Ecksteine einer Deutschlandreise

Ein Jahr nach der Bundestagsrede Papst Benedikts: Ein Gespräch mit dem Philosophen Robert Spaemann. Von Katrin Krips-Schmidt

Eine Rede, die Geschichte geschrieben hat: Papst Benedikt XVI. im September 2011 vor dem Deutschen Bundestag. Foto: KNA
Eine Rede, die Geschichte geschrieben hat: Papst Benedikt XVI. im September 2011 vor dem Deutschen Bundestag. Foto: KNA

Berlin (DT) „Wir haben ,Ökumene – jetzt‘ nicht geschrieben, sondern gemacht!“, so am Samstag der Fernsehjournalist Joachim Jauer, einer der Akteure einer Initiative von Privatleuten aus den unterschiedlichsten Berufen, die im Vorfeld des Papstbesuches 2011 in fünf Tageszeitungen eine großformatige Anzeige schalten ließ. In der Annonce hieß es damals: „Mit dieser überkonfessionellen Initiative heißen wir Papst Benedikt XVI. in Deutschland willkommen und begrüßen ihn als Oberhaupt der katholischen Kirche und als einen der weltweit bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit.“ Als Unterstützer setzten 350 evangelische und katholische Christen ihre Unterschrift unter diesen Aufruf und damit einen unüberhörbaren Gegenakzent zu den kritischen Stimmen, die den Papst bei seiner Deutschlandreise erwarteten.

Genau ein Jahr später luden die Inspiratoren der damaligen Aktion in die Räume der am Berliner Potsdamer Platz gelegenen Hessischen Landesvertretung zu einem Rückblick ein. Unter den Gästen begrüßte Bernadette Droste, die im Verlauf der „Ecksteine einer Deutschlandreise“ die Rolle der Moderatorin übernahm, den Apostolischen Nuntius, Erzbischof Jean-Claude Périsset. Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki und der evangelische Bischof Markus Dröge waren verhindert, sandten aber Grußworte an das Ökumenische Gespräch.

In ihrer Einführung erinnerte Droste an die beiden großen Themenbereiche, die dem Heiligen Vater besonders am Herzen gelegen hatten, und die in seinen beiden richtungsweisenden Reden, in der Ansprache vor dem Bundestag wie auch in der Freiburger Rede deutlich zum Ausdruck gekommen waren. Kam der Heilige Vater in seiner Parlamentsrede, bei der er die Abgeordneten an ihre Verantwortung vor Gott und den Menschen erinnert und gemahnt hatte, insbesondere auf die Bedeutung des Naturrechts zu sprechen, rief er die Kirche im Freiburger Konzerthaus zu einer „Entweltlichung“ auf. Was ist nach einem Jahr von diesen impulsgebenden Appellen noch vorhanden?

Im ersten Teil der Veranstaltung veranschaulichte der Grandseigneur der Philosophie, Robert Spaemann, die ewige Aktualität des Naturrechts und legte damit die Fundamente für die anschließende Gesprächsrunde mit seinen evangelischen Diskussionspartnern Christian Hillgruber und Dominik Klenk. Spätestens nach den grauenhaften Tyranneien des zwanzigsten und des jetzigen Jahrhunderts sei der Rechtspositivismus nicht mehr zu retten, so Spaemann – die Lehre nämlich, nach der alles dann und deswegen Recht sei, sobald es in einem Gesetzesblatt verkündet werde. „Verhängnisvoll“ sei nach Spaemann die Rede von den „verschiedenen Werten“: wir hätten „unsere“, andere haben eben „andere“ Werte. Stattdessen gebe es aber tatsächlich übergeordnete Rechtsprinzipien, die in der Lehre vom Naturrecht begründet werden. Dieses sei indes nicht etwas spezifisch Katholisches – ein Einwand, der oft als Argument gegen das Naturrecht ins Feld geführt werde. Schon die französischen Aufklärer und Revolutionäre des 18. Jahrhunderts argumentierten ausschließlich naturrechtlich.

