Die Sonntagslesung: Was der Wille Gottes ist

Zu den Lesungen des 22. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A). Von Harm Klueting

Jer 20,7–9; Röm 12,1–2; Mt 16,21–27

Dem ersten Teil unseres Auszugs aus dem Matthäusevangelium hat man in der Einheitsübersetzung die Überschrift „Die erste Ankündigung von Leiden und Auferstehung“ vorangestellt, dem zweiten „Von Nachfolge und Selbstverleugnung“, wobei dem zweiten bei Matthäus noch ein Satz angehört, der nicht Teil des Sonntagsevangeliums ist: „Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen“ (Mt 16,28). Diese Perikope, wie man liturgische Lesetexte aus der Bibel traditionell nennt, steht ähnlich und mit dem abschließenden Amen-Satz auch bei Markus (Mk 8,31–9,1) und bei Lukas (Lk 9,22–27). Doch ist hier bei Markus und bei Lukas nicht vom Kommen des Menschensohns die Rede, sondern vom Kommen des Reiches Gottes (Mk 9,1; Lk 9,27). Wichtiger ist, dass der Interventionsversuch des Petrus, mit dem er auf Jesu Ankündigung seiner Hinrichtung und Auferstehung reagiert – „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen“ – und die zornige Entgegnung Jesu darauf – „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen“ – von Lukas nicht überliefert wird, sondern nur von Matthäus und Markus (Mk 32–33).

In unserem Evangelientext lassen sich sieben Sinnabschnitte unterscheiden. Zuerst kündigt Jesus an, er müsse nach Jerusalem gehen, werde dort durch die Ältesten, den Hohenpriester und die Schriftgelehrten viel zu leiden haben und getötet werden, aber am dritten Tag auferstehen. Die Einheitsübersetzung gebraucht „Ankündigung“ nur in der von den Übersetzern hinzugefügten Überschrift und schreibt „erklären“: „… begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären …“. Im griechischen Text steht hier bei Matthäus „deiknyein“, was „zeigen“ oder „klarmachen“ bedeutet und ein Offenbarmachen des Willens Gottes meint. Hier ist Martin Luther Recht zu geben, der ,zeigen‘ übersetzte. Dieser erste Sinnabschnitt ist die erste Leidensankündigung vor der zweiten (Mt 17,22–23) und der dritten (Mt 20,17–19). Adressaten sind die Jünger. Es folgt die Intervention des Petrus und deren schroffe Zurückweisung durch Jesus. Was Petrus sagt, klingt menschlich, ist aber eine Versuchung Jesu – wie die Versuchung Jesu durch den Teufel nach den vierzig Tagen und Nächten des Fastens vor seinem öffentlichen Auftreten (Mt 4,1–11). Darauf weist das Zorneswort Jesu „Weg mit dir, Satan“ hin. Im griechischen Text des Matthäusevangeliums steht: „hypage hopiso mou, satana“, wörtlich „geh weg hinter mich, Satan“, und in der Versuchungsgeschichte (Mt 4,10): „hypage, satana“, wörtlich „geh weg, Satan“. Im dritten Sinnabschnitt erläutert Jesus den Satansvorwurf – „denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ – und öffnet damit eine heilsgeschichtliche Perspektive: Leiden, Kreuzigung und Auferstehung sind Gottes Wille. Mit dem vierten Sinnabschnitt beginnt der zweite Teil. Matthäus verbindet diesen vierten Sinnabschnitt durch ein „darauf“, griechisch „tote“, mit dem Vorangegangenen, während die Geschichte bei Markus und bei Lukas ohne eine solche Verbindung bleibt. Außerdem sind die folgenden Worte, die bei Matthäus ebenfalls nur die Jünger als Adressaten haben, bei Markus an „die Volksmenge und seine Jünger“ (Mk 8,34) und bei Lukas an „alle“ (Lk 9,23) gerichtet. Dieser vierte Sinnabschnitt ist der Aufruf zur Nachfolge und Selbstverleugnung: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“, was hier Nachfolge im wörtlichen Sinne meint: bereit sein, den Weg Jesu zu gehen, wenn nötig bis in den Tod. Daran schließt sich als fünfter Sinnabschnitt das den vierten erläuternde Wort „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ an. Als sechster Sinnabschnitt folgt die Schlussfolgerung: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ Dann kommt als siebter Sinnabschnitt die Ankündigung der Parusie – von griechisch „parousia“, „erneute Ankunft“ oder „Rückkehr“ – des Menschensohns, der „in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten wird, wie es seine Taten verdienen“, also die Parusie des Gottessohnes zum Gericht. Statt Sinnabschnitte kann man ab dem „darauf“ und somit statt des vierten bis siebten Sinnabschnitts auch vier Sprüche unterscheiden: den Spruch von Selbstverleugnung und Nachfolge, den Spruch von Verlust und Rettung des Lebens, den Spruch von Weltgewinn und Lebensverlust – eigentlich Seelenverlust, denn im griechischen Text steht „psyche“, „Seele“ –, was hier Verlust seiner selbst bedeutet, am Ende dann den vierten Spruch mit der Ankündigung der Parusie. Die beiden ersten Sprüche finden sich auch in der Aussendungsrede Jesu (Mt 10,38–39), mit der er die zwölf Jünger aussendet und ihnen Vollmacht gibt und Verhaltensmaßregeln erteilt.

