Dienst und Lebenskultur

Die deutschen Bischöfe gehen in ihrem Brief an die Priester auf die Veränderungen in der Seelsorge ein und wenden sich gegen Pauschalurteile

Die Freude an der Seelsorge stärkt Priestern inmitten der Strukturreformen den Rücken. Foto: KNA
Die Freude an der Seelsorge stärkt Priestern inmitten der Strukturreformen den Rücken. Foto: KNA

Sehr verehrte, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst!

1. Als Kirche befinden wir uns in einer Übergangssituation, die sehr unterschiedlich erfahren wird, aber alle betrifft. Zu Recht erwarten die Menschen von uns, dass wir glaubwürdig sind, damit die Botschaft von Gott auch in veränderter Zeit Gehör findet. Als Priester bekommen Sie in besonderer Weise die Herausforderungen und Spannungen zu spüren, die mit den gegenwärtigen Umbrüchen und Neuordnungen in der Pastoral zusammenhängen. Das ist in den letzten Jahren oft ein Thema im Ständigen Rat gewesen. Mit diesem Brief möchten wir Sie an unseren Überlegungen teilhaben lassen.

Manche von Ihnen sehen sich den Erwartungen einer noch sehr volkskirchlich geprägten Gemeinde ausgesetzt, die Sie nicht mehr erfüllen können oder wollen. Zugleich wünschen Sie sich mehr Zeit und Raum für Menschen, die – nicht selten am Rand der Kirche – nach Gott suchen. Es macht Ihnen und uns zu schaffen, dass in einer zunehmend entkirchlichten Gesellschaft das Wort Gottes die Menschen anscheinend nicht mehr erreicht. Viele von Ihnen sorgen sich, wie sie angesichts von weniger Priestern und größeren pastoralen Räumen in Zukunft noch Priester sein können. Sie sagen: Wir wollten als Seelsorger wirken und werden jetzt als Manager großer pastoraler Einheiten gebraucht. Sie möchten weniger mit kirchlichen Strukturfragen befasst werden und würden lieber Zeit und Kraft für den missionarischen Neuaufbruch haben.

Sie vertrauen darauf, dass der Herr seine Kirche führt, fragen sich aber, wie denn die Gestalt der Kirche von morgen aussehen wird. Es ist alles andere als leicht, den Dienst an der Einheit der Kirche im Kontext einer Gesellschaft auszuüben, in der sich alle Lebensbereiche immer weiter pluralisieren. Dazu kommt die Spannung zwischen den vielfältigen Ansprüchen und Erwartungen der Gläubigen in den Ihnen anvertrauten Gemeinden und dem Gehorsam dem Lehramt gegenüber.

Die Vergrößerung der pastoralen Räume bringt eine Veränderung der seelsorglichen Aufgaben mit sich und löst nicht selten ein Gefühl von Verunsicherung oder Überforderung aus. Die Umgestaltungen betreffen aber nicht nur den pastoralen Dienst und seine Aufgaben, auch das priesterliche Leben will neu geordnet werden. Priestersein unter den Bedingungen der Gesellschaft und Kirche von heute gestaltet sich erheblich anders als selbst noch vor 20 oder 35 Jahren. Priester haben nicht nur vielfältige Prozesse des Wandels in den Pfarreien zu begleiten, sondern auch Umstellungen in der eigenen Lebenssituation zu bewältigen. Viele fragen sich, wie sie das in der Heiligen Schrift und in der christlichen Tradition grundgelegte priesterliche Lebensideal in der heutigen Lebenswirklichkeit mit all den Infragestellungen des Heiligen und den Privatisierungen des Religiösen verwirklichen können.

