Ein englischer Kardinal als Königsmacher Bergoglios?

Ein neues Buch beleuchtet die Papstwahl von Franziskus im März 2013. Von Alexander Brüggemann

Kardinal Murphy-O'Connor, 1932 geboren, verstarb am 1. September in London. Foto: Archiv
Kardinal Murphy-O'Connor, 1932 geboren, verstarb am 1. September in London. Foto: Archiv

Kann es einen britischeren Namen geben? Catherine Pepinster, das klingt nach geblümtem Sommerkleid, nach Mord im Landadelsmilieu, nach Krimi zum Tee. Tatsächlich hat Catherine Pepinster ein spannendes Buch verfasst, nur ohne Mord. Es erschien am Donnerstag, nur wenige Wochen nach dem Tod des Londoner Kardinals Cormac Murphy-O'Connor. Der, so Pepinsters These, habe entscheidend dazu beigetragen, im März 2013 den Argentinier Papst Franziskus auf den Schild zu heben und so der katholischen Kirche einen neuen, reformerischen Spin zu geben.

Die Journalistin Pepinster gehört nicht zur Yellow Press, im Gegenteil. Dreizehn Jahre lang war sie Redaktionsleiterin der renommierten katholischen Wochenzeitung „The Tablet“, bevor sie als Marketing-Referentin zum Anglikanischen Zentrum in Rom wechselte – einer ökumenischen Einrichtung, die die Beziehungen zwischen Anglikanern und Katholiken verbessern soll.

Erzbischof Murphy-O'Connor von Westminster, von 2000 bis 2009 höchster katholischer Kirchenvertreter im anglikanischen England, trat stets jovial, sozial engagiert und vergleichsweise liberal auf – doch er war auch als kirchenpolitischer Fuchs beleumundet. Mit dem vatikanischen Apparat zeigte er sich nicht immer einverstanden. Später mag sicher auch gekränkte Eitelkeit im Spiel gewesen sein – hatte ihm doch die Benedikt-Administration eine zweite Karriere im britischen Oberhaus verpatzt. Die Regierung Gordon Brown hatte Murphy-O'Connor 2009 einen Adelstitel auf Lebenszeit angetragen, verbunden mit einem Sitz im House of Lords. Ziel war es, Spitzenvertreter der großen Religionen parlamentarisch einzubinden – so etwa auch den britischen Oberrabbiner Jonathan Sacks. Ein Sitz im Oberhaus, das ist für anglikanische Bischöfe seit der Reformationszeit eine übliche Ehre – für Katholiken dagegen durchaus selten.

Er selbst habe der Idee durchaus etwas abgewinnen können, sagte Murphy-O'Connor 2012 rückschauend. Doch Benedikt XVI. persönlich habe seinerzeit quasi interveniert. Nicht aus persönlichem Ehrgeiz oder Eitelkeit, so betonte der Kardinal, hätte er dieses Angebot gern angenommen, sondern weil Christen nach seiner Auffassung im öffentlichen Leben aktiv sein sollten; im Oberhaus hätte er politische Impulse geben können. Benedikt XVI. und seine Berater hätten diesen Weg jedoch verhindert. Unter Hinweis auf Kanon 285 des Kirchenrechts und die „Freiheit außerhalb des politischen Systems“ habe man keinen Präzedenzfall schaffen wollen. Rom befürchtete, ein britischer Kardinal in einer politischen Funktion könnte Nachahmer vor allem in Afrika oder Lateinamerika finden.

Die Autorin Pepinster argumentiert, der liberale Murphy-O'Connor sei schon 2005 mit der Wahl Benedikts XVI. unzufrieden gewesen – und so sei er 2013 massiv als Königsmacher des Argentiniers Jorge Bergoglio in die Bresche gesprungen. Beide habe eine tiefe Freundschaft verbunden, seit sie im Februar 2001 am selben Tag von Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt wurden.

Murphy-O'Connor war zwar beim Konklave 2013 bereits jenseits der Altersgrenze von achtzig Jahren, war also selbst nicht mehr wahlberechtigt. Doch er war bestens vernetzt; so beriet er bis zu seinem achtzigsten Geburtstag 2012 die vatikanische Bischofs- und die Missionskongregation bei der Ernennung von Bischöfen in Großbritannien, Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien.

Und so lud er laut Pepinster vor der Papstwahl die Kardinäle des Commonwealth zu einem Gesprächsabend – pikanterweise in der Botschaft der britischen Regierung beim Vatikan – um für Bergoglio zu werben. Mit zwei Ausnahmen: Es fehlten demnach der kanadische Kurienkardinal Ouellet, ein führender Ratzingerianer und selbst hoch oben auf der Kandidatenliste für die Nachfolge Benedikts XVI., und der erklärt konservative Australier George Pell, damals noch Erzbischof und Chefaufräumer im liberalen Sydney.

Bergoglio wurde schon am zweiten Tag des Konklaves gewählt – und Murphy-O'Connor wünschte sich vom neuen Papst Franziskus, dieser möge „sein eigenes Haus in Ordnung bringen“ und die Kirche reformieren. Pepinster überliefert die Anekdote, Franziskus habe dem Londoner Kardinal bei einer Begegnung kurz nach der Wahl zugerufen: „Du bist schuld...“.

Catherine Pepinster: The Keys and the Kingdom – Britain and the Papacy from John Paul II to Francis. Bloombury T&T Clark, Paperback, 264 S., 16,99 Pfund.