Die Kirche nicht neu erfinden

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer stellt klar: Altkirchlicher Frauen-Diakonat war nicht sakramental, und bischöfliche Verantwortung ist nicht an Synoden zu delegieren. Von Stephan Baier

Bischof Rudolf Voderholzer ermutigte die Laien dazu, sich in der Welt zu engagieren
Bischof Rudolf Voderholzer ermutigte die Laien dazu, sich in der Welt zu engagieren. Foto: E. Fürst

Zur Diskussion um den Diakonat erklärte der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, am Freitag, es habe für Frauen „ein nicht-sakramentales Amt in der frühen Kirche gegeben“, vor allem für die Krankenpflege und die Seelsorge an Frauen. Dies entspreche der heutigen Seelsorgshelferin oder Krankenschwester. Zu diesem Ergebnis dürfte auch die von Papst Franziskus eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Diakonats-Frage gekommen sein, meinte Bischof Voderholzer in einem Vortrag an der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“.

Jede Gemeinde- und Pastoralreferentin, jede Leiterin einer diözesanen Behörde und jede Äbtissin habe heute unvergleichlich größere Gestaltungsmöglichkeiten als die altkirchlichen Diakonissen. Diese hätten jedenfalls keinen apostolischen Dienst ausgeübt, und es habe sich nicht um ein Weiheamt gehandelt. Voderholzer bezeichnete die Forderungen nach Weiheämtern für Frauen mit Blick auf die Geschichte als „nicht ganz ehrlich“. Dass das kirchliche Lehramt die Frage des Diakonats noch nicht so eindeutig beantwortet habe wie jene des Priestertums, liege darin begründet, „dass die Lehre vom dreistufigen Weiheamt noch nicht überall ganz erfasst worden ist“.

Zu Debatten um einen „synodalen Weg“ meinte Voderholzer, die persönliche Inpflichtnahme des Bischofs könne nicht durch synodale Strukturen relativiert werden. „Die Kirche ist zunächst apostolisch und erst in einem abgeleiteten Sinn synodal.“ Er unterstütze gerne synodale Prozesse, in denen sich alle ihrer je eigenen Berufung vergewissern. Solche Prozesse fänden ihre Grenze aber in der verbindlichen Lehre der Kirche zum sakramentalen Weihepriestertum. Der Bischof trage eine persönliche Verantwortung, die durch keine Synode und kein Gremium zu ersetzen sei. „Ein synodaler Prozess, der meint, vor allem die Kirche neu erfinden zu sollen, beschreitet einen Weg der Zerstörung. Er spaltet die Christen, er zerstückelt die Kirche, er beschädigt letztlich auch unsere Gesellschaft. Er führt uns in die Enge hausgemachter Selbstbeschäftigung, keineswegs aber in die Weite, die der Herr uns eröffnet hat.“ Der Bischof von Regensburg regte an, den Begriff „Laie“ durch „Weltchrist“ zu ersetzen. Ihm gehe es dabei um „eine positive Bestimmung der absoluten Mehrheit der Kirchenglieder“. Durch den allgemeinen Sprachgebrauch sei der „Laie“ als Nicht-Fachmann definiert. Der Begriff sei nicht biblisch und in romanischen Ländern durch die sprachliche Nähe zu „laizistisch“ missverständlich. Vor allem aber sei der Begriff völlig ungeeignet, zu beschreiben, wozu der Christ durch Taufe und Firmung befähigt ist: zu einer Berufung in der Welt, die aber nicht von der Welt stammt. Ohne jede weitere Sendung oder Beauftragung sei der getaufte und gefirmte Christ berufen, an der Heiligung der Welt mitzuwirken.

Das Zweite Vatikanische Konzil wollte laut Bischof Voderholzer „auf keinen Fall einer Klerikalisierung des Laien oder der Laikalisierung der Kleriker Vorschub leisten“. Laien seien nicht die schlechteren Kleriker, sondern hätten eine eigene Berufung. Wenn Laienverbände Forderungen zur Sakramentenlehre der Kirche erheben oder Bischöfe Ratschläge zum Wahlverhalten geben, müssten sie sich sagen lassen: „So hat es das Konzil nicht gemeint.“

Das Zweite Vatikanum habe sich aus „der gegenreformatorischen Frontstellung“ befreit, indem es die Lehre vom allgemeinen Priestertum darlegte. Der Unterschied zwischen dem Kleriker und dem Laien sei aber nicht graduell, sondern wesentlich, so Voderholzer: „Der Priester wurde mit der Weihe nicht zu etwas Höherem oder Besserem, sondern zu etwas Anderem.“