Zudem stellt sich Priestern, aber auch uns Bischöfen die Frage, ob wir authentisch genug sind. Ist unser Herz wirklich voll von der Liebe zu Christus und seiner Kirche? Und gleichzeitig voll von der Liebe zu den Menschen, zu denen wir gesandt sind? Haben wir den Mut, auch schwierige Inhalte unserer Überlieferung so mitzuteilen, dass sie einsehbar und verständlich werden? Denn auch das Schwierige und zunächst Unverständliche gehört insgesamt zur befreienden Botschaft von der Gegenwart Christi und seines Evangeliums. Ein weiterer Anlass dieses Briefes sind die Belastungen, die durch die Aufdeckung der sexuellen Missbrauchsvorfälle aus den vergangenen Jahrzehnten auf uns zugekommen sind und an denen wir auch in Zukunft noch zu arbeiten haben. Wir Bischöfe in Deutschland haben verschiedene Maßnahmen zur Aufklärung und Prävention des sexuellen Missbrauchs in der Kirche ergriffen. Es ist verschiedentlich in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, alle Priester wären gefährdet oder gar verdächtig. Dieser Eindruck ist falsch, ungezählte Priester leben ihre Berufung in Treue und Wahrhaftigkeit. Wir weisen darum jeden Generalverdacht zurück, der sich gegen Priester oder die zölibatäre Lebensform richtet.

Viele von Ihnen sind trotz großer Herausforderungen und mancher Überforderung gerne Priester. Ausdrücklich danken wir Ihnen für Ihre Bereitschaft, die Zumutungen der gegenwärtigen Veränderungen mit uns zu tragen und die darin liegenden Chancen zu entdecken und zu gestalten. Es ist uns aber auch bewusst, dass einige von Ihnen um ihre Berufung ringen und dass andere enttäuscht oder resigniert oder auch ausgebrannt sind. Als Bischöfe fragen wir uns, ob und wo wir für die Situation unserer Priester zu wenig aufmerksam waren. Als Priester erwarten Sie zu Recht, dass Sie sich mit Ihren Bischöfen über die Veränderungen in der Kirche, über die erfahrenen Belastungen wie über die Hoffnungszeichen in der Pastoral austauschen können. Mit unserem Brief wollen wir einige gemeinsame Fragestellungen und Themen benennen, die – bei aller Unterschiedlichkeit der Situationen in den verschiedenen Regionen unseres Landes – in das Gespräch zwischen Priestern und Bischof und in das Gespräch unserer ganzen Kirche gehören. Wir möchten Sie einladen, gemeinsam Perspektiven für den priesterlichen Dienst in einer sich verändernden Gestalt von Kirche zu entwickeln. Ein solches Gespräch ist auch der Ort, an dem Klagen, Enttäuschungen und Trauer ebenso laut werden dürfen wie Zuversicht und Freude, die Sie in Ihrem Dienst und Leben erfahren.

2. Alle (Erz-)Diözesen in Deutschland haben in den vergangenen Jahren neue pastorale Ordnungen in Kraft gesetzt. Inzwischen sind erste Erfahrungen gesammelt und ausgewertet worden. Dabei zeigt sich, dass die Arbeit der Priester im Team und überhaupt das Zusammenspiel der vielen Ämter, Charismen, Dienste und Berufe in der Kirche die eigentliche Herausforderung in den pastoralen Veränderungsprozessen darstellt. Die aktuelle kirchliche Situation bringt uns dazu, eine zentrale theologische Einsicht des Zweiten Vatikanischen Konzils neu zu entdecken. Das Konzil hat mit dem Zueinander von „gemeinsamem Priestertum der Gläubigen“ und „Priestertum des Dienstes“ (Lumen Gentium 10) den königlichen, priesterlichen und prophetischen Charakter des ganzen Gottesvolkes wieder betont.

