Die Sonntagslesung: Über die Dynamik der Gnade

Zu den Lesungen des 18. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C). Von Manfred Hauke

Koh 1, 2; 2, 21–23; Kol 3, 1–5.9–11; Lk 12, 13–21

In diesen Tagen verbringen viele Menschen ihre Ferien. Mit der Erholung sind auch Sorgen verbunden: Wird die Reise gut verlaufen? Was geschieht, wenn wir Opfer eines Unfalls werden? Könnten wir uns in unserem exotischen Urlaubsziel mit einer gefährlichen Krankheit anstecken? Wie reagieren wir, wenn uns unversehens ein islamistischer Attentäter bedroht? Unser Leben ist stets gefährdet. Wir wissen nie mit hundertprozentiger Sicherheit, ob wir den Tag lebend beenden werden. Diese Gefährdung wird ganz wirklichkeitsgetreu wahrgenommen in der ersten Sonntagslesung aus dem Buch Kohelet: „Windhauch, Windhauch“, sagte Kohelet, „Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“ Die Weisheitsschrift aus dem Alten Testament schildert als Illustration des „Windhauchs“ das Leben eines Menschen, der sich durch gewaltige Mühen einen ansehnlichen Besitz angeeignet hat, aber nach seinem Tod all sein Vermögen jemandem hinterlassen muss, „der sich dafür nicht angestrengt hat“.

Im Evangelium erzählt Jesus ein ähnliches Beispiel: Ein reicher Mann hat eine so gute Ernte erhalten, dass er die alten Scheunen abreißen und neue bauen will; er freut sich auf einen großen Vorrat, der ihm für viele Jahre ein Leben im Wohlstand garantiert. Doch unversehens stirbt der Reiche. „Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? (so fragt ihn Gott) So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.“

Die Botschaft vom „Windhauch“ und die Erwartung des Todes zu einem ungewissen Zeitpunkt sind Wirklichkeiten, die allen ihrer selbst bewussten erwachsenen Menschen gegenwärtig sind, auch den Ungläubigen. Eine Frage stellt sich freilich angesichts der Bemerkung Jesu, dass es darauf ankommt „vor Gott reich“ zu sein. Was heißt das?

Wir finden eine ganz ähnliche Stelle in der Bergpredigt (Matthäus 6, 20–21), aber auch etwas später im Evangelium nach Lukas: „Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen! Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreißen. Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“ (Lukas 12, 33–34). „Vor Gott reich“ zu sein bedeutet, einen „Schatz im Himmel“ zu besitzen. Die guten Werke der Liebe, durch die wir andere beschenken, vermehren gleichsam das himmlische Bankkonto, wenn dieser Vergleich erlaubt sei.

Natürlich geht es hier nicht um materielle Bankguthaben, sondern um eine geistliche Wirklichkeit, die als Gnade Gottes schon während des irdischen Lebens verborgen in unserer Seele anwesend ist. Diese Folgerung ergibt sich, wenn wir das vom Apostel Paulus im Kolosserbrief Gesagte näher bedenken (in der zweiten Sonntagslesung). Paulus beschreibt darin das neue Leben, das uns durch die Taufe geschenkt wurde. Die Taufe tilgt die Sünde und schafft eine neue Gleichförmigkeit mit Christus, der von den Toten auferstanden ist. Auf der einen Seite gibt es eine negative Wirkung: „Denn ihr seid gestorben …“ (Kol 3, 3). Ausführlicher spricht der Völkerapostel von diesem „Tod“ in seinem Brief an die Römer: „Wir wurden mit ihm (Christus) begraben durch die Taufe auf den Tod … Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde und wir nicht Sklaven der Sünde bleiben. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde“ (Röm 6, 4.6–7). In der Taufe werden die Erbsünde und die persönlichen Sünden getilgt.

Diese Tilgung geschieht mit der Eingießung des neuen Lebens Christi, des Auferstandenen. Im Kolosserbrief schreibt Paulus dazu: „Ihr seid mit Christus auferweckt: darum strebt nach dem, was im Himmel ist … unser Leben ist mit Christus verborgen in Gott ... ihr ... seid zu einem neuen Menschen geworden, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird ...“ (Kolosser 3, 1.3.10). Der „neue Mensch“, den wir gleichsam wie ein neues Kleid „angezogen“ haben (Galater 3, 27), meint nicht nur eine punktuelle Unterstützung Gottes, der uns seine Gnade sendet, sondern ein neues Sein, vergleichbar mit einem strahlenden Gewand, das uns die Lebenskraft des auferstandenen Christus verleiht. Von der Sache her geht es um das, was der Katechismus die „heilig machende Gnade“ nennt. Die den auferstandenen Leib verklärende Gnade, die sich bei der Auferstehung der Toten nach der Wiederkunft Christi sichtbar kundtun wird, ist keimhaft, gleichsam als „Embryo“, schon in der gnadenhaften Gemeinschaft mit Christus zugegen, die von der Taufe ausgeht. In diesem Sinne sind wir bereits jetzt „mit Christus auferweckt“. Die Freude der Seele dehnt sich aus auf den Leib, der uns in der neuen Schöpfung in Gemeinschaft mit allen Heiligen geschenkt wird am Ende dieser Weltzeit.