Was soll man nun als besonders wichtig nehmen? Die Ankündigung des Leidens und der Auferstehung? Den Ruf in die Nachfolge, den Jesus im Matthäusevangelium auch an anderen Stellen (Mt 4,19; 8,22, 9,9; 19,21) und ebenso in den anderen Evangelien ausspricht, und damit Nachfolge Christi oder „imitatio Christi“ als ein zentraler Punkt des christlichen Glaubens? Den Spruch von Weltgewinn und Lebens- oder Seelenverlust, der in der evangelischen Kirche ein beliebter Predigttext bei der Eröffnung von Synodensitzungen und bei ähnlichen Anlässen ist? Die Parusieankündigung, die sich neben den erwähnten Parallelstellen unseres Evangelientextes bei Markus und Lukas auch andernorts in den Evangelien findet (Mt, 24; Mk 13,26; 14,62; Lk 21,27)?

Vielleicht ist das wichtigste die Petrus- intervention und der Widerspruch Jesu mit seiner heilsgeschichtlichen Perspektive. Die Petrusintervention und Jesu Reaktion darauf stehen nicht nur in Verbindung mit der Versuchungsgeschichte, sondern auch mit dem Messiasbekenntnis des Petrus und seiner Einsetzung als Fels der Kirche und in das Schlüsselamt unmittelbar vor unserem Evangelientext: „Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes. Jesus sagte zu ihm: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“ (Mt 16,16–19). Während das Messiasbekenntnis des Petrus auch bei Markus (Mk 8,29) und Lukas (Lk 9,20) vorkommt, wird die Einsetzung des Petrus als Fels der Kirche und in das Schlüsselamt nur bei Matthäus berichtet. Damit hängt zusammen, dass die Intervention des Petrus und der Satansvorwurf Jesu an ihn bei Lukas keine Erwähnung finden. In der Beziehung von Messiasbekenntnis und Petrusintervention, Schlüsselamt und Satanswort wird bei Matthäus die Doppelstellung des Petrus deutlich, erster der Jünger und schlichter Mensch zugleich zu sein, der schlichte Mensch, der den Herrn dreimal verleugnete (Mt 26,70.72.74), und dann, als der Hahn krähte, „bitterlich weinte“ (Mt 26,75) – und das alles unter dem Wort, dass geschehen muss, „was Gott will“, nicht „was die Menschen wollen“. Das ist das Wort aus der Nacht seiner dritten Versuchung nach der Versuchung durch den Teufel und der Versuchung durch Petrus, der Nacht in Getsemani: Es „geschehe dein Wille“ (Mt 26,42) – das feierliche „fiat voluntas tua“ des Vaterunser-Gebets (Mt 6,10).

Eine ähnliche Doppelstellung wie bei Petrus begegnet uns beim Propheten Jeremia. Unmittelbar vor unserem kurzen Lesungstext (Jer 20,1–6) erleben wir Jeremia mutig und standhaft und voll von Vertrauen auf den Herrn, in unserem Lesungstext aber erfüllt von Jammer und Klage. Von Klage gegen Gott: Auf der einen Seite der Prophet Gottes, hier aber, auf der anderen Seite, der schlichte Mensch – wie Petrus. Man nennt diesen kurzen Text auch die „Klage über den Prophetenberuf“. Jeremia ist von seinem Prophetenberuf und von Gott enttäuscht: „Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören.“ Die beinahe schon gotteslästerliche Härte dieser Anklage wird in den deutschen Bibelübersetzungen nicht richtig deutlich. Wörtlich könnte man übersetzen: „ich ließ mich töricht machen“. Das ist die Klage des zum vorehelichen Geschlechtsverkehr verführten Mädchens, das von dem Mann in seiner Schande allein gelassen wird: „Zum Gespött bin ich geworden, ein jeder verhöhnt mich.“ Der Glaube an Gott hat dem Propheten nur den Spott der Gottlosen eingebracht – eine reale Erfahrung auch heute. Von dem Glauben an Gott sieht er sich enttäuscht – eine Erfahrung, dass man am Glauben scheitern kann, die auch in unseren Tagen mancher macht: „Das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn.“ Aber dennoch kann und will er von Gott nicht loskommen: „Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer.“ Das ist nahe bei dem bitterlichen Weinen des Petrus nach der dreimaligen Verleugnung des Herrn.

Ganz anders die Verbindung unseres Sonntagsevangeliums zu der Lesung aus dem Römerbrief! Die Verbindung ist das „Fiat voluntas tua“. Paulus ruft die Gemeinde in Rom dazu auf, zu prüfen und zu erkennen, „was der Wille Gottes ist“.