Die Straße der Moderne

Kirchbauten des zwanzigsten Jahrhunderts entdecken: Ein Online-Reiseführer hilft, geistliche Räume zu finden und moderne Kunst zu erleben. Von Barbara Stühlmeyer

Die Handschrift der Tradition in neuer Farben- und Formensprache: Einem Hochaltar nachempfunden ist die Altarwand in der Kirche der Benediktiner von Nütschau. In der Mitte ist der Tabernakel zu sehen. Foto: IN
Die Handschrift der Tradition in neuer Farben- und Formensprache: Einem Hochaltar nachempfunden ist die Altarwand in der... Foto: IN

Kirchen zählen bei den Deutschen nicht nur in der Urlaubszeit zu den beliebtesten Besichtigungszielen. Die Hälfte aller Bundesbürger sucht gerne diese Orte der Stille und Besinnung auf – besonders, wenn sie wie in diesem Sommer mit seinen heißen Temperaturen auch Abkühlung versprechen. Ihre oft zentrale Lage und der kostenlose Zutritt sind weitere Anziehungspunkte. Einige Regionen Deutschlands, wie beispielsweise Sachsen-Anhalt machen mit Projekten wie der „Straße der Romanik“ auf die wertvollen historischen Gebäude aufmerksam. Doch nicht nur im Bereich romanischer, gotischer, barocker oder klassizistischer Kirchbauten gibt es bemerkens- und sehenswerte Gebäude zu entdecken.

Auch moderne Kirchen sind wertvolle spirituelle Erfahrungsräume. Doch sie sind oft schwieriger aufzufinden als ihre älteren Schwestern, denn sie sind nicht selten außerhalb der urbanen Zentren gelegen und nur wenige von ihnen werden in den einschlägigen Reiseführern erwähnt. Andreas Poschmann vom Deutschen Liturgischen Institut in Trier hat dies zum Anlass genommen, mit seinem Projekt „Straße der Moderne“ einen Online-Reiseführer zu entwickeln, der seit dem Fest des heiligen Christophorus allen Interessierten zur Verfügung steht. Insgesamt 200 moderne Kirchen sind auf der Internetseite www.strasse-der-moderne.de oder auf der Facebookseite www.strasse-der-moderne.de zu sehen und das Angebot wird sukzessive erweitert.

Was die modernen Kirchen so einzigartig macht ist ihre Raumgestalt, die ein neues Bewusstsein für den Gemeinschaftscharakter der Eucharistiefeier in Architektur umsetzt. Während in den Wegekirchen, die bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil das Raumideal bildeten, die Anbetung im Vordergrund stand, weshalb der Tabernakel in dieser Baukonzeption in den Hochaltar integriert ist, ging es in den Jahren direkt vor und seit dem Konzil um die Realisation einer lebendigen, um den Tisch des Herrn versammelten Glaubensgemeinschaft. Die erneuerte Liturgie versucht zu verwirklichen, was Papst Pius XII. als den „Durchbruch des Heiligen Geistes in seiner Kirche“ bezeichnete, ein Handeln inmitten der Gemeinde, das sich an dem Wort Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ orientiert. Das Bemühen um die tätige Teilnahme der Gläubigen an der Feier des Geheimnisses des Glaubens hatte bald sichtbare Folgen, wie Joseph Ratzinger in seiner Schrift „Am Vorabend des Konzils“ betont: „Wenn man eine moderne Kirche betritt, kann man feststellen, dass sich gegenüber der Zeit um die Jahrhundertwende eine Wandlung vollzogen hat, die nicht bloß Architektur und Stil betrifft, sondern die theologische Grundidee des Kirchenbaus mit erfasst: [...] Die neugotischen Kirchen wollten gleichsam so etwas wie ein Thronsaal Gottes auf Erden sein, ihr Höhepunkt war ein mächtiger Hochaltar, mit einem prunkvollen Tabernakel als der Stätte der Gegenwart Gottes; möglichst viele Seitenaltäre füllten den Raum [...] Das alles ist heute zurückgedrängt, vielleicht sogar überhaupt abgebaut, es tritt wieder hervor, was der Altar eigentlich ist: ein Tisch, auf dem die Gemeinde der Gläubigen das Letzte Abendmahl Christi, das Gedächtnis des Kreuzesopfers feiert, der Tisch also, den Gott uns gedeckt hat in dieser Welt, um uns zu seinen Tischgenossen zu machen.“

