„Die Zeit ist da für eine Weltbürgerschaft“

Der nigerianische Theologe Obiora Ike über die Afrikasynode

Auf persönliche Einladung des Papstes nimmt der nigerianische Geistliche und Sozialwissenschaftler Obiora Ike an der in Rom tagenden Afrikasynode teil. Der 54-Jährige, der unter anderem in Innsbruck und Bonn studierte, war mehrere Jahre Generalvikar von Enugu und ist jetzt Direktor des Instituts für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden in seinem Bistum. Im Gespräch mit Burkhard Jürgens von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußert er sich über den Aufschwung der Kirche in Afrika.

Monsignore Ike, Ihr Bistum hat das größte Priesterseminar weltweit, die Kirche wächst auf Ihrem Kontinent wie fast nirgends sonst auf der Welt. Ist Afrika ein Erfolgsmodell?

Alle Kirchen, die auf Jesus Christus schauen, haben diesen Erfolg. Die afrikanische Kirche bringt uns viel Freude, was die quantitativen Fortschritte angeht. Seit der ersten Afrikasynode 1994 ist die Zahl der Diözesen von 500 auf über 630 gestiegen. Damals gab es vielleicht 13 000 Priester, heute sind es 22 000. Ähnlich ist es mit den Zahlen der Christen überhaupt. Afrika ist ein Kontinent der Hoffnung.

Manche wenden ein, man müsse statt der Zahlen mehr auf geistliche Inhalte schauen.

Gerade das ist auch das Thema der Synode: Versöhnung, Gerechtigkeit und Friede. Es sind Begriffe biblischen Ursprungs, sie stehen für das Leben Jesu Christi selbst. An ihm müssen wir unsere Erfolge und Aktivitäten messen. Es gibt in Afrika eine tiefe Spiritualität, die in der Natur des afrikanischen Menschen grundgelegt ist; einen Gottesglauben, eine natürliche Beziehung zur Schöpfung. Es ist ein Kontinent, den Gott gesegnet hat. Nur die Geschwister im Inland und im Ausland haben Afrika zur Armut gebracht. Jetzt ist die Zeit, das zu ändern. Sonst bekommen alle diese Armut zu spüren.

Setzt die Synode solche politischen Akzente?

Die Bischöfe greifen in ihren Beiträgen durchaus diese Punkte auf. Was sind die Ursachen der Armut? Wo liegen Gründe für schlechte Regierung? Sie gehen sehr analytisch vor und sehr fundiert. Die politische Lage in vielen afrikanischen Ländern ist nicht gut. Demokratie bleibt ein Ziel – aber eine Demokratie mit Werten, wo Menschenrechte nicht nur Freiheiten bedeuten, sondern Verantwortung füreinander einschließen. Wirtschaft ist ein weiteres Synodenthema: Es gab starke Forderungen gegen multinationale Konzerne, die gegen afrikanische Interessen handeln. Auch Drogenhandel und neue Formen der Sklaverei wurden verurteilt. Unabhängig davon, was sich Afrikaner gegenseitig antun – afrikanische Menschen und Regierungen genießen im Ausland nicht den Respekt, den sie als Bürger dieser Erde haben sollten. Dabei ist die Zeit da für eine Weltbürgerschaft.

Als Menschenrechtler müssten Sie auch etwas zum Thema Migration sagen können.

In der Synode habe ich eine Verärgerung darüber gespürt, dass Kriegsflüchtlinge abgewehrt oder berechtigte Einreiseanträge verweigert werden, besonders in der Europäischen Union. Sogar Bischöfe haben kein Visum bekommen. Was für eine Welt haben wir, wenn Menschen sich nicht mehr bewegen dürfen! Wir leben in einer neuen Welt, und es gebührt auch den westlichen Ländern, ihre Tür aufzumachen. Menschen, die dort berechtigterweise etwas zu tun haben, müssen die Möglichkeit dazu haben. Afrika ist ein Zuhause für alle, die Wiege der Menschheit. Wer zu uns kommt, ist herzlich willkommen. Umgekehrt spüren wir das nicht.

Wie kommen Sie mit diesen Anliegen über den afrikanischen Tellerrand hinaus?

Diese Synode ist nicht eine Synode Afrikas, sondern eine Synode der Weltkirche über Afrika. Deshalb sind auch Bischöfe aus Europa hier, aus den USA, Lateinamerika und Asien sowie die Präsidenten aller kontinentalen Bischofskonferenzen. Jede Gruppe bringt ihre Sichtweise ein. Denn wenn ein Teil der Kirche leidet, leidet die ganze Kirche.

Als promovierter Bonner Theologe kennen Sie ja ein bisschen rheinische Mentalität. Welche Eigenschaften braucht man, um in Afrika ein erfolgreicher Kirchenmann zu sein?

Als Kölscher Jung darf man die Sache nicht zu ernst nehmen. Man muss auch noch lachen können, leben und leben lassen: Et kütt wie et kütt, und et hätt noch immer jot jejange – das ist Afro-Optimismus.