Durch die Taufe sind alle Christen sakramental in das Leben und die Sendung Jesu Christi hineingenommen und haben auf ihre Weise Anteil am Priestertum Christi. Deswegen ist keiner nur Objekt der kirchlichen Pastoral, alle Getauften sind auch Subjekt in der Kirche und tragen füreinander Verantwortung. „Kirche sind nicht nur die anderen, nicht nur die Hierarchie, der Papst und die Bischöfe; Kirche sind wir alle, wir, die Getauften“ (Papst Benedikt XVI. im Konzerthaus in Freiburg am 25. September 2011). Die Verantwortung, einander im Glauben zu stärken und andere Menschen für den Glauben an Jesus Christus zu gewinnen, ist Aufgabe aller im Gottesvolk. Es ist für viele Priester befreiend, sich auf diese gemeinsame Taufberufung zu besinnen. Der Priester ist mit seinem Glauben und seinem Zeugnis für Jesus Christus, mit seiner Verantwortung und mit seinen Aufgaben in der Pfarrei eingebunden in die Gemeinschaft des Volkes Gottes. Auch als geweihter Priester bleibt er angewiesen auf das Gebet, die Freundschaft, die Ermutigung und auch die Kritik derer, die mit ihm zusammen durch die Taufe zum priesterlichen Gottesvolk berufen wurden.

Die gemeinsame Teilhabe aller Getauften an der Sendung der Kirche und ihre gemeinsame Verantwortung für die Kirche in der Welt von heute entfaltet sich jedoch in der Verschiedenheit der Ämter und Dienste, der Berufungen und Charismen, von denen im Neuen Testament an vielen Stellen die Rede ist (1 Kor 12, 4–31; Röm 12, 3–8; Eph 4, 7–12). Die besondere Aufgabe des geweihten Priesters im priesterlichen Gottesvolk können wir mit den Worten des Epheserbriefes so auf den Punkt bringen: Das Amt in der Kirche ist dazu da, „die Heiligen“, das heißt alle Getauften und Gefirmten, „für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi“ (Eph 4, 12). Eine solche Aufgabe und Stellung des Amtes kann nicht aus der Gemeinde abgeleitet werden. Jesus Christus selbst setzt den Priester ein, um die Gemeinde im Geist des Evangeliums zu leiten und zu ermutigen und sie durch die Sakramente zu begleiten und zu stärken.

Durch das Sakrament der Weihe wird der Priester in einer Weise in das Priestertum Jesu hineingenommen, die sich – wie Lumen Gentium (LG 10) sagt – dem Wesen nach von der gemeinsamen Teilhabe aller Gläubigen am Priestertum Jesu unterscheidet. Der geweihte Priester gehört zum Gottesvolk, ist diesem zugleich gegenübergestellt und soll dem Volk Gottes so dienen, dass Jesus Christus als das Haupt der Kirche präsent wird. Der Priester ist da, um den Gläubigen Jesus Christus selbst, die Liebe und das Heil Gottes präsent zu machen; er ist da, um Jesu Lebenshingabe am Kreuz für uns Menschen auch heute gegenwärtig zu setzen. Das geschieht in der Verkündigung des Evangeliums, in der Feier der Sakramente, besonders in der Eucharistie und dem Bußsakrament, in der die Kirche in Christus gesammelt wird, und im Dienst an den Armen. Auch wenn wir Bischöfe den Priestern mancherlei Aufgaben übertragen, um eine Pfarrei zu organisieren, auch wenn unterschiedliche Schwerpunkte und Akzentsetzungen im Einsatz der Priester möglich sind, so bleibt das immer die zentrale Mitte. Es ist sicherlich lohnend, an dieser Stelle in einen Austausch über das zu kommen, was Sie auch nach zehn, zwanzig oder mehr Jahren priesterlichen Dienstes immer noch mit Freude Priester sein lässt, wo Sie aber auch die Gefahr erleben, im konkreten Dienst kaum noch etwas von der Teilhabe am Lehr-, Priester- und Hirtenamt Jesu Christi zu erfahren.

3. Was ein Priester ist, lässt sich nur von Jesus Christus her erklären. Aufgrund seiner sakramentalen Weihe ist der Priester bestellt und bevollmächtigt, „in persona Christi capitis“ zu handeln und auf diese Weise darzustellen, dass Jesus Christus als der Auferstandene auch heute seine Kirche führt, zu ihr spricht und sie heiligt. Das kommt vor allem bei der Feier der Eucharistie zum Ausdruck, der der Priester vorsteht und die für die Gemeinschaft der Glaubenden sichtbar und erfahrbar macht, dass Christus ihr Haupt ist, dass es Jesus Christus ist, der sie im Wort und Sakrament stärkt und leitet. Daraus ergibt sich als eine wesentliche Leitungsaufgabe des geweihten Priesters, den vielfältigen Berufungen, Diensten und Charismen im Gottesvolk zu dienen, sie zu wecken, zu begleiten, zu fördern und sie zur Zusammenarbeit und Einheit im Leib Christi zu führen. Priesterlicher Leitungsdienst ist nicht auf die Vermehrung der eigenen Macht oder zur Herrschaft über die anderen ausgerichtet, sondern darauf, dass alle Gläubigen ihre je eigene Verantwortung für die Sendung der Kirche erkennen und wahrnehmen können.

Mit einem Augustinuswort kann man – sinngemäß abgewandelt – sagen: „Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Priester.“ Das wird ein Priester umso glaubwürdiger tun können, je mehr er tatsächlich auch seinen priesterlichen Dienst in der Nachfolge Jesu Christi versteht und entsprechend geistlich ausgestaltet. Zum Priestertum des Dienstes gehört darum eine priesterliche Lebenskultur. Priesterliche Lebenskultur ist keine Sonderwelt in der katholischen Kirche, sie schließt vielmehr die Beheimatung des Priesters in der Gemeinschaft der Glaubenden ein, seine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der Menschen und an kulturellen Angeboten und Veranstaltungen in seinem Lebensumfeld. Der Priester lebt so mitten in der Welt und zugleich nahe bei Gott, der ihn sendet.

Viele Priester sind auf der Suche nach einer priesterlichen Wohnform, die in den neuen großen Seelsorgeeinheiten an die Stelle des alten Pfarrhauses treten kann. In einem traditionellen Pfarrhaus konnten verschiedene Priestergenerationen unter einem Dach leben, es gab eine Kultur des gemeinsamen Essens, Betens und Gesprächs. Das Pfarrhaus war oft auch ein gastfreundlicher Ort für die Menschen in der Pfarrei. In den neuen und großen pastoralen Verbünden fühlen sich viele Priester, auch wenn die Zusammenarbeit mit den anderen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut ist, doch allein. Sie vermissen, dass kein Mitbruder in erreichbarer Nähe ist. Eine Verabredung etwa zu einem gemeinsamen Essen mit einem brüderlichen Austausch lässt sich häufig nur schwer verwirklichen.

Es gibt unter den Priestern eine neue Sehnsucht nach dem Presbyterium, nach einer erfahrbaren Gemeinschaft der Priester in einem Bistum und mit dem Bischof. In gewisser Spannung dazu steht die Sehnsucht nach einem je eigenen individuellen Lebensstil. Gemeinschaft entlastet, fordert und bindet aber auch. Wir möchten Sie als Priester darin bestärken, nach Formen eines gemeinschaftlichen Lebens und eines gastfreundlichen Haushaltes zu suchen. Dies muss nicht unmittelbar eine umfassende vita communis sein. Für dieses Lebensmodell gibt es durchaus verschiedene Abstufungen. In jedem Fall können die verschiedenen Formen gemeinschaftlichen Lebens eine große Hilfe und Stütze sein. Das kann ein wöchentliches Treffen bei einem Essen mit einem anschließenden geistlichen Austausch und einem gemeinsamen Gebet sein oder auch eine intensive Form des Zusammenlebens in einem Pfarrhaus oder die Einbindung in eine geistliche Gemeinschaft mit anderen Gläubigen.

