Ein „Ermöglicher“ im Dienst der Päpste

Der ehemalige Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano wurde gestern 85 Jahre alt. Von Guido Horst

Kardinal Angelo Sodano. Foto: KNA
Kardinal Angelo Sodano. Foto: KNA

Rom (DT) Wie ein verwunschenes Schlösschen sieht es aus, das sogenannte Äthiopische Kolleg, das mitten in den Vatikanischen Gärten liegt. Rombesucher können es bestaunen, wenn sie an einer der Busfahrten durch die „Innereien“ des kleinen Kirchenstaats teilnehmen, die das Römische Pilgerwerk seit geraumer Zeit anbietet. In diesem Kolleg hat sich Angelo Sodano seinen Alterssitz einrichten lassen. Wer den 85 Jahre alten Dekan des Kardinalskollegiums sieht, denkt erst einmal nicht an „Alter“ und „Ruhestand“. Sodano vermittelt immer noch den Eindruck, als könnte er jederzeit an jede aufreibende Schaltstelle der römischen Kurie zurückkehren. Vital und rüstig ist er geblieben. Das war er auch, als er sechzehn Jahre lang, von 1990 bis zum Jahr 2006, als Kardinalstaatssekretär einer der engsten Mitarbeiter zweier Päpste war.

Sodano stammt aus Asti. Sein Vater war Landbesitzer und saß nach dem Zweiten Weltkrieg im italienischen Parlament. Die Familie blieb dem späteren Vatikandiplomaten immer wichtig, auch nachdem er vor fast fünfzig Jahren in den Dient der römischen Kurie getreten war. Es war eine gradlinige Karriere, die Sodano schließlich von 1977 bis 1988 als Apostolischer Nuntius nach Chile führte, wo sich der Kirchenmann unter dem Diktator Agostino Pinochet mehrfach gegen Gewaltakte des Regimes wandte. 1990 machte ihn Johannes Paul II. zum Nachfolger von Kardinal Agostino Casaroli und zu seinem Staatssekretär.

Es war die Zeit, als sich die politische Geografie Europas und damit die Kraftverhältnisse in der gesamten Welt änderten. Und Sodano wurde zum Politiker. Mit der frühzeitigen Anerkennung der Unabhängigkeit Kroatiens und Sloweniens, die Sodano im Namen der Diplomatie des Papstes erklärte, trug er sogar bei zum Ausbruch des Kriegs auf ehemals jugoslawischem Boden.

Kardinal Sodano hatte das Staatssekretariat und damit die römische Kurie im Griff. Als Mann des Systems stand er zu seinen Päpsten. Das merkte man auch später noch. Zu Ostern 2010 etwa, auf dem Höhepunkt der Missbrauchskrise, als er Benedikt XVI. öffentlich gegen das „Geschwätz der Straße“ verteidigte, was ihm manche, wie der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, übel nahmen. Sodano hatte mit dem „Geschwätz“ einen Ausdruck des deutschen Papstes zitiert. Aber es gab auch solche, die in den Worten Sodanos einen mangelnden Respekt vor den Opfern des Missbrauchs erkennen wollten. Ebenfalls in den schlimmsten Tagen des Falls „Vatileaks“ meldete sich der Dekan des Kardinalskollegiums zu Wort und versicherte die Geschlossenheit und Dienstbeflissenheit der vatikanischen Kurie.

Man hat in Sodano immer den Gegenspieler zum Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, gesehen. Doch in einer seiner ersten Amtshandlungen sollte der zum Papst gewählte Deutsche den Italiener als Staatssekretär bestätigen. Vorstellungen, die nördlich der Alpen zwischen „links“ und „rechts“, zwischen „progressiv“ und „konservativ“ unterscheiden, ziehen bei Sodano nicht.

Als Kuriendiplomat und Kirchenpolitiker war und ist er das, was italienische Vatikanberichterstatter einen „possibilista“ nennen, einen „Ermöglicher“, einen, der die Bälle flach halten und Skandale möglichst vermeiden will. Es ist kein Geheimnis, dass der damalige Konferenzvorsitzende Kardinal Karl Lehmann bei Sodano mit dem Ansinnen erfolgreich gewesen wäre, durch kirchliche Stellen Beratungsscheine ausstellen zu lassen, die die Aufschrift tragen sollten, dass man sie nicht zum Zwecke einer Abtreibung verwenden dürfe. Aber da waren noch der Papst und der Glaubenspräfekt und Lehmann musste klein beigeben.

In einer Angelegenheit hat sich der „possibilista“ Sodano vergriffen: Er war aufgeschlossen für die Millionen-Köfferchen des Gründers der Legionäre Christi, half dem Priesterorden, in Rom zwei Päpstliche Hochschulen zu errichten und schlug Warnungen in den Wind, dass mit Marcial Maciel etwas faul sein könnte. Auch das ist eine Station auf dem Weg des erfolgreichen Vatikandiplomaten Sodano, der gestern seinen 85. Geburtstag gefeiert hat. Bei bester Gesundheit, wie enge Vertraute zu berichten wissen.