„Ein Wegschauen darf es nicht geben“

Kirchliche Stimmen zur Missbrauchsdebatte – Mixa verteidigt sich – Pallottinerprovinzial entschuldigt sich

Dresden/Augsburg/Rottenburg/Limburg/Wien (DT/KNA/pew) Der Bischof von Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, hat zu einer größeren Offenheit beim Bekanntwerden von Missbrauchsfällen in kirchlichen Einrichtungen aufgerufen. „Ein Wegschauen darf es nicht geben“, sagte Reinelt in einem Interview der „Leipziger Volkszeitung“ (Freitag). Es brauche mehr Offenheit, dieses Thema zur Sprache zu bringen. Die Kirche müsse sich der Diskussion stellen, wie Kinder in Zukunft wirksam vor Übergriffen zu schützen seien. Zugleich unterstrich Reinelt, Kindesmissbrauch sei „kein katholisches Problem“. Er wies die Behauptung zurück, dass es einen Zusammenhang zwischen der zölibatären Lebensweise von Priestern und dem sexuellen Missbrauch von Jugendlichen gebe. Reinelt erklärte, es sei wichtig, in allen gesellschaftlichen Bereichen gegen den Missbrauch vorzugehen. Mit Blick auf die Aussagen des Augsburger Bischofs Walter Mixa erklärte Reinelt, es werde in der Debatte auch zu fragen sein, „inwieweit die Übersexualisierung unserer Gesellschaft mitverantwortlich ist, krankhafte Auswüchse zu fördern“. Mixa hatte am Dienstag in einem Interview gesagt, dass die zunehmende Sexualisierung des öffentlichen Lebens „abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt“.

Der Augsburger Bischof wies Kritik an seinen Interview-Aussagen zum sexuellen Missbrauch zurück. Er habe mit großer Deutlichkeit den Missbrauch von Kindern durch Priester „als besonders abscheuliches Verbrechen verurteilt“, erklärte Mixa am Donnerstag. Zudem betonte er, auch klar gesagt zu haben, dass es in der Vergangenheit schwere Fehler in der Beurteilung solcher Taten durch kirchliche Verantwortliche gegeben habe. Für Aufregung hatte vor allem Mixas Aussage gesorgt, dass die zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten nicht ganz unschuldig gewesen sei an solchen Vergehen. Dazu erklärte der Bischof, er habe das entsetzliche Phänomen des Kindesmissbrauchs in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt, ohne auch nur im Geringsten zu behaupten, „dass darin die alleinige und vorrangige Ursache für solche Verbrechen zu suchen ist“. Die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz werde sich in der kommenden Woche gewissenhaft mit allen Aspekten dieses Themas auseinandersetzen.

Fürst: Strenge Regularien

Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst wandte sich gegen den Eindruck gewandt, die Fälle sexuellen Missbrauchs seien in seinem Bistum „besonders schlimm“. In einer auch auf der Bistumsseite im Internet veröffentlichten E-Mail an die Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariats nimmt Fürst Bezug auf eine Grafik im Magazin „Spiegel“, in der für Rottenburg 23 Verdachtsfälle und damit soviel wie in keiner anderen deutschen Diözese aufgelistet waren. Fürst wörtlich: „Was aber zunächst als besonders problematisch erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als Indiz eines besonders sorgsamen Umgangs mit der Problematik des sexuellen Missbrauchs.“ Er habe 2002 strenge Regularien zum Umgang mit Verdachtsfällen in Kraft gesetzt. Jeder Hinweis werde „verfolgt und akribisch begleitet von einer eigens eingerichteten unabhängigen Kommission sexueller Missbrauch“. Geleitet wird sie vom ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Robert Antretter. Offenheit und Transparenz des Verfahrens könnten dazu führen, dass Opfer sich leichter meldeten und es schneller zu Anzeigen komme, so Fürst. Von den 23 seit 2001 angezeigten Verdachtsfällen reichen einige bis in die 1960er Jahre zurück. Sechs wurden laut Fürst im Zuge der Ermittlungen als offensichtlich unbegründet nicht weiter verfolgt; weitere sechs Verdächtigte waren bereits verstorben, und die Diözese habe sich soweit möglich der Hilfe für die Opfer zugewandt. Wiederum in sechs Fällen hätten Verdächtigte keine Taten im Sinne des Strafgesetzbuchs begangen, „was sie zum Teil nicht vor drastischen disziplinarischen Folgen kirchlicher Vorschriften bewahrte“. Von staatlichen Gerichten seien fünf Urteile ergangen. Fürst nennt einen Freispruch, eine Geldstrafe und drei Strafbefehle. Die Strafbefehle seien jeweils ohne Schuldeingeständnis bezahlt worden. Zudem hätten die Betroffenen darauf verwiesen, dass weitere Verfahren ihren Ruf schädigen könnten.

