Die Sonntagslesung: Worauf warten wir Christen?

Zu den Lesungen des 1. Adventssonntags 2017 (Lesejahr B). Von Martin Grichting

Jesaja 63, 16b–17.19b 1 Korinther 1, 3–9 Markus 13, 24–37

Advent, die Zeit, die wir nun beginnen, bedeutet übersetzt: Ankunft, Ankommen. In der Adventszeit warten wir also auf eine Ankunft, auf die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Damit ist eine zweifache Ankunft gemeint. Die Lesungen und das Evangelium des heutigen ersten Adventssonntags weisen uns auf diese beiden Bedeutungen des Advents hin. Advent ist einerseits Vorbereitung auf die Feier des ersten Kommens Christi. Advent ist die Vorbereitungszeit auf Weihnachten, auf die Geburt des Kindes in der Krippe. Im Gegensatz zu uns ist das für den Propheten Jesaja noch ein Ereignis in der Zukunft. Und so ruft er: „Reiß doch den Himmel auf, und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir“ (Jesaja 63, 19b).

Advent hat aber noch eine zweite Bedeutung: Advent bedeutet auch das Kommen Jesu Christi am Ende der Zeit. Davon haben wir in der zweiten Lesung aus dem Korintherbrief gehört. Christen, so sagt Paulus, warten auf dieser Welt auf das Offenbarwerden Jesu Christi (1 Korinther 1, 7). Im Evangelium wird dann dieses zweite Kommen des Herrn mit drastischen Worten geschildert: „In jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen“ (Markus 13, 25–26).

Zwischen dem ersten Kommen Jesu Christi aus der Jungfrau Maria und dem zweiten Kommen Christi am Ende der Zeit befinden wir uns nun. Auf das erste Kommen Christi können wir nicht mehr im eigentlichen Sinn warten. Denn es ist ja schon geschehen. Wir warten – besonders natürlich die Kinder – nur noch auf das Fest, an dem wir der ersten Ankunft Christi gedenken – Weihnachten.

Und wie steht es mit der zweiten Ankunft Christi? Kann man heute noch sagen, dass die Menschen auf diese zweite Ankunft warten? Rufen sie noch, wie es am Ende der Bibel heißt, voller Sehnsucht: „Komm, Herr Jesus!“ (Offenbarung 22, 20)? Trotz der kräftigen Bilder, welche die Evangelien und auch die Offenbarung des Johannes verwenden, kann man sich letztlich nicht vorstellen, wie dieses zweite Kommen des Herrn sein wird. Dieses Ende kommt irgendwann, in grauer Zukunft, die niemand kennt. Und so leben die Menschen zwischen einer Vergangenheit, die 2 000 Jahre zurückliegt, einerseits. Sie ist im Grunde auch dunkel und uns wenig bekannt. Und sie leben zwischen einer Zukunft andererseits, die in den Sternen steht.

Viele Menschen haben sich zwischen diesen beiden Ankünften Christi, die beide im Dunkel zu liegen scheinen, irgendwie eingerichtet auf der Welt. Große Perspektiven sind nicht zu erkennen. Ab und zu in der Geschichte hat man von großen zukünftigen Weltreichen geträumt, die Glück und Wohlstand verheißen haben. Aber all diese Träume sind wieder vergangen. Manchmal sind solche Zukunftshoffnungen in blutigen Kriegen zugrunde gegangen. Es gab auch eine Zeit, in der man sich große Hoffnungen auf die Technik gemacht hat. Als die Eisenbahn zu fahren begann, Strom und künstliches Licht erfunden wurden, da gab es eine bisweilen euphorische Hoffnung auf Fortschritt, auf eine schöne Zukunft. Man hat gedacht: Der Mensch nimmt nun die Zukunft kraft seiner Vernunft an die Hand. Man vertröstet sich nicht mehr mit der Religion, sondern baut mit Technik und Vernunft selbst das Paradies auf Erden. So konnte man es kaum erwarten, immer Neues zu erfinden. Und dieser Drang besteht immer noch, heute etwa in der Medizin und der Gentechnologie. Aber die Euphorie ist weitherum verschwunden. Denn der Mensch hat inzwischen gelernt, dass er bei der Forschung an kein Ende kommt. Und er versteht immer besser, dass sie niemals unsere eigentlichen Probleme lösen kann, die da sind: Suche nach Liebe und Angenommensein, Sterblichkeit und Sinnfrage. Technik und Medizin, so nützlich sie sind, geben darauf keine befriedigenden Antworten. Und zudem haben sie viele moderne Katastrophen erst möglich gemacht. Und so erwartet der ernüchterte Mensch auch hier nicht mehr viel Weltbewegendes.

