Ein Ja in der Einfachheit tausend täglicher Beschäftigungen

Maria als Bild und Vorbild der Kirche – Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz vom 23. Oktober

Maria als Vorbild des Glaubens, der Liebe und der Einheit mit Christus: Papst Franziskus herzt auf einer seiner Generalaudienzen ein Kind. Foto: dpa
Maria als Vorbild des Glaubens, der Liebe und der Einheit mit Christus: Papst Franziskus herzt auf einer seiner Generala... Foto: dpa

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In Fortführung der Katechesen über die Kirche schauen wir heute auf Maria als Bild und Vorbild der Kirche. Dazu möchte ich eine Formulierung des Zweiten Vatikanischen Konzils aufgreifen. In der Konstitution Lumen gentium heißt es: „Die Gottesmutter ist, wie schon der heilige Ambrosius lehrte, der Typus der Kirche unter der Rücksicht des Glaubens, der Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus“ (Nr. 63).

1. Gehen wir vom ersten Aspekt aus, Maria als Vorbild des Glaubens. In welchem Sinn stellt Maria ein Vorbild für den Glauben der Kirche dar? Denken wir daran, wer die Jungfrau Maria war: ein jüdisches Mädchen, das aus ganzem Herzen die Erlösung seines Volkes erwartete. Doch in jenem Herzen einer jungen Tochter Israels gab es ein Geheimnis, das auch sie selbst noch nicht kannte: im Heilsplan Gottes war sie dazu bestimmt, die Mutter des Erlösers zu werden. Bei der Verkündigung nennt der Bote Gottes sie „Begnadete“ und offenbart ihr dieses Vorhaben. Maria sagt „Ja“, und von jenem Moment an erhält der Glaube Marias ein neues Licht: er konzentriert sich auf Jesus, den Sohn Gottes, der von ihr Fleisch angenommen hat und in dem sich die Verheißungen der gesamten Heilsgeschichte erfüllen. Der Glaube Marias ist die Erfüllung des Glaubens Israels, in ihr verdichtet sich der gesamte Weg des Volkes, das auf die Erlösung wartete, und in diesem Sinn ist sie ein Vorbild für den Glauben der Kirche, in dessen Mitte Christus steht, die Menschwerdung der unendlichen Liebe Gottes.

Wie hat Maria diesen Glauben gelebt? Sie hat ihn in der Einfachheit der tausend täglichen Beschäftigungen und Sorgen einer jeden Mutter gelebt: sich um das Essen kümmern, um die Kleidung, um das Haus ... Gerade dieses normale Dasein der Gottesmutter war der Boden, auf dem sich eine besondere Beziehung und ein tiefer Dialog zwischen ihr und Gott, zwischen ihr und dem Sohn entwickelten. Das „Ja“ Marias, das schon am Anfang vollkommen war, ist bis zur Stunde am Kreuz gewachsen. Dort hat ihre Mutterschaft sich ausgeweitet und jeden von uns, unser Leben umfasst, um uns zu ihrem Sohn zu führen. Maria hat immer im Geheimnis des menschgewordenen Gottes gelebt, als seine erste und vollkommene Jüngerin, die über alles im Licht des Heiligen Geistes in ihrem Herzen nachdachte, um den Willen Gottes ganz zu verstehen und in die Praxis umzusetzen.

Wir können uns eine Frage stellen: lassen wir uns vom Glauben Marias, die unsere Mutter ist, erleuchten? Oder meinen wir, sie stehe uns fern, sie sei zu anders als wir? Blicken wir in schwierigen, dunklen Momenten, in Momenten der Prüfung auf sie als Vorbild des Vertrauens auf Gott, der immer und ausschließlich unser Heil will? Denken wir daran, vielleicht tut es uns gut, Maria als Vorbild und Gestalt der Kirche in diesem Glauben, den sie hatte, wiederzufinden!

