Die wahre Hoffnung der Welt

Viele Stimmen beim Triduum in Rom: Die Predigten des Heiligen Vaters, ein Betriebsunfall und ein Hosanna auf den verstorbenen Kardinal Karl Lehmann. Von Guido Horst

Ostermesse im Vatikan
Verbindlich lächelnd, aber hartnäckig in der Sache: Papst Franziskus bat am Ostersonntag erneut um Frieden. Foto: dpa
Ostermesse im Vatikan
Verbindlich lächelnd, aber hartnäckig in der Sache: Papst Franziskus bat am Ostersonntag erneut um Frieden. Foto: dpa

Als hätte der Himmel Römern und Besuchern der Ewigen Stadt ein Geschenk bereiten wollen, öffnete sich zum Fest der Auferstehung plötzlich in dem von Ausläufern atlantischer Schlechtwettergebiete überzogenen Mittelitalien ein Loch. Sonne und blauer Himmel haben genau zu Ostern für die Stimmung gesorgt, in der man gerne mit dem Papst große Feste feiert.

Doch das „Triduum Sacrum“ begann am Gründonnerstag nicht ganz ungetrübt – in Form von zwei Mitteilungen des vatikanischen Presseamts, die offenliegende Nerven berührten. Zum einen teilte Vatikansprecher Greg Burke mit, dass die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen dem Vatikan und China nicht unmittelbar bevorstehe – wie es bisher immer geheißen hatte. Eine mögliche Einigung mit dem Regime in Peking und der Inkaufnahme entsprechender Kompromisse bei der Bischofsbestellung ist derzeit vielen ein Dorn im Auge, die – wie etwa der ehemalige Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen – darin einen Verrat an der romtreuen Kirche des Untergrunds sehen.

Dann ein weiterer Betriebsunfall: Wieder hatte Papst Franziskus den Gründer des laizistischen Blatts „La Repubblica“, Eugenio Scalfari, kurz vor Ostern zum Gespräch empfangen. Und wieder hatte der mittlerweile 93-Jährige daraus ein Interview für seine Zeitung gemacht, in dem er dem Papst Aussagen zur Nicht-Existenz der Hölle und der ewigen Auslöschung der wenigen Verdammten in dem Mund legte, die katholischen Lesern die Haare zu Berge stehen ließen. Ebenfalls am Gründonnerstag musste das Presseamt dementieren und klarstellen, dass keine der in Anführungszeichen stehenden Sätze des Papstes diesen wirklich wiedergaben. Was aber muss Franziskus dem Journalisten gesagt haben, damit dieser das Gespräch so wiedergeben konnte?

Das war der nicht gerade unbeschwerte Start in die Feier des letzten Abendmahls, des Sterbens und der Auferstehung des Gottessohns, die mit der Chrisammesse am Donnerstagmorgen ihren ersten Höhepunkt fand – und bei der Franziskus die erste ausgearbeitete Predigt des Triduums hielt. Die Worte des Papstes vor den Priestern der Diözese Rom und aus anderen Bistümern der Welt drehten sich im Petersdom um Jesus Christus, den „Evangelisierer“ und „Straßenprediger“: „Dies ist die großartige Wahl Gottes: Der Herr entschied sich dafür, jemand zu sein, der seinem Volk nahe ist. Dreißig Jahre des verborgenen Lebens! Nur danach wird er anfangen zu predigen. Es ist die Pädagogik der Inkarnation… der Inkulturation; nicht nur in den fernen Kulturen, auch in der eigenen Pfarrei, in der neuen Kultur der jungen Menschen.“ Franziskus rief die Seelsorger dazu auf, „volksnah“ und für die Menschen da zu sein. Das bedeute, dass der Priester für jeden ein Wort zu finden vermag. „Er spricht mit allen“, würden die Leute dann sagen, „mit den Großen, den Kleinen, den Armen, mit denjenigen, die nicht glauben… Volksnahe Priester, die da sind, die mit allen sprechen… Straßenpriester.“