Wir möchten Sie ermutigen, kreativ und phantasievoll nach Möglichkeiten zu suchen, und bieten unsere Unterstützung dazu an. Natürlich wird es immer auch eine Spannung zwischen Ihren persönlichen Vorstellungen nach Gemeinschaft und den Erfordernissen der Diözese geben. Aber hierzu ist das Gespräch um so notwendiger, das wir Ihnen auf diese Weise anbieten.

Die Gemeinschaft unter den Mitbrüdern stellt eine Hilfe dar, die vielfältigen Spannungen auszuhalten, in die Sie als Priester heute hineingestellt sind. Jeder lebt auf eine ganz persönliche Weise die Freundschaft mit Jesus Christus und bemüht sich darum, ein Leben lang in dieser Beziehung zu wachsen. Hier gibt es eine große Vielfalt. Aber die Kirche ist auch der Leib Christi und dazu gehört die Erfahrung der communio. Die Kirche lebt aus dem Geist einer Gemeinschaft, die Bindungen und Verbindlichkeit fordert, die aber auch um die Brüchigkeit des Lebens, um Versagen, Schuld und Sünde weiß und den Weg der Versöhnung und Vergebung kennt.

Für unsere Kirche hat im Blick auf das sakramentale Priestertum die „Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen“ einen hohen Wert. In der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion wird die zölibatäre Lebensform des Priesters fast nur unter ihrem negativen Aspekt, dem Verzicht auf Ehe und Familie, gesehen. Verstehbar und lebbar wird die freiwillig übernommene Ehelosigkeit des Priesters jedoch erst im Zusammenhang mit seiner besonderen Nachfolge Jesu, der selbst ehelos gelebt hat. Letztlich soll der Priester mit seiner ganzen Existenz Jesus Christus und seine Liebe zur Kirche repräsentieren. Die Ehelosigkeit des Priesters ist darum für die ganze Kirche bedeutsam, denn sie macht deutlich, dass die menschliche Sehnsucht nach Heil und Liebe bei Gott wirklich und endgültig Erfüllung finden wird. Es gibt darum eine Verantwortung des ganzen priesterlichen Gottesvolkes, dass in der Kirche ein Klima herrscht, in dem sich auch die spezifischen Aspekte einer priesterlichen Lebenskultur entfalten können. Pflege von Freundschaften und persönliches Gebet, geistliche Begleitung und theologische Weiterbildung, eine regelmäßige Praxis des Bußsakramentes, eine bewusste und würdige Feier der Liturgie, ein bescheidener Lebensstil und ein reflektierter Umgang mit dem Internet sind weitere wichtige Elemente einer priesterlichen Lebenskultur.

4. Was sind die konkreten Fragen und Herausforderungen, die wir angehen müssen, damit Sie auch in Zukunft menschlich und geistlich erfüllend als Priester wirken und leben können? Viele Priester sehen es als vordringlich an, sich mit ihrem Bischof und den Gläubigen in den Pfarreien über eine Schwerpunktsetzung in der Seelsorge zu verständigen. Denn in den neuen großen Pfarreien oder Seelsorgeeinheiten wird es für den Priester immer schwieriger, in der ganzen Weite des pastoralen Raums noch präsent zu sein und alle pastorale Aktivität einer Pfarrei zu leiten oder zu begleiten. Die Wünsche und Erwartungen der einzelnen Priester sind dabei durchaus unterschiedlich. Hier ist geistliche Unterscheidung im Gespräch, aber auch der Mut gefragt, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren. Nicht nur der Priester, alle pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und alle Gläubigen tragen dazu bei, dass die Kirche bei den Menschen präsent ist; alle sind das „Gesicht der Kirche“.

Eine besondere Chance stellt die Zusammenarbeit mit den anderen Diensten, Berufungen und Charismen im Gottesvolk dar. Was sind die originären Aufgaben aller Getauften und Gefirmten? Welche Aufgaben müssen auch wieder in diese ursprüngliche Verantwortung aller Glaubenden zurückgegeben werden? Was ist das Profil der anderen hauptberuflichen pastoralen Dienste? Wo eine Kultur des Vertrauens und des Miteinanders herrscht, werden wir auch das Zusammenwirken aller in der Kirche weiter entwickeln können. Wir wollen die Fragen, welche Aufgaben in der Führung einer großen Pfarrei konkret zum Leitungsdienst eines Priesters gehören und mit welchen leitenden Aufgaben auch andere Dienste beauftragt werden können, weiter klären.

