußert, heißt es in der Erklärung Lombardis. „Aber bisher haben wir dies noch nicht mit solcher Klarheit aus dem Mund eines Papstes gehört, auch wenn es in Form eines Gesprächs und nicht lehramtlich erfolgte.“

In Österreich hatte sich der Sankt Pöltener Diözesanbischof Klaus Küng Mitte Juni dieses Jahres – im Vorfeld der Welt-Aids-Konferenz in Wien – ganz ähnlich geäußert. Es gebe im Blick auf das grundsätzliche Kondomverbot „einige Detailfragen, in denen eine Differenzierung möglich, vielleicht auch nötig ist“, schrieb Bischof Küng damals in der „Tagespost“. Es stehe nicht im Widerspruch zum kirchlichen Lehramt, etwa zur Enzyklika „Humanae vitae“, in bestimmten Grenzfällen die Verwendung von Kondomen zu ermöglichen.

Küng vertrat damals die Auffassung, „dass es in manchen konkreten Fällen in der Ehe, wenn sich ein Partner infiziert hat – unter der Voraussetzung, dass die Krankheit beim Infizierten unter Kontrolle ist und der gesunde Partner freiwillig zustimmt –, erlaubt oder sogar geboten sein kann, zum Schutz des anderen ein Kondom zu verwenden“. In dieser Situation sei nicht Empfängnisverhütung das Ziel der Verwendung des Kondoms, sondern der Schutz des anderen. Bei Drogenabhängigen und Personen, „die in keiner Weise zu sexueller Enthaltsamkeit bereit sind“, könnten Einrichtungen für ihre Klienten Kondome bereitstellen, „ohne dadurch in sich schlechte Handlungen zu rechtfertigen“. Gleichzeitig bestehe die unerlässliche Pflicht, vor Gefahren zu warnen und zu gesundheitsförderlichen Verhaltensänderungen aufzurufen, so Bischof Küng damals in dieser Zeitung. Ergänzend betonte er, um die rasche Ausbreitung dieser ohne Therapie tödlich verlaufenden Krankheit zu stoppen, habe die Kirche stets auf eine breite Strategie gesetzt: auf Information über die Krankheit, auf die Ermutigung, den Arzt aufzusuchen, vor allem aber auf eine „sorgfältige Partnerwahl und Treue in der Ehe sowie damit verbunden die Enthaltsamkeit von sexuellen Kontakten außerhalb der Ehe“.

Zurückhaltend sei die Kirche jedoch weiterhin „gegenüber jenen Gesundheitsprogrammen, die in einer möglichst breit gestreuten Verbreitung von Kondomen die wichtigste Maßnahme oder fast das Allheilmittel zur Eindämmung der Pandemie sahen“, stellte Küng fest. Die Bekämpfung von Aids durch eine möglichst flächendeckende Verteilung von Kondomen sei sicher nicht der richtige Weg, schrieb der österreichische „Familienbischof“, der vor seiner geistlichen Berufung als Arzt tätig war.

Ähnlich klingt das, was Papst Benedikt in dem jüngsten Interview-Buch erklärt, wo er das Thema in den Antworten auf zwei Fragen des Journalisten Peter Seewald anschneidet. Mit der Afrika-Reise im März 2009, so lautet die Frage Seewalds, sei erneut die Aidspolitik des Vatikans ins Visier der Medien geraten. Dabei würden 25 Prozent aller Aidskranken in der ganzen Welt heute in katholischen Einrichtungen behandelt. Seewald erinnert an die Äußerung des Papstes auf dem Flug nach Afrika, dass sich die traditionelle Lehre der Kirche als einzig sicherer Weg erwiesen, die Verbreitung von HIV aufzuhalten. Kritiker dagegen, auch aus den Reihen der Kirche, würden aber dagegen halten, es sei Wahnsinn, einer aidsgefährdeten Bevölkerung die Benutzung von Kondomen zu verbieten. Darauf gibt Benedikt XVI. in dem Interview-Buch folgende Antwort:

„Die Afrika-Reise ist publizistisch völlig verdrängt worden durch einen einzigen Satz. Man hatte mich gefragt, warum die katholische Kirche in Sachen Aids eine unrealistische und wirkungslose Position einnehme. Daraufhin fühlte ich mich nun wirklich herausgefordert, denn sie tut mehr als alle anderen. Und das behaupte ich auch weiterhin. Weil sie als einzige Institution ganz nah und ganz konkret bei den Menschen ist, präventiv, erziehend, helfend, ratend, begleitend. Weil sie so viele Aidskranke und insbesondere an Aids erkrankte Kinder behandelt wie niemand sonst. Ich konnte eine dieser Stationen besuchen und mit den Kranken sprechen.

Das war die eigentliche Antwort: Die Kirche tut mehr als die anderen, weil sie nicht nur von der Tribüne der Zeitung aus redet, sondern den Schwestern, den Brüdern vor Ort hilft. Ich hatte dabei nicht zum Kondomproblem generell Stellung genommen, sondern, was dann zum großen Ärgernis wurde, nur gesagt: Man kann das Problem nicht mit der Verteilung von Kondomen lösen. Es muss viel mehr geschehen. Wir müssen nahe bei den Menschen sein, sie führen, ihnen helfen; und dies sowohl vor wie nach einer Erkrankung. Tatsächlich ist es ja so, dass wo immer sie jemand haben will, Kondome auch zur Verfügung stehen. Aber dies allein löst eben die Frage nicht. Es muss mehr geschehen. Inzwischen hat sich gerade auch im säkularen Bereich die so genannte ABC-Theorie entwickelt, die für „Abstinence – Be faithful – Condom“ steht [Enthaltsamkeit – Treue – Kondom], wobei das Kondom nur als Ausweichpunkt gemeint ist, wenn die beiden anderen Punkte nicht greifen. Das heißt, die bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen. Deshalb ist auch der Kampf gegen die Banalisierung der Sexualität ein Teil des Ringens darum, dass Sexualität positiv gewertet wird und ihre positive Wirkung im Ganzen des Menschseins entfalten kann.

Begründete Einzelfälle rechtfertigen Gebrauch

Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will. Aber es ist nicht die eigentliche Art, dem Übel der HIV-Infektion beizukommen. Diese muss wirklich in der Vermenschlichung der Sexualität liegen.“ Soweit die Antwort des Papstes.

In einer Nachfrage will Seewald wissen, ob das nun heiße, dass die katholische Kirche gar nicht grundsätzlich gegen die Verwendung von Kondomen sei. Daraufhin nochmals der Papst: „Sie sieht sie natürlich nicht als wirkliche und moralische Lösung an. Im einen oder anderen Fall kann es in der Absicht, Ansteckungsgefahr zu verringern, jedoch ein erster Schritt sein auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität.“