Schüler hatten den Kreuzweg vorbereitet

Und der Papst verband das mit dem Thema Barmherzigkeit: „Die Nähe, liebe Brüder, ist der Schlüssel des Evangelisierers, weil sie eine Schlüsselhaltung im Evangelium ist – der Herr verwendet sie, um das Reich Gottes zu beschreiben. Wir haben verinnerlicht, dass die Nähe der Schlüssel der Barmherzigkeit ist, weil die Barmherzigkeit keine wäre, wenn sie sich nicht immer bemühen würde, als gute Samariterin die Distanz zu überwinden. Aber ich glaube, dass wir die Tatsache noch mehr verinnerlichen müssen, dass die Nähe auch der Schlüssel der Wahrheit ist; nicht nur der Barmherzigkeit, sondern auch der Schlüssel der Wahrheit. Kann man die Distanz in der Wahrheit überwinden? Ja, man kann es. Denn die Wahrheit ist nicht nur die Definition, die es ermöglicht, Situationen und Dinge aus der Ferne eines Konzepts oder einer logischen Überlegung heraus zu benennen. Sie ist nicht nur das. Die Wahrheit ist auch jene, die es dir ermöglicht, die Personen mit ihrem eigenen Namen zu nennen, so wie der Herr sie beim Namen ruft, bevor man sie einer Kategorie zuordnet oder ihre Situation“ definiert. „Und hier gibt es diese – hässliche, oder? – Gewohnheit, der ,Kultur des Adjektivs‘: der ist so, der ist anders, dieser ist so einer… Nein, das ist ein Sohn Gottes.“ Als drei konkrete Beispiele für die Nähe des Priesters zu dem Menschen nannte er dann die Nähe im geistlichen Gespräch, die Nähe in der Beichte und die Nähe bei der Predigt, wobei er dann „Evangelii gaudium“ zitierte: Die Homilie ist der „Prüfstein, um die Nähe und die Kontaktfähigkeit eines Hirten zu seinem Volk zu beurteilen“ und in der Homilie sehe man, „wie nahe wir Gott im Gebet waren und wie nahe wir unserem Volk in seinem Alltag sind“.

Am Nachmittag fuhr der Papst dann in das römische Gefängnis „Regina coeli“, wo er zuerst Häftlinge auf der Krankenstation besuchte und anschließend die Messe „Coena Domini“ feierte. Kameras waren nicht zugelassen, es gab nur kurze Aufnahmen von der Fußwaschung, die der Papst an zwölf Gefangenen aus sieben Ländern vollzog, acht Katholiken, einem Orthodoxen, zwei Muslimen und einem Buddhisten.

Ein dichtes Programm dann in der zweiten Hälfte des Karfreitags: Zunächst die Feier des Leidens und Sterbens Jesu Christi im Petersdom, bei der Pater Raniero Cantalamessa, der Prediger des Päpstlichen Hauses, die Homilie hielt. Am Abend dann der Kreuzweg im römischen Kolosseum – wie jedes Jahr unter der strengen Regie des Staatsfernsehens RAI, mit Schauspielern und ausgebildeten Sprechern. Die Meditationen zu den einzelnen Stationen hatten in diesem Jahr Schüler eines römischen Gymnasiums unter Leitung eines Lehrers geschrieben. Der Papst sprach am Ende ein Gebet.

In der Osternacht dann wieder eine ausgearbeitete Predigt von Franziskus (Auszüge im Textkasten): aus dem Schweigen in der Todesnacht des Herrn hinein in die Hoffnung der Auferstehung. Während der nächtlichen Feier spendete Papst Franziskus acht Erwachsenen aus Albanien, Italien, Nigeria, Peru und den Vereinigten Staaten die Sakramente der Initiation: die Taufe, die Firmung und die erste heilige Kommunion.

Mittlerweile hatte wie schon seit vielen Jahren ein Verband niederländischer Blumenzüchter den Petersplatz für den Ostermorgen mit Blumen, Linden und Birken geschmückt: Dreißig Tonnen Blüten waren per Lkw nach Rom gebracht worden und Blumenteppiche mit Tulpen, Narzissen, Hyazinthen und Rosen zierten die Stufen zur Altarinsel vor dem Petersdom. Der Platz war voll, am Ende der Ostermesse konnte Franziskus mit dem Papamobil wieder weit über den Petersplatz hinaus in die Via della Conciliazione fahren.

