Die Sonntagslesung: Das neue Gebot der Liebe leben

Zu den Lesungen des fünften Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C). Von Martin Grichting

Apg 14, 21b–27; Offb 21, 1–5a; Joh 13, 31–33a.34–35

Es gibt ein Wort, das in der heutigen zweiten Lesung und im heutigen Evangelium oft vorkommt: das Wort „neu“. Der Seher Johannes, der Verfasser der Offenbarung des Johannes, sagt: „Ich, Johannes, sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. (...). Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem“ (Offb 21, 1.2). Und am Schluss dieser Lesung sagt Gott: „Seht, ich mache alles neu“ (Offb 21,5a). Unser Herr Jesus sagt im Evangelium: „Ein neues Gebot gebe ich euch“ (Joh 13, 34). Es passt gut, dass wir diese beiden Stücke aus der Heiligen Schrift gerade in der Osterzeit hören. Denn gerade durch Ostern ist alles neu geworden. Ostern ist das Ereignis in der Weltgeschichte, das alles neu gemacht hat.

Worin genau besteht nun das Neue? Jesus sagt es uns im Evangelium: „Ein neues Gebot gebe ich Euch: Liebt einander. Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13, 34). Neu ist also die Liebe. Aber gab es dieses Gebot nicht schon vor Jesus? Nein, so nicht. Denn die Juden sollten zwar den Nächsten auch lieben wie sich selbst, aber das bezog sich nur auf den Stammesgenossen, auf den, der dem gleichen Clan angehört (vgl. Lev 19, 18). Nur der Stammesgenosse, der Blutsverwandte, galt als Bruder oder Schwester. Den musste man lieben. Jesus geht nun eben weiter: Wie Jesus uns liebt, so sollen wir den Nächsten lieben, auch den Nächsten, der uns nicht liebt, nicht grüßt, ja gar verfolgt. Und das heißt: Den Nächsten lieben um seiner selbst willen, nicht erst weil er mit mir verwandt ist, oder weil ich ihn mag, oder weil ich von ihm profitiere, weil er mir nützlich ist.

Neu ist also der Inhalt dieses Gebots der Nächstenliebe. Aber neu ist auch die Möglichkeit, dieses Gebot zu erfüllen. Denn der Nächste ist nicht einfach nur ein Mensch wie wir. Dadurch dass Jesus Christus Mensch geworden ist wie wir, alle geliebt hat, ist jeder Mensch einer, der von ihm genauso geliebt worden ist wie wir. Jesus hat alle Menschen erlösen wollen. Er hat sein Leben für alle Menschen hingeben wollen. Und so ist in jedem Bruder und in jeder Schwester etwas, das auch wir lieben sollen: Dadurch, dass wir Kinder Gottes sind, gibt es in jedem von uns etwas Liebenswürdiges, eben dass wir Kinder Gottes sind, auch dann, wenn ein Kind Gottes schmutzig oder frech oder ungezogen sein sollte. Wir müssen unseren Nächsten lieben, weil Gott ihn zuerst geliebt hat. Und das gilt eben unabhängig davon, ob jemand reich ist oder nicht, angesehen oder nicht, schön oder nicht, intelligent oder nicht, gesund oder nicht und Ähnliches. Auch wenn man das Zweite Vatikanische Konzil falsch verstehen kann an dieser Stelle, muss man doch immer wieder bedenken, dass es in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ (22) gesagt hat: „Der Sohn Gottes hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt“. Das heißt nicht, dass man nicht mehr alle Menschen zur Taufe führen soll. Aber es heißt eben, dass durch die Menschwerdung Jesu jeder Mensch schon geadelt ist. Denn Gott hat unsere Menschennatur angenommen. Deshalb ist jeder Mensch als Abbild Gottes, als Bruder und Schwester des Herrn zu achten und zu lieben.