Auch in Fragen der Bioethik lehre der katholische Glaube das, was die nicht-materialistischen Aufklärer und was Kant lehrte. So finden wir bei dem Königsberger Philosophen sowohl die Auffassung, die Ehe als eine unauflösliche Einheit zu betrachten als auch die, dem Menschen ab seiner Zeugung Personcharakter zuzuerkennen. Oder bei dem nicht-katholischen österreichischen Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt den Standpunkt, Homosexualität sei unnatürlich. Ein weiterer Einwand, der gegen das Naturrecht erhoben wird, geht auf David Hume zurück: aus dem Sein folge kein Sollen, aus Tatsachen folgten keine Werte. Das sei Unsinn, meint Spaemann, denn: „Das meiste Sein hat vektoriellen Charakter.“ Soll heißen, das Naturrecht beruht auf der Existenz von natürlichen Fakten, aus denen sich Handlungsmaximen ableiten lassen. So haben auch die Väter und die Mütter des Grundgesetzes dieses mit einem Passus ausgestattet, der unveränderliche Gesetze enthalte, die der Willkür des Gesetzgebers entzogen seien. Daran habe der Papst die Parlamentarier im September 2011 erinnern wollen.

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass Benedikt mit seinem Reden und Denken nicht nur Katholiken anspricht. Der Staatsrechtler Hillgruber stimmte dem Gedanken des Papstes zu, das Naturrecht sei nichts genuin Katholisches. Und auch Dominik Klenk, Geschäftsführer des Brunnen Verlags in Basel, war als Protestant dankbar, durch die Ausführungen Spaemanns eine tiefe Begründung des Naturrechts erfahren zu haben. Der promovierte Philosoph, der im vergangenen Jahr Briefe evangelischer Christen an den Papst unter dem Titel „Lieber Bruder in Rom“ herausgegeben hatte, sagte, die Reden Benedikts seien auch an seine protestantischen Mitbrüder gerichtet gewesen. Und schon bei Thomas von Aquin finde man, so Klenk, vorreformatorisch eine gute Basis, sich in heutigen Streitfragen über die Konfessionen hinweg zu orientieren. All dies habe der Papst in seiner „Denkfigur von der Ökologie des Menschen“ bei seiner Bundestagsrede als einen „gewaltigen Block“ mit ins Spiel gebracht. Die Fragen rund um die Geschlechtlichkeit des Menschen, um Genderideologie und Homosexualität, habe er – ohne sie beim Namen zu nennen – aufgeworfen.

Die Notwendigkeit einer „Entweltlichung“ der Kirche schließlich, die Benedikt in Freiburg angemahnt hatte, machte Spaemann an drei Beispielen deutlich, bei denen sich die Kirche in weltliche Systeme hat einbinden lassen, was der Botschaft Jesu, zwar in der Welt, aber nicht von der Welt zu sein, widerspreche. So hat sie sich in das staatliche System der Abtreibung verstricken lassen, als sie bis 2001 Beratungsscheine für Schwangere ausstellte. Die kürzlich von den deutschen Bischöfen getroffene Entscheidung zur Kirchensteuer kommentierte Spaemann so: „Man darf die Auferstehung Christi leugnen – man bleibt immer Katholik, aber wenn man das Geld nicht bezahlt, ist man draußen. Auch das ist ein Beispiel für Verweltlichung.“ Der Weltbild-Skandal ist ein weiteres Exempel.

Sollte die Kirche nicht auch auf katholische Krankenhäuser verzichten, wenn sie diese nicht mehr mit christlichem Geist füllen kann? Diese Frage, angestoßen aus dem Publikum, beantwortete Spaemann mit einer Bemerkung Ratzingers, als er noch Erzbischof von München war und auf einem Spaziergang äußerte: „Das größte Problem der Kirche in Deutschland ist, dass sie zu viel Geld hat.“

Und wenn Kindergärten von der Kirche betrieben werden? Dann müssen sie, laut Spaemann, „auch wirklich katholisch“ sein, das heißt, sie müssen die Kinder zum Beispiel in die katholischen Feste einführen.

Das Gespräch zeigte: Auch auf evangelischer Seite interessiert man sich für das, was Papst Benedikt den Menschen zu sagen hat. Und es gibt viele Bereiche, zum Beispiel in bioethischen Belangen, in denen eine überkonfessionelle Zusammenarbeit nicht nur denkbar, sondern sogar überaus wünschenswert ist.