In seiner frei gehaltenen, kurzen Predigt nannte er wie so oft drei Aspekte des Ostergeheimnisses: „Die Verkündigung: Der Herr ist auferstanden.“ Die Frauen, die hingingen, um den Leib des Herrn zu salben, hätten vor einer Überraschung gestanden: „Die Verkündigungen Gottes sind immer eine Überraschung, denn unser Gott ist der Gott der Überraschungen.“ Gott mache keine Verkündigung, ohne zu überraschen. Dann die Eile: „Die Frauen laufen. Die Überraschungen Gottes setzten uns in Bewegung, ohne zu warten.“ Und schließlich eine Frage: „Und ich? Wie steht es mit mir? Ist mein Herz offen für die Überraschungen Gottes? Bin ich fähig, mich eilends aufzumachen?“

Die Christen wüssten, meinte Franziskus dann zum Segen „Urbi et orbi“, dass die Auferstehung Christi die wahre Hoffnung der Welt sei. Die Kraft der Liebe, die sich „hingibt bis zur Vollendung“, erneuere die Welt. Sie bringe „auch heute Frucht in den Ackerfurchen unserer Geschichte, die von so viel Ungerechtigkeit und Gewalt gezeichnet“ sei. Franziskus nannte als Beispiele Hunger, Mangel an Arbeitsplätzen, Flüchtlinge und Vertriebene, Opfer des Drogenhandels und der Sklaverei.

Kardinal Müller würdigt seinen Lehrer

„Und so bitten wir um die Früchte des Friedens für die Welt“, fuhr Franziskus fort und sprach als ersten Krisenherd in der Welt Syrien an: Möge „das Licht des auferstandenen Christus die Gewissen aller politischen und militärischen Verantwortungsträger erleuchten, auf dass die fortschreitende Vernichtung sofort beendet, das humanitäre Völkerrecht respektiert und der Zugang zu Hilfe erleichtert“ werde. Auch müsse Syrien angemessene Bedingungen für die Rückkehr der Vertriebenen gewährleisten. Die Früchte der Versöhnung brauche auch das Heilige Land, der Jemen und der gesamte Nahe Osten. Franziskus lenkte den Blick auf die dort verfolgten Christen, die bezeugten, „dass das Gute über das Böse siegt“, sowie auf die Opfer von Terrorismus und auf die Menschen im Südsudan und im Kongo. Ebenso erwähnte er in seinem Friedensappell Korea, die Ukraine und Venezuela.

Für die deutsche Gemeinde Roms hatte der Ostermontag einen besonderen Programmpunkt. Mit einem Gottesdienst gedachte sie des im März verstorbenen Kardinals Karl Lehmann. Für „seinen großartigen Dienst als Theologe und Bischof gebührt Karl Lehmann bleibender Dank“, sagte Kardinal Gerhard Müller bei seiner Predigt in der Kirche des Campo Santo Teutonico. Immer wieder habe Lehmann gemahnt, dass christlicher Glaube weder bürgerliche Seelenruhe noch Selbsterlösung bedeute.

Zu der Messfeier eingeladen hatte die deutsche Botschafterin am Heiligen Stuhl, Annette Schavan. Mitfeiernde waren unter anderen die Kardinäle Kurt Koch, Walter Kasper und Karl-Josef Rauber, die Erzbischöfe Georg Gänswein und Erwin Ender, Kurienbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst sowie der Rektor der deutschsprachigen Gemeinde Santa Maria dell'Anima, Franz-Xaver Brandmayr. Kardinal Müller erinnerte in seiner Predigt auch daran, dass die Lesung des Ostermontags mit dem frühesten schriftlichen Osterbekenntnis der Christen im ersten Korintherbrief das Thema von Lehmanns theologischer Doktorarbeit war. Lehmann sei es „um den Kern unseres Glaubens“ gegangen, darum, dass „Jesus Christus weder Religionsstifter noch Weltverbesserer“ sei, sondern „Herr über Leben und Tod“. Dennoch habe auch Lehmann zunehmend unter der Zwiespältigkeit der Welt gelitten, wie er in seinem geistlichen Testament von 2009 bekannt habe, sagte Müller über seinen einstigen Lehrer.