Die Sprache des Evangeliums sprechen

Der Weltjugendtag 2016 in Krakau findet in einer spannungsreichen Zeit statt – Doch es gibt Zeichen der Hoffnung. Von Stefan Meetschen

World Youth Day 2016 in Krakow
Während des Eröffnungsgottesdienstes auf der Blonia-Wiese griff Kardinal Stanislaw Dziwisz auch den Anschlag in einer Kirche in Nordfrankreich auf, indem er in ruhiger Weise zum Gebet für die Opfer von Terroranschlägen ermahnte. Foto: dpa
World Youth Day 2016 in Krakow
Während des Eröffnungsgottesdienstes auf der Blonia-Wiese griff Kardinal Stanislaw Dziwisz auch den Anschlag in einer Ki... Foto: dpa

Ob sie ängstlich sei? Die US-Amerikanerin Betty aus dem Bundesstaat Texas, die zusammen mit einer Ordensfrau und einer Freundin den Weltjugendtag in Krakau besucht, schüttelt den Kopf. „Nein, der Priester in meiner Pfarrei hat uns gesagt, dass Polen ein sehr homogenes Land sei – hier drohe keine Gefahr. Anders als in Westeuropa.“ Sie sei glücklich, hier zu sein. Besonders der geplante Ausflug nach Auschwitz liege ihr am Herzen.

Die Stimme einer Weltjugendtagsteilnehmerin, die deutlich macht, in welchem politischen und religiösen Spannungsfeld der 31. Weltjugendtag, der am Dienstagabend mit einer Eröffnungsmesse begonnen hat, und am Sonntag mit einer Abschlussmesse enden soll, stattfindet. Denn obwohl Polen – anders als Deutschland und Frankreich – nicht Objekt mehrerer islamistischer Terroranschläge geworden ist, allein die starke Präsenz von Soldaten, Polizisten und Sicherheitsleuten im Stadtinneren und auf den Blonia-Wiesen zeigt, wie ernst man auch in der Heimat von Johannes Paul II. den Schutz der WJT-Teilnehmer aus der ganzen Welt nimmt. Dazu kreisen regelmäßig Militärhubschrauber dicht über der Stadt, deren Rotorblättergeräusche sich mit dem fröhlichen Gesang und Gebet der jungen Gläubigen aus aller Welt vermischen.

Eine ambivalente Atmosphäre, welche Claire Le Parc, Journalistin des französischen Radiosenders RCF, gegenüber dieser Zeitung so ausdrückt: „Ich will nicht in die Falle der Angst treten, doch es ist schwierig.“

Die Nachricht vom Mordanschlag auf einen Priester in der Normandie verbreitete sich mithilfe der sozialen Kommunikationsmittel schnell unter den Teilnehmern. Die leichte, sommerliche Unbeschwertheit, die bis dahin zwischen Wawel und Jagiellonen-Universität zu spüren war, schien verflogen. Auch meteorologisch. Ein heftiges Gewitter entlud sich über der bis dahin so sonnig-heiteren Atmosphäre. Kardinal Stanislaw Dziwisz, Metropolit von Krakau und damit Gastgeber des Weltjugendtags, griff den Anschlag während der Eröffnungsmesse auf, indem er in ruhiger Weise zum Gebet für die Opfer von Terrorschlägen ermahnte und die Teilnehmer bat, die „Sprache des Evangeliums“ zu sprechen, die „Sprache der Liebe“.

Dies dürfte den jungen Leuten nicht schwerfallen. Denn egal, wie das Wetter ist: Bei Regen, Gewitter oder Sonnenschein, mit Freude und Lockerheit, aber auch mit Andacht nehmen sie an den geistlichen Angeboten in Krakaus Kirchen teil. So kann man die bunt gekleideten, vernünftig wirkenden jungen Menschen beim Besuch der Reliquien des WJT-Patrons Pier Giorgio Frassati in der Dominikanerkirche erleben, bei Impulsen von mitgereisten Priestern und Bischöfen. Im Grüngürtel (Planty) und auf den Straßen der Stadt schwenken die jungen Pilger stolz ihre jeweiligen Nationalflaggen und singen und beten und lachen und loben Jesus. Ein fröhliches Miteinander der Nationen, fernab von wirklichkeitsfremden Ideologien.