Nicht jeder Priester wird in Zukunft als Pfarrer tätig sein. Es gibt viele Arten, Priester zu sein: als Pfarrer einer großen pastoralen Einheit oder als Seelsorger in einem bestimmten pastoralen Feld oder im priesterlichen Dienst an Menschen in besonderen Lebenssituationen. In den neuen pastoralen Räumen können sich Priester mit einer großen Vielfalt an Charismen und Begabungen einbringen. Die damit verbundenen Chancen müssen wir noch viel mehr nutzen. Es wird auch darum gehen, den verschiedenen Priestergenerationen mit ihren sehr unterschiedlichen biografischen Erfahrungen gerecht zu werden. Wie unterschiedlich sind doch die Kirchenbilder derer, die durch die Nachkriegszeit oder durch die kirchlichen und gesellschaftlichen Aufbrüche der 60er Jahre geprägt wurden, die als Ordenspriester oder als ausländischer Priester in Deutschland wirken, die in einem nichtkatholischen Milieu groß geworden sind, die die volkskirchliche Gestalt der Kirche gar nicht mehr kennen oder ihre Berufung in einer neuen geistlichen Bewegung erfahren haben.

Wir alle haben bestimmte Bilder vom Pfarrer verinnerlicht, die uns auf unserem Berufungsweg, in der Ausbildung und im priesterlichen Dienst begleitet haben. Einige Bilder tragen heute nicht mehr; andere Bilder vom Priestersein bedürfen der Erneuerung oder Ergänzung. Es geht darum, alte und neue Bilder aus der Bibel und aus den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils, zum Beispiel das Bild vom Hirten, vom Missionar oder vom Mann Gottes auf ihre Inspiration für den Dienst und das Leben von Priestern heute zu befragen. Das wird nicht unabhängig von den Bildern sein, die wir von der Kirche haben. Denn der Priester soll ja der Entwicklung des Volkes Gottes dienen. Und so stellt sich auch die Frage, wie wir gemeinsam unser Bild zukünftigen Kircheseins entwickeln können. Dazu wird es unerlässlich sein, dass das Gespräch über das gemeinsame Priestertum aller Getauften und den Dienst des Priesters auch in den Pfarreien und ihren Teams weiter geführt wird.

5. Sehr verehrte, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, in einem Albert dem Großen zugesprochenen Wort heißt es: „Sehen, was ist; tun, was möglich ist; lieben, was ewig ist.“ Mit diesem Brief laden wir Sie ein, mit uns Bischöfen, mit den Mitbrüdern und in Ihren Pfarreien in ein Gespräch über den priesterlichen Dienst heute zu kommen. Dabei wollen wir uns von diesen drei Haltungen leiten lassen: – sehen, was ist – die Umbrüche und Schwierigkeiten, aber auch die Hoffnungszeichen und Aufbrüche in der Kirche sehen und in all dem Gottes Handeln an seinem Volk heute wahrnehmen; – tun, was möglich ist – und die Aufgaben, die ein Priester unvertretbar zu tun hat, von denen unterscheiden, die die Getauften berufen sind zu tun; – lieben, was ewig ist – in der Freundschaft zu Christus weiter wachsen und im Gebet füreinander einstehen.

Wir Bischöfe danken Ihnen für die Treue, mit der Sie Ihren Dienst leisten, und sagen Ihnen dazu unsere Unterstützung im Gespräch und im Gebet zu.

Mit herzlichen Grüßen der deutschen Bischöfe und mit der Bitte um Gottes Segen für Sie und Ihre Gemeinden

Fulda, den 25. September 2012