2. Kommen wir zum zweiten Aspekt: Maria als Vorbild in der Liebe. Auf welche Weise ist Maria für die Kirche das lebendige Beispiel der Liebe? Denken wir an ihre Hilfsbereitschaft gegenüber ihrer Verwandten Elisabet. Als die Jungfrau Maria Elisabet besuchte, hat sie ihr nicht nur materielle Hilfe gebracht – auch das –, sondern sie hat ihr Jesus gebracht, der bereits in ihrem Leib lebte. Jesus in jenes Haus zu tragen bedeutete, Freude zu bringen, vollkommene Freude. Elisabet und Zacharias waren glücklich über die Schwangerschaft, die in ihrem Alter unmöglich schien, doch es ist die junge Maria, die ihnen die vollkommene Freude bringt, die Freude, die von Jesus und vom Heiligen Geist kommt und die sich in der uneigennützigen Liebe ausdrückt, im Teilen, in der gegenseitigen Hilfe, im gegenseitigen Verständnis. Die Gottesmutter möchte auch uns, uns allen, das große Geschenk bringen, das Jesus bedeutet; und mit Ihm bringt sie uns seine Liebe, seinen Frieden, seine Freude. So ist die Kirche wie Maria: die Kirche ist kein Geschäft, sie kein humanitärer Verein, die Kirche ist keine Nichtregierungsorganisation, die Kirche ist gesandt, allen Menschen Christus und sein Evangelium zu bringen; sie bringt nicht sich selbst – ob sie klein oder groß, stark oder schwach ist, die Kirche bringt Jesus und muss wie Maria sein, als sie Elisabet besuchen ging. Was brachte Maria ihr? Jesus. Die Kirche bringt Jesus: das steht im Mittelpunkt der Kirche: Jesus bringen! Nähme man einmal den hypothetischen Fall an, die Kirche würde Jesus nicht bringen, dann wäre es eine tote Kirche! Die Kirche muss die Liebe Jesu, die Barmherzigkeit Jesu bringen.

Wir haben von Maria und von Jesus gesprochen. Und wir? Wir, die wir die Kirche sind? Welche Liebe bringen wir den anderen Menschen? Ist es die Liebe Jesu, die teilt, die verzeiht, die begleitet, oder ist es eine verwässerte Liebe, wie verdünnter Wein, der Wasser zu sein scheint? Ist es eine starke Liebe? Oder ist sie schwach und sucht Sympathie und Erwiderung, eine eigennützige Liebe? Eine weitere Frage: gefällt Jesus die eigennützige Liebe? Nein, sie gefällt ihm nicht, denn die Liebe muss immer uneigennützig sein, wie die seine. Wie sind die Beziehungen in unseren Pfarreien, in unseren Gemeinschaften? Behandeln wir einander als Brüder und Schwestern? Oder verurteilen wir einander, sprechen wir schlecht übereinander, kümmert sich jeder um seinen eigenen „Kleingarten“ oder kümmern wir uns umeinander? Das sind Fragen der Nächstenliebe!

3. Und kurz ein letzter Aspekt: Maria als Vorbild der Einheit mit Christus. Das Leben der Heiligen Jungfrau war das Leben einer Frau ihres Volkes: Maria betete, arbeitete, ging in die Synagoge. ... Doch jede Handlung vollzog sich immer in vollkommener Einheit mit Jesus. Diese Einheit erreicht ihren Höhepunkt auf Golgota: Hier vereint sich Maria mit dem Sohn im Martyrium des Herzens und in der Hingabe des Lebens an den Vater für das Heil der Menschheit. Die Gottesmutter hat sich die Schmerzen ihres Sohnes zu eigen gemacht und mit Ihm den Willen des Vaters angenommen, in jenem Gehorsam, der Frucht bringt, der den wahren Sieg über das Böse und über den Tod schenkt.

Maria lehrt uns etwas Wunderschönes: immer mit Jesus vereint zu sein. Wir können uns fragen: denken wir nur dann an Jesus, wenn etwas nicht klappt und wir ihn brauchen, oder haben wir eine konstante Beziehung zu ihm, eine tiefe Freundschaft, auch wenn es darum geht, Ihm auf dem Weg des Kreuzes zu folgen?

Bitten wir den Herrn, dass er uns seine Gnade, seine Kraft schenke, damit sich in unserem Leben und im Leben jeder kirchlichen Gemeinschaft das Vorbild Marias, der Mutter der Kirche, widerspiegele. Amen.

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß an die Pilger aus dem deutschen Sprachraum:

Sehr herzlich grüße ich die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache sowie aus den Niederlanden und aus Dänemark. Einen besonderen Gruß richte ich an die Teilnehmer an der gemeinsamen Wallfahrt der Diözesen Kopenhagen, Hamburg, Hildesheim, Osnabrück, Münster und Paderborn anlässlich des fünfundzwanzigsten Jahrestages der Seligsprechung von Niels Stensen. Von Herzen heiße ich auch alle jungen Menschen willkommen, vor allem die Schülerinnen und Schüler aus Saterland und die vielen Ministranten aus dem Erzbistum Köln in Begleitung ihres Erzbischofs Kardinal Meisner. Liebe Freunde, die heilige Gottesmutter Maria helfe euch, im Glauben und in der Liebe zu wachsen und so wahre Kinder der Kirche zu sein.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller