Die Sonntagslesung: Der Glaube an die Auferstehung

Zu den Lesungen vom 32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A). Von Klaus Berger

Weisheit 6,12–16 1 Thessalonicher 4,13–18 Matthäus 25,1–13

Durch drei Missverständnisse könnten wir mit allen unseren Zweifeln an diesem Text scheitern: Der Text ist kein Traktat über die Unsterblichkeit der Seele, von der viele sprechen, „als gäbe es Gott nicht“. Der Text spricht vielmehr, wenn es denn um unsere Zukunft geht, von Gott. Wie wäre es denn, wenn alles vergangen wäre, was vergeht, und es gäbe nur noch Gott und uns? Und das zweite Missverständnis: Der Text spricht nicht von irgendeinem höchst schwierigen Dogma der Auferstehung, als gäbe es Jesus nicht. Deshalb geht es nicht um irgendeine Auferstehung, bei der man dann neugierige Fragen stellen müsste wie: was wird aus meiner Kurzsichtigkeit? Vielmehr wird Gott uns „durch Jesus führen“. Was das heißt und wie Paulus auf diese Idee kommt, das ist hier zu klären, alles andere ist Beiwerk. Wie aber kann er das so genau wissen, was niemand wissen kann? Paulus geht schlicht davon aus, dass Gott sein Handeln an Jesus bei uns wiederholen wird. Das wird er tun, weil wir mit Jesus zusammen seine Kinder sind. Weil wir durch die Taufe Spießgesellen Jesu geworden sind. Laut Lexikon ist Spießgeselle ein Komplize und zugleich ein Handlanger, der der Hauptperson hilft. Wir kennen alle ältere Darstellungen, in denen eine ganze Bande an einem einzigen Spieß „klebt“ und mit dem Hauptmann an der Spitze auf ein gemeinsames Ziel zustößt. Das dritte Missverständnis entsteht, wenn wir denken, dass die Hoffnung, von der Paulus spricht, so etwas wie ein Gefühl sei, also ein zartes Rauchfähnchen, das entsteht, wenn die papierenen Illusionen verbrennen. Da muss ich als Bibelkundiger widersprechen: Hoffnung ist kein Gefühlchen, kein Placebo wie eine stark wässrige Medizin, die man auch sein lassen könnte. Sondern Hoffnung ist ein Anker, der, wie Anker auch sonst, nur dann der Rede wert ist, wenn er sich in solidem, aber auch aufnahmefähigem Erdreich festmacht.

Ist das gemeinsame Ziel nun wie die Windmühlenflügel von Don Quichotte? Oder ist es wie der Grund und Boden, auf dem man einen Anker festmachen kann? Und ein Anker hat Widerhaken, er liegt nicht einfach auf der Fläche. Aber woher können wir so sicher sein? Da wir gerade bei Schiffen und Ankern sind: Fast jeden Tag diskutiere ich mit irgendwelchen Leuten, die sagen, sie könnten nicht glauben. Ich zitiere dann öfter den Satz, den ich neulich in der ZEIT las. Eine Frau aus Südamerika sagte: „Glauben ist gar nicht schwierig, man muss nur beten.“ Und es gilt auch der Satz: auf einem sinkenden Schiff gibt es keine Atheisten. Denn die Wahrheit ist doch schlicht: Unser Schiff sinkt, jeden Tag unmerklich ein paar Zentimeter tiefer. Ist Beten sinnlos? Antwort: Es gibt doch keine Alternative. In der Karwoche gibt es in unserer Liturgie den schönen Satz: Ave crux, spes unica. („Hallo Kreuz, du unsere einzige Hoffnung“). In meinem Leben gab es schon öfter nur diese einzige Hoffnung und früher oder später wird es wieder einmal und dann endgültig so sein. Warum nicht jetzt und an jedem Tag? Man lebt so einfach besser.

Paulus hält an seine Gemeinde eine Trostrede, „damit ihr nicht so traurig sein müsst wie die anderen Menschen, die keine Hoffnung haben“. Die anderen, das sind die Heiden und Neuheiden, und sie haben keine Hoffnung, weil ihre Götter nach der jüdisch-christlichen Überzeugung des Apostels Paulus tot sind; so sagt es der Apostel schon in 1,9: „zu dienen dem lebendigen und wahren Gott“. Und dieser Gott hat sich erst kürzlich als lebendig erwiesen, nämlich in der Auferweckung Jesu. Denn Tote lebendig machen, das kann nur ein Gott, der selbst lebt. Warum galten die heidnischen Götter als tot? Weil sie sich in toten Statuen verehren ließen. Aber der Gott Israels hat kein Bild oder Abbild, also ist er lebendig. Und er teilt dieses Leben mit. Schon in 1,10 wird die Hoffnung, die die Gemeinde haben darf, damit begründet, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Ihn darf die Gemeinde erwarten, denn er rettet aus dem kommenden Zorngericht. Und genauso beantwortet Paulus auch die Sorgen der Gemeinde. Die Hoffnung der Christen ist daher eine begründete. Denn für Paulus ist die Auferstehung Jesu eine im wahrsten Sinne des Wortes „umwerfende“ Erfahrung. Und er kann dafür 530 Zeugen benennen, die zum großen Teil noch leben (1 Kor 15). Weil diese Begegnung mit dem Auferstandenen die zentrale Berufung zum Christen und zum Apostel ist, steht sie für Paulus ganz außer Frage. Uns geht es da anders. Denn genau das, was für Paulus der sicherste Grund des Glaubens ist, machen wir zum Problem, oder wir versuchen, die Auferstehung Jesu zu ermäßigen zu einem Bewusstseinswandel bei den Jüngern. Aber ich kann doch nichts glauben, was nicht stattgefunden hat! Und aus Saulus wäre ohne Auferstehung Jesu kein Paulus geworden.

Jedenfalls lag alles an der adventlichen Sehnsucht der Gemeinde, der Herr möchte doch bitte ganz bald wiederkommen. Aber er kommt nicht, und er ist auch bis jetzt nicht gekommen. Da beginnen schon damals die Christen unruhig zu werden. Und in der neueren Theologie hat diese Nicht-Erfüllung der Hoffnung auf baldiges Wiederkommen Jesu zu ganz merkwürdigen Verkrustungen geführt. Die einen Theologen sagen, Jesus habe sich schlicht geirrt, und das Christentum sei mit der Kreuzigung deshalb endgültig zu Ende gewesen. Albert Schweitzer hat diesen Standpunkt vertreten. Andere Theologen sagen, die sogenannte Parusieverzögerung, also dass die Wiederkunft Jesu länger und länger ausblieb, habe die Sakramente als Ersatz für die unerfüllte Hoffnung geschaffen, dazu die Kirche inklusive all ihrer Verweltlichung. Alle diese Theologen gehen davon aus, dass die Erwartung des Zeitpunkts in naher Zukunft das Wichtigste am Christentum war. Das kann ich nicht finden, denn Gottes Nähe wird uns so vielfältig zugesagt, persönlich und physisch, in den Wundern, zeitlich, aber auch räumlich, denn Jesus sitzt mit den Sündern zusammen und ist zu Gast bei Zachäus. Daher ist die zeitliche Nähe in baldiger Zukunft gar nicht das erste Problem gewesen. Gemeinden, die viel leiden mussten, sehnten sich ohnehin nach der Wende, wann immer sie kommen würde. Und in dieser Hinsicht sind sich Juden und Christen nicht nur im ersten Jahrhundert nach Christus ähnlich.

Ich selbst muss gestehen, dass „Sündenvergebung“ und „Auferstehung“ für mich die wichtigsten Gründe sind, an den neutestamentlichen dreieinigen Gott zu glauben. Es sind Bilder für das Erhoffte, das noch niemand gesehen hat. Aber es sind nicht Bilder für irgendetwas, sondern zumindest die Personen (die Christen, der Herr) sind als Personen dieses Dramas nicht symbolisch, sondern sehr real. Und die Auferstehung bedeutet allemal konkret das Ende des Todes. Der Tod ist keine Illusion, sondern ebenfalls etwas sehr Reales. Das wissen wir aus tausendfacher Erfahrung. Für Paulus sind das Leben und der Schöpfer des Lebens viel stärker als der Tod. Davon lebt er jeden Tag. Und es ist dieses kein Dahinleben, sondern fest verankert in der Schönheit der Schöpfung und in der Erfahrung der siegreichen Macht des Glaubens. Man muss nur beten, um an Gott glauben zu können, und man müsste nur trösten, heilen und lieben, um zu wissen, dass dieser Anker festen Halt hat in einer Wirklichkeit, die alle Lüste und Tyrannen überleben konnte.