Die Gnade der Taufe ist verbunden mit einer Erneuerung unseres Geschaffen-seins nach dem Ebenbild Gottes, von dem das erste Kapitel der Heiligen Schrift im Buche Genesis spricht (Gen 1, 26–28). Das hier verwandte griechische Zeitwort meint ein „wieder neu Machen“. Das bedeutet: Es gab schon eine übernatürliche Gnadengemeinschaft mit Gott am Beginn der Menschheitsgeschichte, im Paradies. „Ebenbild Gottes“ meint darum in der Theologie der Kirchenväter, die über den gesamten biblischen Befund dazu nachdenken, nicht nur den geschaffenen Wesensstand des Menschen, zumal die geistige Seele, sondern auch die Gottesfreundschaft, die durch den Sündenfall verloren ging und durch Christus wiederhergestellt wird. Dies geschieht im Blick auf Christus, den der Ihn preisende Hymnus des Kolosserbriefes „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ nennt (Kolosser 1, 15). Bei diesem Ausdruck – „Ebenbild“, „Ikone“ (eikon) – schwingt der Gedanke an die göttliche Herrlichkeit mit, die sich wie helles Licht in einem Spiegel abbildet. So heißt es schon im Buch der Weisheit: „Sie (die Weisheit) ist der Widerschein des ewigen Lichts, der ungetrübte Spiegel von Gottes Kraft, das Bild seiner Vollkommenheit“ (Weisheit 7, 26). Der Sohn Gottes selbst ist das ewige und vollkommene göttliche Ebenbild des ewigen Vaters. Als geistige Geschöpfe dürfen wir teilhaben im natürlichen Wesensstand und in der Gnade, an Christus als Bild des Vaters. Wir sind gleichsam Bild vom Bild. Durch die Werke der Liebe lassen wir etwas aufstrahlen von der Herrlichkeit des göttlichen Ebenbildes. Je „strahlender“ wir werden, desto „reicher“ sind wir vor Gott im Schatz der heilig machenden Gnade, die sich dereinst in der himmlischen Glorie vollenden soll.

Von Christus wird uns die Freundschaft mit Gott aufs Neue geschenkt, die durch den Sündenfall verlorengegangen ist. Die Taufe begründet ein neues Sein in Christus, das uns gleichzeitig mit allen Brüdern und Schwestern in Christus verbindet: „Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen“ (Kol 3, 11).

Das Leben der heilig machenden Gnade erneuert uns freilich auf eine verborgene Weise, wie unsere Stelle aus dem Kolosserbrief hervorhebt: „euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott“ (Kolosser 3, 3). Es bleibt aber nicht für immer verborgen, sondern wird dann öffentlich bekannt, wenn Christus wiederkommen wird am Ende der Zeiten: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit“ (Kolosser 3, 4). Schon jetzt zeigt sich dieses neue Leben in den Taten des „neuen Menschen“, die wir in der Nachfolge Christi vollbringen (vgl. Kolosser 3,10).

Das in der Taufe empfangene neue Leben ist keine statische, sondern eine dynamische Wirklichkeit: Das Gnadenleben kann wachsen, aber auch abnehmen und sogar verloren gehen. Das gilt nicht für das unverlierbare Geprägtsein von Christus, für das „unauslöschliche Siegel“, wohl aber für das auf die Gleichförmigkeit mit Christus hingeordnete Leben der Gnade. Paulus mahnt darum, diesen unermesslichen Reichtum, den verborgenen „Schatz im Himmel“, vor seiner Zerstörung zu bewahren, die durch die schwere Sünde erfolgen würde: „Darum tötet, was irdisch an euch ist: die Unzucht, die Schamlosigkeit, die Leidenschaft, die bösen Begierden und die Habsucht, die ein Götzendienst ist“ (Kol 3, 5). Wir wollen uns darum die Bitte des Tagesgebetes zu eigen machen: „Gott, unser Vater … Erneuere deine Gnade in uns, damit wir dir gefallen, und erhalte, was du erneuert hast.“