So leben wir Christen heute in einer Gesellschaft, die eigentlich nicht mehr viel erwartet. Unsere westlichen Gesellschaften haben, was die großen Hoffnungen angeht, die das Leben prägen sollen, resigniert. Von Gott erwarten viele Menschen schon lange nichts mehr, und von sich selber im Grunde auch nicht. Es bleibt ein Leben, das es zu leben gilt, das aber auch keine Perspektiven über die Endlichkeit hinaus mehr bietet. Und so hat sich eine im Grunde pessimistische Weltsicht breitgemacht. Man orientiert sich am Naheliegenden. Man versucht, die verloren gegangene Zukunft zu kompensieren durch Konsum und Ablenkung. Das Leben ist ja kurz. Also muss man sehen, dass man es möglichst angenehm über die Runden bringt.

Da dies die Lebensphilosophie nicht weniger ist, nimmt der Egoismus überhand. Politiker und die Hirten der Kirche beklagen dann zwar die mangelnde Solidarität unter den Menschen, die solches Verhalten auslöst. Aber Appelle an die Solidarität verhallen fast ungehört. Punktuell, bei Katastrophen etwa, ist man bereit, zu helfen. Aber mehr ist meist nicht drin. Denn wenn wir nichts mehr erwarten als ein angenehmes, einigermaßen kurzweiliges Leben, wenn wir keine größeren Perspektiven mehr haben, dann gibt es immer weniger Einsatz. Er lohnt sich nicht. Es richtet sich ein jeder ein in seiner Vorläufigkeit und Vergänglichkeit. Und das schwächt dann zuletzt die Gemeinschaft. Sie kann daran zugrunde gehen. Es gibt für solche Entwicklungen Beispiele aus der Geschichte. Eine Gesellschaft kann zugrunde gehen am kollektiven Egoismus ihrer Mitglieder. Die immer geringere Zahl der Kinder ist ein Indikator dafür. Aber eben: Letztlich scheitert eine Gesellschaft an der Ziel- und Perspektivlosigkeit des Menschen.

Dies ist eine Anfrage auch an uns Christen. Wir sind hoffentlich nicht einfach Kinder dieser Zeit. Dennoch leben wir in dieser Welt und Zeit. Und da stellt sich am Beginn des Advents auch an uns die Frage: Was erwarte ich eigentlich? Bin ich auch von der heute weit verbreiteten Mentalität infiziert, mich mit dem Vorläufigen abzufinden, mir das Leben so gut wie möglich einzurichten, nach dem Motto: Wer weiß, was nachher kommt? Was ist meine Motivation, wenn ich mich in den vielen Aufgaben und Anforderungen meines Alltags abmühe? Lebe ich letztlich aus der christlichen Hoffnung auf das zweite Kommen des Herrn, auf seinen zweiten Advent?

Die christliche Hoffnung, die darin begründet ist, dass wir zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Christi leben, dass wir nicht verloren sind in einer an sich sinnlosen Welt, diese Hoffnung ist keine Flucht vor den Problemen des irdischen Daseins, wie das manchmal dargestellt wird. Im Gegenteil: Wenn wir aus der Perspektive unseres christlichen Glaubens leben, dann wissen wir erst, wozu wir auf der Welt sind, dann gibt uns das Kraft, uns hier und heute einzusetzen, nicht nur für das eigene Wohlbefinden, sondern auch für die Familie, das Gemeinwesen und das Reich Gottes. Verstehen wir also die neuerliche Feier des Advents als Ermutigung, uns wieder zu fragen, worauf hin wir mit unserem Leben unterwegs sind. Es ist heilsam für uns und für alle, für die wir Verantwortung tragen.