Durchbetete Stammplätze

Stefan Meetschen bewegt sich kenntnisreich auf den Spuren des polnischen Papstes. Von Monika Metternich

In der Flut der Veröffentlichungen über Johannes Paul II. sticht ein anziehendes und originelles Büchlein hervor, das gerade im Fe-Verlag erschienen ist. Sein Autor Stefan Meetschen lädt darin ein, Johannes Paul II. in dem Land zu entdecken, das diesen großen Papst zutiefst geprägt hat: „Auf den Spuren von Johannes Paul II. in Polen“ bietet eine bild- und detailreiche Annäherung an das Leben des polnischen „Jahrtausendpapstes“, der am 1. Mai 2011 in Rom seliggesprochen wird. Wer dem Wesen Johannes Pauls II. ganz unmittelbar begegnen will, findet in dem hinreißend und liebevoll gestalteten Bildband die prägenden Stätten seines Lebens und Wirkens, die Orte Polens, die großen Einfluss auf Entwicklung, Denken und Spiritualität des Papstes hatten.

Das Buch ist übersichtlich und attraktiv gegliedert nach Orten und Wirkungsstätten. Ausgewählte Zitate Johannes Pauls II. aus verschiedenen Schriften lassen deren ortsverbundene Bedeutung ganz nah und lebendig an den Leser herankommen und tief die Wechselwirkung erspüren, welche sein Herkunftsland Polen auf den Papst – und dessen großer Sohn auf seine geliebte Heimat ausübte. Kenntnisreich, mit eingängigen, sensiblen Erklärungen und feinem Humor nähert sich der Autor mit dem Leser all den Orten, deren Geschichte und Geschichten einen ganz neuen und unmittelbaren Annäherungsweg an Johannes Paul II..

So beginnt die Reise „auf den Spuren von Johannes Paul II.“ in der Zweizimmerwohnung in Wadowice, welche sein Elternhaus war. Einerseits zeigt sich die drangvolle Enge, aus welcher sich Karol Józef Wojty³a als Gegenpol Freiheit in Sport und Theater verschaffte, andererseits offenbart der Blick auf die an der Kirchenmauer gegenüber angebrachte Sonnenuhr mit dem Schriftzug „Czas ucieka, wiecznoœæ czeka“ („Die Zeit eilt, die Ewigkeit wartet“), wie der spätere Papst zu seinem Lebensmotto kam: beim täglichen Blick aus dem Wohnungsfenster. Die örtliche Basilika Mariä Opferung, in welcher der kleine Karol getauft und später gefirmt wurde und in der er seine ersten Schritte als Messdiener tat, steht ebenso auf dem Besuchsprogramm wie seine ehemalige Grundschule, in welcher – ebenso wie im nicht weit entfernten Gymnasium – die starken Leistungen des Schülers bald auffielen. Die Beschreibung des Wadowiczer Creme-Kuchens, an dessen Genuss sich Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Wadovice 1999 erfreut zurückerinnerte, wirkt ebenso verführerisch wie der Besuch der „Kalwaria Zebrzydowska“, einem Ensemble von Kapellen, die durch einen kilometerlangen Rundgang verbunden sind und das heute zum UNESCO Kulturerbe zählt: Hier entwickelte sich die Marienfrömmigkeit des jungen Karol Wojty³a. Bei seinem Besuch 2002 weihte er genau an diesem Ort die Kirche Polens und alle seine Landsleute der Muttergottes. Und hier formulierte er den sehr persönlichen Wunsch und eine Zusage an Leser und Besucher: „Nun bitte ich euch erneut: Betet ohne Unterlass – ich wiederhole es noch einmal – solange ich lebe und nach meinem Tod. Und ich werde wie immer das mir entgegengebrachte Wohlwollen erwidern, indem ich euch alle dem barmherzigen Jesus und seiner Mutter anempfehle.“ Eine Begegnung im Gebet über den Tod hinaus – ein Phänomen, das immer wieder spürbar wird bei Stefan Meetschens Pilgerreise „Auf den Spuren Johannes Pauls II.“.

In Krakau begegnet der Leser dem Studenten der polnischen Philologie und Literatur, seiner damalige Wohnstätte mit Blick auf graue Häuserfassaden, in der er mit Freunden Theaterstücke probte, dichtete und in der gemeinsame Lesungen stattfanden. „Kultur als Weg des Widerstandes, das schöpferische Wort als geistige Waffe“. Stefan Meetschen führt den Leser auch zur Solvay Fabrik, wo der spätere Papst nach der Besetzung Polens durch die Deutschen zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde. An die vielen so unterschiedlichen und eindrucksvollen Orte, die den jungen Priesterseminaristen prägten sowie zur St.-Florians-Kirche, in der schließlich dem jungen Kaplan Wojtyla Katechese und Studentenseelsorge aufgetragen waren. Überall erinnern Statuen und Plaketten an das Wirken des Priesters und Bischofs Karol Wojtyla – und des Beters: In der Franziskaner-Kirche darf der Leser seinen „Stammplatz“ entdecken, „in der vorletzten Reihe links“. Mit einer Plakette ist heute die Stelle markiert, wo Karol Wojtyla noch als Kardinal regelmäßig den Kreuzweg betete.

Berührend auch der Ausflug nach Niegowicz, der ersten Pfarrstelle Karol Wojtylas. Zum ersten Mal küsste er bei seiner Ankunft dort die Erde, eine Geste, die er „vom heiligen Johannes Vianney gelernt“ hatte und die dann später bei den weltweiten Besuchen des „eiligen Vaters“ für Aufsehen sorgen sollte. Tschenstochau, dem berühmten polnischen Marienheiligtum mit der von Kerzenrauch „schwarzen Madonna“ gebührt weiterhin ein wichtiger Platz in dieser „pilgernden“ Biographie: Viele deutsche Leser werden beispielsweise zum ersten Mal hören, dass sich dort am Gnadenaltar der blutbefleckte Gürtel vom Attentat des 13.Mai 1981 auf Johannes Paul II. befindet: „In Dankbarkeit für die Gebete in Tschenstochau, wie in ganz Polen, hat Johannes Paul II. den Gürtel dem Nationalheiligtum übergeben.“

Eine Fülle von weiteren Zeugnissen, Begegnungs- und Wirkungsstätten in Lublin und der polnischen Hauptstadt Warschau komplettieren schließlich eine außergewöhnliche Annäherung an Johannes Paul II. Es dürfte schwierig sein, näher und authentischer an den Menschen Karol Wojtyla heranzukommen als „Auf den Spuren Johannes Pauls II.“ von und mit Stefan Meetschen, einem profunden Kenner des Landes, welches Karol Wojtyla so tief geprägt hat – und dem Johannes Paul II. so viel zurückzugeben vermochte. Wie Paul Badde in seinem Vorwort schreibt: „Pilgern ist die kostbarste Weise zu reisen“. Dieses Buch ist ein wunderbarer Vorgeschmack auf eine Pilgerreise zum Wesen des Papstes aus Polen, dessen Seligsprechung in Kürze bevorsteht.

Stefan Meetschen: „Auf den Spuren von Johannes Paul II. in Polen“. Ein illustrierter Reiseführer. Fe-Medienverlag Kißlegg, 2011, broschiert, 96 Seiten, EUR 7,80