Das besondere Priestertum stehe im Dienst des allgemeinen Priestertums. 90 Mal spreche das Konzil vom Laien, davon 88 Mal mit Bezug auf seinen Weltcharakter, sagte Voderholzer. „Das Konzil hat nicht die Perspektive, dass sich alle im Altarraum auf die Füße treten.“ Für den Laienchristen eröffne sich heute eine Fülle von Herausforderungen, die nicht in die Kompetenz des Klerikers fallen. Als Beispiele nannte der Bischof das Einstehen für den Glauben am Arbeitsplatz, das Vater- und Muttersein als Hirtenamt, eine zeitgenössische Apologetik und die Rolle von Lehrern und Naturwissenschaftlern. Auch Politiker und Publizisten könnten ihren Beruf als Berufung von Christus her verstehen und verwirklichen. Zur Wiedergewinnung der Glaubwürdigkeit der Kirche braucht es nach Auffassung von Bischof Voderholzer gelebte Heiligkeit. Wahre Erneuerung wurzele immer in tieferem Gehorsam und radikalerer Christusnachfolge. Als Beispiele heiligmäßiger Laien nannte der Bischof den Journalisten Fritz Gerlich, den Bauern Franz Jägerstätter, die Politikerin Hildegard Burjan und Kaiser Karl. „Die Kirche muss sich nicht neu erfinden, die Glieder der Kirche müssen sich aber erneuern“, so Bischof Voderholzer.

Der Bamberger Weihbischof Herwig Gössl stellte die „Laienspiritualität als Normalfall christlichen Lebens“ vor. Er warnte vor der „Gefahr der Wohlfühl-Religiosität“: Gerade im Bereich der Spiritualität sei die Tendenz zum Synkretismus heute weit verbreitet. Zwar sei der Weg des Menschen zu Gott vielgestaltig, doch gebe es Prinzipien christlicher Spiritualität. Gössl plädierte für eine Kirchlichkeit der Spiritualität, um „nicht die Individualisierung voranzutreiben bis zur Unkenntlichkeit im Glauben“. Eine „Spiritualität auf der Basis des Glaubensbekenntnisses“, der gemeinsame Bezug auf die geoffenbarten und durch die Tradition bezeugten Inhalte bewahre vor synkretistischer Verwässerung. Auch dürften biblische Aussagen nicht aus Anpassung an den weltanschaulichen Mainstream geglättet oder „wegübersetzt“ werden. Die Hinordnung auf die gemeinsame Feier der Eucharistie sei unbedingt zu erhalten und zu fördern – auch bei unattraktiven Gottesdienstzeiten und längeren Anfahrtswegen. Gössl warnte vor einem Sonntagschristentum und betonte den missionarischen Auftrag der Laien. „Die Apostolizität der Kirche ist ohne die Weltsendung der Laien überhaupt nicht denkbar.“

Der Dogmatiker Christoph Binninger stellte bei der Tagung in Heiligenkreuz unter dem Leitwort „Die Stunde des Laien“ theologische Vordenker im 19. Jahrhundert vor, aber auch Initiativen wie den ersten Katholikentag 1848 und die Gründung von Laienverbänden wie den Pius-Vereinen zur Verteidigung der Freiheit der Kirche gegen den Staat. Der aus dem Protestantismus übernommene Begriff des Laienapostolats sei ursprünglich als Weltdienst des Christen verstanden worden, nicht als „Einmischung in die Leitung der Kirche“.

Die Laienfrage bei John Henry Newman beleuchtete der Fundamentaltheologe Wolfgang Klausnitzer. Newman habe gegen „autodidaktische Christen“ polemisiert und betont, dass Theologie als Wissenschaft gelernt werden müsse. Gebildete Laien sah er als besonders geeignet für die Apologetik. Newman habe gezeigt, dass Volksfrömmigkeit, Theologie und Hierarchie sich gegenseitig brauchen und korrigieren, weshalb sie aufeinander angewiesen seien.

Die Sicht Hans Urs von Balthasars, der – neben Priesterstand und Ordensstand – den Laienstand in der Ehe vom „Laienstand nach den evangelischen Räten in der Welt“ unterschied, beleuchtete Missio-Nationaldirektor Pater Karl Wallner, der die Leitung der Hochschule Heiligenkreuz heuer abgab, hier jedoch als Dogmatik-Professor präsent bleibt. Die nach den evangelischen Räten lebenden Laien habe Balthasar als „gottgeweihten Weltstand“ und als „stille Anwesenheit des Evangeliums“ gesehen. Balthasar habe seine eigene Sendung weniger in der akademischen Theologie als in der geistlichen Begleitung christlicher Laien gesehen.