„Die katholische Kirche hält sich besser“

Allensbach-Studie: Protestanten denken öfter an Austritt – Einstellung der Christen gegenüber der Kirche verändert sich vor allem bei weniger religiösen Menschen

Frankfurt (DT/KNA) Der Missbrauchsskandal hat die Einstellung der Bevölkerung zur katholischen Kirche verändert. Allerdings betrifft dies vor allem religiös weniger Gebundene. Das geht aus einer in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Mittwoch) veröffentlichten Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach hervor. Demnach sank der Anteil derer, die der Kirche moralische Orientierung zutrauen, zwischen März und Juni von 29 auf 23 Prozent. 2005 lag er noch bei 35 Prozent. Antworten auf Sinnfragen erwarten sich nur noch 38 Prozent von der Kirche. Im März waren es noch 45 Prozent und vor fünf Jahren die Hälfte der Bevölkerung. Die umfangreiche Berichterstattung über Skandale hat nach Auskunft von Allensbach-Leiterin Renate Köcher zum Eindruck geführt, dass Missbrauch ein in der katholischen Kirche weit verbreitetes Phänomen sei.„Obwohl die berichteten Fälle eine kleine Minderheit der Priester betreffen und überwiegend Jahrzehnte zurückliegen, halten heute 47 Prozent der gesamten Bevölkerung Kindesmissbrauch durch katholische Priester für häufig.“ Zugleich sei aber das Vertrauen zu den Priestern in der eigenen Gemeinde „völlig ungetrübt“.

Mit eigenen Stellungnahmen drang die Kirche der Untersuchung zufolge kaum durch. Dass Benedikt XVI. „wiederholt und durchaus entschieden Stellung genommen hat, haben lediglich zwölf Prozent der Bevölkerung und auch nur gut jeder fünfte Katholik bewusst wahrgenommen“, so Köcher. Allgemein verzeichnet die Studie eine schwächere persönliche Verbundenheit mit der Kirche als noch Mitte des Jahrzehnts. Die Mitgliedschaft werde immer mehr „zu einer Frage der bewussten Entscheidung und weniger der gesellschaftlichen Konvention“.

Bei der Zahl der Kirchenaustritte „verabschieden sich verstärkt diejenigen, die weder starke kirchliche noch religiöse Bindungen haben“. Bei der „aktuellen Zunahme von Austrittsüberlegungen, die in erster Linie bei religiös Indifferenten zu beobachten ist, ist das Missbrauchsthema zum Teil der Anlass, aber in der Regel nicht die tiefer liegende eigentliche Ursache“, schreibt Köcher. Nur eine kleine Minderheit sei fest entschlossen, auch auszutreten. Ihre Zahl lag in Schnitt beider Kirchen Mitte der 90er Jahre bei drei Prozent, 2006 bei zwei und nun wieder bei drei Prozent.

Nach wie vor ist die protestantische Kirche stärker von Austrittsüberlegungen betroffen als die katholische. „Die katholische Kirche, die weitaus mehr Reibungsflächen bietet und in der Kritik steht, hält sich insgesamt weitaus besser“, konstatiert Köcher. „Aktuell sind vier Prozent der Protestanten, obwohl deren Kirche von Missbrauchsvorwürfen weitestgehend verschont geblieben sind, jedoch nur zwei Prozent der Katholiken entschlossen, ihrer Kirche den Rücken zu kehren.“

Derzeit gehören noch 74 Prozent der westdeutschen und 32 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung einer christlichen Konfession an. Insgesamt bezeichneten sich aber nur 43 Prozent der Befragten als „religiös“. Im Westen waren es 47, im Osten 25 Prozent. Dabei zeigt sich eine deutliche Altersgebundenheit. Bei über 60-Jährigen liegt ihr Anteil bei 57 Prozent, bei 16- bis 29-Jährigen sinkt er auf 28 Prozent. Unter den Katholiken sind es 64, unter den Protestanten 53 Prozent. Allerdings unterscheiden sich religiöse Jugendliche deutlich von religiös gleichgültigen Altersgenossen: Zu beobachten sei vor allem „eine stärkere Familienhinwendung, ein überdurchschnittliches soziales Verantwortungsgefühl, Aufgeschlossenheit, Bildungsorientierung und eine signifikant größere Bereitschaft, sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie der Frage nach dem Lebenssinn auseinanderzusetzen, sowie unterdurchschnittlich ausgeprägter Materialismus“.