Auch die Pallottiner berichten über Fälle sexuellen Missbrauchs in einer früheren Ordenseinrichtung. Ein Schüler des ehemaligen Konvikts Sankt Albert in Rheinbach bei Bonn habe vor zwei Jahren angegeben, er und zwei weitere Jungen seien Anfang der sechziger Jahre von einem Pater missbraucht worden, sagte der Sprecher der deutschen Pallottiner-Provinz, Nicolas Schnall, am Donnerstag in Limburg auf Anfrage. Wie Schnall erläuterte, hat der Orden die Fälle mit zweien der Opfer aufgearbeitet. Zu der dritten Person gebe es bis heute keinen Kontakt. Der Pater, gegen den sich die Vorwürfe richteten, sei in den 1960er Jahren aus dem Orden ausgeschieden. Nach Angaben des Sprechers ging die ursprünglich erzbischöfliche Jungenschule 1946 in die Trägerschaft des Ordens über und wurde 1967 geschlossen. Sie sei organisatorisch eigenständig gewesen und habe keine Verbindung zum Vinzenz-Pallotti-Kolleg gehabt, das die Pallottiner in Rheinbach betreiben. Die Leitung des Pallottinerordens in Deutschland entschuldigte sich für sexuellen Missbrauch durch Mitglieder der Gemeinschaft. „Bei den betroffenen Schülern, denen damals dieses verabscheuungswürdige Unrecht angetan wurde und die heute noch darunter leiden, entschuldige ich mich im Namen aller Pallottiner“, erklärte der Provinzial der Pallottiner, Pater Hans-Peter Becker, am Freitag in Friedberg.

Schönborn mahnt zur Umkehr

Unterdessen haben mehr als 500 ehemalige Schüler des Bonner Aloisiuskollegs sowie Eltern ihre Verbundenheit mit der Jesuiten-Einrichtung erklärt. In einem am Mittwoch veröffentlichten offenen Brief bekundeten sie Fassungslosigkeit und Bestürzung und befürworteten die rückhaltlose Aufklärung aller Vorwürfe. Zugleich hoben sie hervor, dass das Kolleg stets von einer Atmosphäre der Offenheit geprägt gewesen sei und zu verantwortungsvollem Handeln angeleitet habe. Weiter heben die Unterzeichner hervor, „dass sie während und nach ihrer Zeit als Schüler weder sexuelle Gewalt noch Missbrauch am Aloisiuskolleg erlebt haben“. Vielmehr hätten sie „eine unbeschwerte, prägende und motivierende Schulzeit“ erlebt, für die sie dem Jesuitenorden und den dort tätigen Lehrern und Erziehern besonders dankbar seien. Viele frühere Schüler hätten deshalb ihre eigenen Kinder in die Obhut des Kollegs gegeben. Bedauern äußern die Unterzeichner über den Rücktritt des Rektors, Pater Theo Schneider. Sein Glaube an das Gute und das ganz persönliche Potenzial eines jeden Menschen habe viele Schüler nachhaltig geprägt.

Seinen Schmerz über die jetzt aufgedeckten Missbrauchsfälle in der Kirche hat der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, beim Aschermittwochsgottesdienst im Wiener Stephansdom hervorgehoben: „Wieder einmal ist von Missbrauch die Rede, leider zu Recht, es ist eine Schande.“ Es gebe dafür keine Entschuldigung, „sondern nur die Reue und die Bitte, dass so etwas nicht wieder geschieht“. Es sei schmerzlich, wenn die Kirche mit Schande bedeckt wird. Dies umso mehr in einer Zeit, in der die Kirche als Randphänomen empfunden wird, „das die meisten Menschen nicht verstehen und von dem sie auch keine Notiz nehmen“. Wenn man darüber nachdenke, wie die Kirche in der Gesellschaft wieder besser positioniert werden könnte, gebe es nur einen Weg, sagte der Wiener Erzbischof: „Umkehr ist angesagt“. Nur der Weg der Umkehr bringe Erfolg, „nicht den, den wir uns weltlich wünschen, sondern den, der vor Gott gilt“.