Theoretisch verstehen wir das gut. Und wir können – jede und jeder für sich – Gewissenserforschung halten, wie wir es mit der unterschiedslosen Liebe für den Nächsten halten. Das heißt nicht, dass wir alle Menschen sympathisch finden müssen. Das hat man nicht im Griff. Aber allen offen und ehrlich begegnen, das muss man schon. Wir alle – wir wissen es – haben manchmal Mühe damit. Und so ist das neue Gebot, das uns Jesus gegeben hat, für uns keine bloße Theorie, die uns nichts sagt. Alle Menschen haben Schwierigkeiten mit diesem Gebot. Vielleicht denken wir: Das ist nicht so tragisch. Aber wenn alle als Einzelne Schwierigkeiten haben, dann haben auch die Gesellschaft und der Staat Probleme damit. Und das sehen wir immer deutlicher. Denn es ist nicht zu leugnen, dass der Einfluss des christlichen Glaubens bei den Einzelnen und damit in Staat und Gesellschaft schwindet. Aber eben: das hat Folgen. Es hat zur Folge, dass wir gesellschaftlich wieder hinter das neue Gebot Jesu zurückfallen in alte Zeiten. Das heißt, dass wir dann wieder nur noch die lieben, die uns nützlich sind, von denen wir etwas haben, unsere Verwandten, Kunden, etcetera.

In unserer Gesellschaft lässt sich das gut beobachten. Die Wertschätzung eines Menschen in der heutigen Zeit richtet sich zwar nicht mehr so sehr wie damals danach, ob er ein Stammesangehöriger ist oder nicht. Aber die Wertschätzung richtet sich heute immer mehr danach, ob einer reich ist, Einfluss hat, schön, sportlich, elegant, modisch, jung und gesund ist. Das hat zur Folge, dass diejenigen, die da nicht dazu gehören, marginalisiert werden. Vorerst sind es einmal die Behinderten, die Kranken, und die Ungeborenen. Und so geht man daran, scheibchenweise ihr Recht auf Leben zu beschneiden. Man untersucht ein Kind vor der Geburt auf Behinderungen und wenn man etwas Heikles findet, wird es getötet. Man propagiert den Selbstmord bei Krankheit. Und es gibt Institutionen, die dann tatkräftig „helfen“. Man treibt ab, wenn es gerade nicht in die Lebensplanung passt. Hier ist das neue Gebot am Verschwinden. Man sieht nicht mehr, dass sich Gott mit jedem Menschen, auch wenn er noch nicht geboren oder behindert oder alt und krank ist, durch die Menschwerdung Jesu Christi verbunden hat. Man übersieht, dass jeder Mensch ein Abbild Gottes ist, von Christus geliebt und damit voraussetzungslos liebenswert. Sondern man sieht nur noch auf seine Nützlichkeit oder auf seinen fehlenden Nutzen. So geht man auch auf der gesellschaftlichen Ebene hinter das neue Gebot Christi zurück.

Wir sehen heute immer deutlicher, dass die ethischen Normen ohne den Glauben, von dem sie abhängen, nicht bestehen können. Wenn Jesus Christus nur ein Mensch mit ein paar lobenswerten ethischen Idealen war, dann hat sich Gott nicht mit jedem Menschen verbunden. Dann hat Gott ihn auch nicht erlöst und ihm folglich auch keine ewige Zukunft verheißen. Dann aber verliert der Mensch seinen unbedingten Wert, den er um seiner selbst willen besitzt. Und dann darf man ihn unter Umständen auch töten. Mit dem Verschwinden des Glaubens verschwinden auch die ethischen Grundlagen. Wenn man im Herbst den Apfelbaum umhaut, kann man noch ein Weilchen von den eingelagerten Früchten leben. Aber danach hat man Hunger. So geht es uns jetzt auch. So wenig es Äpfel ohne Apfelbäume gibt, so wenig gibt es unantastbare ethische Normen ohne den Glauben an Gott, der sich mit jedem Menschen verbindet und ihn durch die Auferstehung Christi in sein ewiges Reich ruft. Denn das neue Gebot der Liebe kann nur gelebt werden, wenn die Neuheit von Ostern, die Auferstehung Christi, geglaubt wird.

Unsere Aufgabe als Christen ist es, das neue Gebot Jesu zu leben, als Hinweis und als Vorgeschmack auf den neuen Himmel und die neue Erde, von der die Offenbarung des Johannes spricht. Diese „Wohnung Gottes unter den Menschen“ (Offb 21, 3) können wir nicht selbst schaffen. Sie kommt am Ende von Gott her. Aber wir können das „Neue“, das Gott schafft, vorbereiten durch unser Zeugnis. Jedes Mal, wenn wir das neue Gebot der Liebe leben, verkünden wir den neuen Himmel und die neue Erde.