Die Sonntagslesung: Die Schrift erzieht nicht zum Versager

Zu den Lesungen des 33. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C). Von Klaus Berger

Mal 3, 19–20b; 2 Thess 3, 7–12; LK 21, 5–19

„Wenn einer nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen“: Dieser Satz aus der Lesung (2 Thess 3, 10) könnte unsozialen Arbeitgebern, läsen sie in der Bibel, willkommene Munition sein gegen Streikende und gegen nur geringfügig Erkrankte. Auch den Satz „Die wollen ja gar nicht arbeiten“ hat man schon öfter in den „sozialen Netzwerken“ vernommen. Doch unsoziale Arbeitgeber lesen wohl nicht in der Bibel, und so kommt es, dass dieser Satz trotz seines manchmal gefährlich missverständlichen Inhalts seit fast zweitausend Jahren ein stilles Dasein am Rande der Paulusbriefe fristet. Paulus selbst hatte den Satz gegen Menschen gerichtet, die aus vorgeblich religiösen Gründen die Arbeit verweigerten und dadurch anderen Menschen zur Last fielen.

Die ältere Forschung meinte, es habe sich um Menschen gehandelt, die wegen des sehr nahen Weltendes aufhörten, Äcker zu bestellen, Familien zu gründen und die Kinder zur Schule zu schicken, da es sich „nicht mehr lohne“, noch etwas Sinnvolles anzufangen. Dagegen: „Wenn ich wüsste“, sagt angeblich Luther (in Wahrheit aus rabbinischen Quellen und zuerst schriftlich 1944 belegt), „dass morgen das Weltende käme, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“ – was bekanntlich Arbeit macht.

Die neuere Bibelauslegung versteht den Satz „Wenn einer nicht arbeiten will…“ im Sinne des von den Gemeinden zu stellenden Lebensunterhalts für die Missionare und Religionslehrer. Dafür kann man sich gut auf andere Paulustexte berufen: Man soll, sagt Paulus in 1 Korinther 9, 9, dem dreschenden Ochsen das Maul nicht zubinden. Das heißt: Wer arbeitet (und Seelsorge ist Arbeit), muss auch ernährt werden. Da Seelsorge auf Erden stattfindet, kann auch der Seelsorger nicht von Luft und Liebe allein leben, sondern ist im Rahmen üblicher Arbeit am Leben zu erhalten.

Auch Seelsorger haben Lohn für ihre Arbeit verdient

Paulus ist übrigens der erste, der Seelsorge als Arbeit bezeichnet, die ihren Lohn wert ist. Das war insbesondere in der sokratischen Schule anders. Sokrates nahm kein Schulgeld von seinen „Studenten“, sondern verdiente sein Brot und insbesondere seinen Wein als Steinmetz. Und Paulus tut es ihm nach: Er stellt Tuche her, und abends und nachts lehrt er. Aber Paulus kann diesen Lebensstil nicht allen seelsorgerlichen Kollegen und Kolleginnen zumuten. Es zeigt nur, wie realistisch und zugleich human Paulus denkt. Er will die Seelsorger nicht überfordern, sie sollen normal entlohnt werden. Nur wer nicht arbeiten wollte, also den ganzen Tag über nur herumsäße und vor sich hin philosophierte, der leistete auch keine seelsorgerliche „Knochenarbeit“. Paulus denkt daher – anders als manche Ausleger von 2 Thess 3 – hier ausgesprochen sozial und kollegial.

Die praktischen Konsequenzen aus dem, was Paulus sagt: Seelsorge ist ein Beruf, der anstrengend und zu entlohnen ist. Die Zeiten des Sokrates sind insoweit vorbei: Seelsorge ist nämlich kein Geschwätz, sondern kostet Zeit, Nerven und viel Geduld. Auch wenn Paulus selbst nebenher Geld verdient und insofern am sokratischen Vorbild festhält, so mutet er doch nicht seinen Lebensstil allen Seelsorgern zu. Überdies gilt von jeder Arbeit, dass man davon leben können muss. Vor allem: Paulus wendet sich nicht gegen Arbeitslose, die sich bekanntlich allzu oft nach Arbeit sehnen. Er meint nur, dass jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist. Das gilt in der Folge auch für alle Pädagogen und andere Lehrberufe. Dass Paulus hier so realistisch denkt, kann und muss manchen frommen Paulus-Ausleger ins Schwitzen bringen. Denn ein Christ ist eben nicht derjenige, der alles unentgeltlich tut. Und das gilt auch für die verantwortlichen Leiter der Seelsorge und der kirchennahen Publizistik.