Die neuen Kirchbauten experimentieren mit verschiedenen Raumformen. Zeltförmige Konstruktionen wie in St. Matthäus Melle oder St. Pius Hof verweisen auf das Volk Gottes unterwegs. Konzeptbauten wie die Abteikirche der Benediktiner in Meschede greifen mit dem auf dem Vorplatz in die Pflasterung integrierten Nachbau des Labyrinths der Kathedrale von Chartres und den die halbrunde Kirche zu einem Kreis vollendenden Gräbern der verstorbenen Mönche im rückwärtigen Bereich mittelalterliche Motive auf und transformieren sie in eine zeitgenössische Ausdrucksform. Durchgängig ausgeführt wurde die Konzentration auf einen einzigen, freistehenden Altar anstelle eines Hauptaltares und zahlreicher Nebenaltäre, die in großen Kirchen zeitgleich stattfindende oder zeitversetzte Messfeiern ermöglicht hatten. Ebenso festzustellen ist die Trennung von Altar und Tabernakel, der Bau eigener Taufkapellen und die Einführung eines festen Ortes für die Wortverkündigung. Sich auf die Bipolarität mittelalterlicher Kathedralen, die wie beispielsweise der Bamberger Dom über einen West- und einen Ostchor verfügen, beziehend wurden Raumformen mit zwei Brennpunkten geschaffen, wie beispielsweise in St. Franziskus in Bonn oder in St. Christophorus in Westerland auf Sylt. Viele neue Kirchenbauten intensivieren die Gemeinschaft der Gläubigen durch die halbkreisförmige Anordnung der Bänke oder Stühle wie St. Elisabeth in Bremen oder die Kapelle des St. Jakobushauses in Goslar. Dort wo, wie beispielsweise in der Klosterkirche des Priorates St. Ansgar in Nütschau, der Tabernakel nach wie vor zentral und zur eucharistischen Anbetung einladend platziert ist, übertrug man tradierte Ausstattungsmodelle wie den Hochaltar in eine zeitgenössische architektonische Formensprache, hier eine beeindruckende halbtransparente, mit biblischen Motiven gestaltete Glaswand mit integriertem Tabernakel.

In Deutschland gibt es, dies ist nicht zuletzt der Rolle der Kirchen als eine die Wunden heilende, die Gesellschaft stabilisierende und deren Neuaufbau nach der Zeit des Nationalsozialismus maßgeblich mitgestaltende Kraft geschuldet, eine weltweit einzigartige Vielzahl moderner Kirchen. Über 5 000 moderne Sakralräume spiegeln nicht nur die vielfältigen, mitunter divergierenden Tendenzen im Kirchenbau der Nachkriegsjahre, der Konzilszeit und der Gegenwart. Sie sind auch ein Einsatzfeld großer Architekten der Moderne. Nahezu alle haben in deutschen Kirchen ihre Spuren hinterlassen und unser Land dadurch nicht nur zu einem Spiegel der Kirchenbaukunst, sondern auch zu einem Motor der internationalen Architekturgeschichte werden lassen.

Projektleiter Poschmann vom Deutschen Liturgischen Institut und seinem Mitarbeiter Manuel Uder geht es vor allem darum, Kirchen als Orte der Spiritualität und Liturgie zu zeigen. Sie ermöglichen die Entdeckung innerer Freiräume jenseits der Haltung des Getriebenseins, in die der Alltag viele gedrängt hat. Anselm Grün beschreibt dies auf der Homepage treffend: „Die Kirchen zeigen, dass es mitten im pulsierenden Leben einer Stadt etwas gibt, das dem Zugriff der Menschen entzogen ist. Das befreit uns von dem Terror der Termine und Erwartungen. So erinnert uns die Kirche an den heiligen Raum in uns, zu dem die Menschen keinen Zutritt haben, in dem wir frei sind von der Macht der Menschen.“