Derweil diskutiert man in den polnischen Medien, wie Papst Franziskus, der gestern in Krakau eingetroffen ist und heute im berühmten Marienwallfahrtsort Tschenstochau den 1 050. Jahrestag der Taufe Polens feiert, wohl damit zurechtkommt, dass er eigentlich nicht im Mittelpunkt des Weltjugendtages stehe, weil die Gegenwart von Papst Johannes Paul II. in „der Stadt Karol Wojtylas“ (Kardinal Dziwisz) immer noch beträchtlich sei. Tatsächlich: In den religiösen Buchläden, in Souvenirläden und Kirchen sticht das Konterfei Johannes Pauls II. ins Auge.

Ausgesprochen kritisch geht die renommierte Kirchenjournalistin Ewa K. Czaczkowska in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Wprost“ mit dem argentinischen Papst um. Anhand von zehn Punkten zeigt die Autorin, die auch an der Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität in Warschau unterrichtet, wie sehr Wojtyla und Bergoglio voneinander abweichen. Wojtyla sei ein Mann der Klarheit gewesen, Bergoglio der Verunsicherung; Wojtyla ein Mann der Schlichtheit, Bergoglio nicht wirklich. Der entscheidende Punkt aber: Wojtyla sei es um die Perspektive der Göttlichen Barmherzigkeit gegangen, während Bergoglio lediglich die Barmherzigkeit des Menschen im Blick habe. Weshalb das an der Bergpredigt angelehnte Motto des Weltjugendtages „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“ eigentlich zu kurz greife. Die göttliche Dimension könne dabei vernachlässigt werden.

Ein Abstecher zum „Berufungszentrum“ am Jozef-Pilsudski-Stadion zeigt, dass zumindest die vielen geistlichen Orden und Gemeinschaften, die sich dort präsentieren, keine Probleme haben, die beiden Barmherzigkeits-Perspektiven miteinander zu verbinden. Von St. Egidio bis zu der von Maximilian Kolbe gegründeten „Militia Immaculatae“ reicht das breite Spektrum.

Dazu ist „Kirche in Not“ mit einem großen Stand vertreten. Mark von Riedemann, Kommunikationschef des weltweiten päpstlichen Hilfswerkes, betont gegenüber der „Tagespost“, wie wichtig es sei, mit den Christen, die unter Krieg und Verfolgung zu leiden hätten, solidarisch zu sein. „Wir möchten Botschafter der leidenden Kirche sein und ein Bewusstsein schaffen für diese Kirche, die auch Papst Franziskus sehr am Herzen liegt.“ Deshalb hat sich das Hilfswerk eine Aktion ausgedacht mit dem Titel „Let's be one“ (Lasst uns eins sein), bei der WJT-Teilnehmer an Christen, die nicht nach Krakau kommen konnten, einen Brief schreiben. Doch „Kirche in Not“ hat auch vielen Christen aus Krisengebieten, wie etwa dem Irak und Syrien, die Teilnahme an dem Glaubensfest in Krakau ermöglicht. Ausdrücklich lobt von Riedemann die Offenheit der polnischen Bischöfe, die in Zusammenarbeit mit dem „Kirche in Not“-Büro in Polen international Beiträge zur Hilfe leisten möchten, wo Hilfe nötig sei, so wie man früher von Deutschland aus den polnischen Katholiken geholfen habe.

Europa und seine Länder im Wandel der Zeit? Gut möglich, dass von diesem Weltjugendtag in Polen ausgerechnet deshalb ein starker Impuls ausgehen wird, weil er in dieser Spannungszeit stattfindet und die postmodernen Europäer zur richtigen Zeit daran erinnert, was ihre Identität ausmacht: der christliche Glaube. Das Opfer des französischen Priesters erinnert jedenfalls in mancher Hinsicht an den gewaltvollen Tod des seligen Priesters Jerzy Popieluszko vor über 30 Jahren. Damals wurde das katholische Polen von der kommunistischen Terror-Ideologie geknechtet. Die „Sprache des Evangeliums“ und der Liebe war stärker.