Aus diesen Spuren kann man durchaus das Grundgerüst einer auf Paulus fundierten christlichen Berufs- und Arbeitsethik rekonstruieren: Bei Arbeit und Lohn geht es nicht um grundlose Gnade im Geben und Nehmen. Arbeitsethik ist insoweit kein Teil der Gnadenlehre, auch wenn das manche im Lutherjahr gerne hätten. Das Prinzip der präzisen Unterscheidung („distinguo“) hat die Theologie erst in der Scholastik lernen müssen. „Alles ist Gnade“ – das gilt zwischen Gott und Mensch und für das Ganze. Aber in diesem Ganzen gibt es Felder und Bereiche schlicht kreatürlicher „Gerechtigkeit“. Zu dieser werden wir durch Gnade und Sakramente, speziell durch den Heiligen Geist ermuntert und motiviert, im Zweifelsfalle auch dabei getröstet. Aber „Alles ist Gnade“ ist kein Totschlagsprinzip. Christlicher Glaube enthebt nicht der sozialen Verantwortung. Auch wenn man das allzu lange und allzu oft hat denken wollen. Seit Thomas von Aquin und seit Leo XIII. (Rerum novarum), in Wahrheit aber schon seit Paulus ist anderes christlich.

Im Bereich mitmenschlicher politischer und sozialer Gerechtigkeit gilt die Forderung des heiligen Thomas, mit Leidenschaft gerecht zu sein. Paulus schon sagt: Selbst auf dem Feld der Entlohnung von Seelsorgern ist Christentum keine Theokratie (nur nach streng innertheologisch geleiteten Prinzipien aufgebaut), sondern ein Bereich der Mitmenschlichkeit.

In der Anwendung geht es vielmehr um die theologisch lange verpönten Größen wie Lohn, Verdienst, Arbeitsniederlegung (Streik), Arbeitsunwilligkeit (Faulheit), Arbeitsunfähigkeit mit ihren Konsequenzen. Das Schicksal des Wörtchens „Lohn“ in der Theologie spricht schon Bände. Da Jesus ganz unbefangen von Lohn spricht, für dessen Bedingungen der Mensch zuständig ist, hat man lange versucht, diese Stellen (auch in der Bergpredigt) durch eine falsch verstandene Gnadenlehre zu umschiffen.

Gott ist gnädig, doch es geht um seinen Willen

Erst der katholische Neutestamentler Wilhelm Pesch hat die Kollegen gezwungen, unbefangen vom Lohn in der Verkündigung Jesu zu reden (Der Lohngedanke in der Lehre Jesu [1955]). Denn es gilt eben nicht nur der laue Frühlingswind der Rede von der Gnade, sondern es geht um den verbindlichen Gotteswillen. Und da gelten auch keine Haarspaltereien über die Fähigkeit zur Arbeit, sondern wie sonst auch im Leben das verantwortete Zupacken und mühsamer Gehorsam.

Aus Lukas 16 und verwandten Stellen („will ich dich über vieles setzen“) kann man gar lernen, dass Jesus auch ein Karrieredenken – Ehre und Lohn, wem das gebührt – keineswegs ablehnt. Kurzum: Anders als Friedrich Nietzsche seinen bibelunkundigen Lesern weismachen wollte, erzieht das Evangelium nicht zum notorischen Versagertum der Schlappschwänze und lehrt auch nicht, systematisch zu kurz zu kommen im Stil des „Bitte nach ihnen“.

Ist 2 Thessalonicher 3 aber nicht ein Argument gegen die „Grundrente für alle“? Denn diese Institution könnte dazu verführen, dank der gesicherten Versorgung auf Arbeit überhaupt zu verzichten. Und gehört nicht seit Genesis 3 die Arbeit zum Status des Menschen nach dem Sündenfall? Sowohl Genesis 3 wie Paulus kennen die Neigung des Menschen zur Faulheit. Das heißt: Arbeit muss nicht Spaß machen, und der Denkstil der Bibel kann zwischen Lust und bitterer Notwendigkeit unterscheiden. Nur aus reiner Lust werden seit Adam und Eva Menschen kaum dauerhaft in einem „Arbeitsleben“ arbeiten.

Zu Gunsten der Neigung zu Faulheit kann man sich jedenfalls nicht auf Gott berufen, er hat sich nicht in den himmlischen Sabbat zurückgezogen, sondern nach rabbinischer Lehre ist er sehr aktiv: Er schafft jeden Tag vier Stunden lang Nahrung für alles Lebendige, zweimal vier Stunden lang richtet er die Welt, wo Entscheidungen nötig sind, indem er vier Stunden lang die Bösen bestraft und vier Stunden lang die Guten belohnt. Nur in den letzten vier Stunden ist Gottes Freizeit anzunehmen, denn dann spielt er mit dem Leviathan. Denn nur Gott kann mit ihm, dem Inbegriff des Bösen, spielen, da nur Gott gegenüber ihm souverän ist. Dem Menschen bleibt hier nur der Kampf. Selbst dann also, wenn Gott „frei“ hat (oder: hätte), muss der Mensch sich anstrengen.