Die auf der „Straße der Moderne“ präsentierten Kirchen haben vor ihrer Auswahl alle ein intensives Prüfungsverfahren durchlaufen. Das DLI konsultierte hierzu nicht nur zahllose Veröffentlichungen, sondern befragte auch Experten kirchlicher Bauämter, der Kunstreferate oder Denkmalbehörden. Für die Sichtung der vorgeschlagenen Gebäude wurde ein wissenschaftlicher Beirat hinzugezogen, dessen Mitglieder über die nötige architektonische, kunsthistorische, theologische und liturgiewissenschaftliche Kompetenz verfügen. Zu jeder als Zielort für die „Straße der Moderne“ vorgeschlagenen Kirche wurde eine umfangreiche Präsentation mit Informationen zur Entstehung, Ausstattung und Interaktion mit der Umgebung erarbeitet. Dabei ging es Projektleiter Poschmann um das gesamte Spektrum der architektonischen, liturgischen und emotionalen Qualitäten des jeweiligen Raumes. Untersucht wurden dessen innovative Qualität im Hinblick auf Material, Konstruktion und Lichtführung zur Entstehungszeit, die Tradition, in der er steht, das aufgenommene Raumkonzept und die lokalhistorische Bedeutung. Auch die Prägung in städtebaulicher Hinsicht und die Identifikationsmöglichkeiten für die Gemeinde waren wichtige Aspekte. Wesentlich dabei ist natürlich die kommunikative Qualität der Kirche als Feierraum und das theologisch-liturgische Raumkonzept sowie die Frage, inwieweit der Raum für die Verkündigung, gemeinschaftliches und individuelles Gebet, Gesang, Musik, Zeichen und Gebärden geeignet ist.

Als Online-Ausstellung will die „Straße der Moderne“ mit ihren Meisterwerken des Kirchenbaus im 20. und 21. Jahrhundert auch eine Lobby für moderne Kirchen sein. Deshalb wird durch die Auswahl der Kirchen das gesamte Spektrum der kunst- und liturgiehistorischen Entwicklungen der vergangenen 100 Jahre erfahrbar gemacht werden. Während der Vorbereitungsphase des Projektes bildeten sich in vielen Gemeinden Netzwerke, in denen interessierte Laien sich intensiv mit der Entstehungsgeschichte ihrer Kirche, deren Bauformen und Ausstattung auseinandersetzten und damit die Zielvorstellung der Initiatoren, die Sensibilisierung für pastorale, denkmalpflegerische und ästhetische Informationen umsetzten. An der konkreten Realisierung haben eine Reihe qualifizierter Textautoren und Fotografen mitgearbeitet, zu denen mit den neu auf die Homepage gestellten Kirchen sukzessive neue hinzukommen. Das Deutsche Liturgische Institut versteht sein Engagement für die „Straße der Moderne“ als Teil seines Auftrags, das gottesdienstliche Leben sowie die Feiergestalt und Ästhetik der Liturgie wissenschaftlich und praktisch zu fördern. In diesem Rahmen koordinierte das DLI bereits die Erstellung der bischöflichen „Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen“, die Arbeitshilfe „Liturgie und Bild“, die unter dem Motto „Kirche und Design veranstalteten internationalen Gestaltungswettbewerbe oder die vielbeachteten Ausstellungen zu liturgischen Geräten, Gefäßen und gottesdienstlichen Gewändern.

„Offene Kirchen bieten Raum: Raum für die Stille inmitten der Hektik des Alltags, Raum für das Betrachten von Architektur und Kunst, insbesondere aber Raum für die Freude und Hoffnung, die Bedrängnis und Trauer, die Menschen mitbringen, wenn sie der Einladung einer offenen Kirche folgen. Die Anliegen und Gebete, die Menschen im Raum einer Kirche vor Gott hintragen [...], erwecken das architektonische Zeugnis eines Glaubens der Vergangenheit zu einem lebendigen Ort der Begegnung mit Gott.“ (Karl Kardinal Lehmann) Offenkundig wird diese Chance immer noch von vielen Menschen genutzt Ein Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach bestätigt dies eindrucksvoll. Wer eine Kirche betritt, kommt zur Ruhe, findet zu sich selbst, öffnet sich für die Begegnung mit Gott. Auch wenn die Sakralräume des 20. und 21. Jahrhunderts sich bislang noch nicht in nennenswerter Zahl unter den Lieblingskirchengebäuden der Deutschen befinden, lohnt sich deren Besichtigung auf jeden Fall. Die Homepage www.straßedermoderne.de bietet zahlreiche Möglichkeiten, moderne Kirchen zu entdecken. Eine in sechs Regionen gegliederte Übersichtskarte macht auf jeweils 30 bis 40 ausgewählte Kirchen aufmerksam, die möglicherweise am Reiseweg liegen. Eine Suche nach Orten, Architekten oder dem Tag der Kirchweihe erleichtert das Auffinden bestimmter Räume. Adressen und Öffnungszeiten sind ebenso zugänglich wie eine Umkreissuche, die das rasche Auffinden nahegelegener Reiseziele auf einer virtuellen Karte erleichtert. Seit die „Straße der Moderne“ online ist, wird jede Woche ein weiterer sehenswerter moderner Kirchenbau vorgestellt.