Die wahren Reichen glänzen durch Souveränität

Betrachtungen zum heiligen Joseph – Du Freund der Armut – „Tagespost“-Serie (Teil I). Von Klaus-Peter Vosen

Statue des heiligen Joseph in der Heimatpfarrei Jorge Bergoglios San José de Flores in Buenos Aires. Foto: reg
Statue des heiligen Joseph in der Heimatpfarrei Jorge Bergoglios San José de Flores in Buenos Aires. Foto: reg

In wenigen Wochen jährt sich der Tag, an dem Papst Franziskus zum Nachfolger Petri gewählt wurde. Am 19. März, dem Fest seines Lieblingsheiligen Joseph, wurde der Heilige Vater in sein Amt eingeführt. Zur Vorbereitung auf das Fest erscheinen in den Ausgaben der nächsten Wochen neun Betrachtungen zu den Anrufungen der Josefslitanei.

„Geiz ist geil“ – der Werbeslogan machte rasch die Runde. Geld zu sparen, Geld einzunehmen, gilt als erstrebenswert, zumal manche auf einer schmalen Existenzbasis leben müssen. Man träumt davon, materiell abgesichert zu sein.

Zuweilen gehen die Träume – und das ist natürlich – nicht nur in die Richtung einer bloßen Existenzsicherung, sondern weit darüber hinaus: Wie wäre das – einmal im Reichtum leben zu können wie Bill Gates, wie Angelina Jolie oder Tom Cruise, der, als er nach Berlin zu den Dreharbeiten von „Valkyrie“ kam, zwei ganze Hoteletagen mietete, dort Wände herausstemmen und einen Fitnessraum einbauen ließ? Die Welt des Reichtums ist schon verlockend.

Joseph mit der Armut in Verbindung zu bringen, ihn gar als Freund derselben zu schildern, erscheint angesichts dieses Sachverhaltes für die Förderung seiner Verehrung also kontraproduktiv.

Und die Frage ist: Entspricht es denn der Wahrheit, sich Joseph wirklich als einen armen Mann vorzustellen? Hatte das Handwerk zur Zeit des Zimmermanns von Nazareth keinen goldenen Boden? Es ist schwer, hierzu etwas Klares zu sagen. Zumindest war Joseph offenbar nicht in der Lage, in Bethlehem eine der vollbesetzten Herbergen einfach zu kaufen, um für Maria eine einigermaßen ordentliche Unterkunft bereitzustellen, in der sie den Sohn Gottes gebären konnte. Josephs Armut scheint aber eher eine Frage der inneren Einstellung als des Einkommens gewesen zu sein.

Die königliche, souveräne Haltung, die für den Nährvater Christi insgesamt kennzeichnend war, und von der schon die Rede gewesen ist, zeigt sich in einer großen inneren Unabhängigkeit und Freiheit von materiellen Erwägungen. Die gewissenhafte Erfüllung der Standespflichten darf bei Joseph angesichts seiner ganzen sonstigen Lebenshaltung als selbstverständlich gegeben vorausgesetzt werden, aber nie gehörte er zu jenen, die, wenn etwa Gottes Auftrag an sie ergeht, diesem Ruf aufgrund ihrer Verstrickung in die Dinge dieser Welt nicht Folge leisten können oder wollen. Als die Reise nach Ägypten anstand, stellten sich keine Zimmermannsgeschäfte verzögernd in den Weg, und als der Himmel zur Rückkehr nach Nazareth rief, wurde diese nicht verschoben, weil im Land am Nil im Moment vielleicht eine günstige Auftragslage gewesen wäre. Joseph stand einfach auf und ging – unbeschwert von den Dingen dieser Erde.

Armut in materieller Hinsicht, die das Existenzminimum des Menschen gefährdet, nimmt ihm Lebensmöglichkeiten, kann ihn versklaven. „Armut“ geistiger Art, hier verstanden als innere Distanz zum Materiellen, wenn es über die Sicherung der Existenz für einen selbst und die uns Anvertrauten ungemessen hinausgeht, versetzt uns in eine große Freiheit, die unsere Würde sichert. Solcher Armut, die für die wahren Reichtümer dieser Welt und die Reichtümer Gottes erst öffnet, kann man sich mit St. Joseph wohl befreunden. Solche Armut macht reich.

Was hilft es, wenn man im Beruf einen kleinen, aber folgenschweren Fehler gemacht hat und deswegen in der Gefahr steht, den Arbeitsplatz zu verlieren? Dass man diesem Beruf alles geopfert hat, viele Lehrgänge absolvierte, Wochenende um Wochenende investierte, um in immer höhere Gehaltsklassen aufzusteigen? Oder dass man sich einen Rest Gottvertrauen bewahrte, der nun Mut macht und durchhalten lässt, wenn „alles“ gefährdet ist?

Was hilft, wenn eine Beziehung zu zerbrechen droht? Dass ein luxuriöses Haus gebaut worden ist – oder dass man die Kraft hat, sein bisheriges Verhalten dem geliebten Menschen gegenüber im Lichte Gottes und mit ehrlicher Selbstkritik zu überprüfen und neu zu formieren?

Und was rettet vor der Verzweiflung, wenn der Arzt die Diagnose „unheilbar“ verkündet? Dass man alle Hoffnungen auf das Materielle, auf die Erde, gesetzt hat? Oder da Vertrauen darauf, dass das Leben nach dem Tod erst wirklich beginnt?