Die Hoffnung liegt auf den Jungen

Für die Freiheit der nächsten Generation: Chaldäische Christen haben den Irak verlassen und leben in Deutschland. Von Andreas Otto

Für tausende Iraker begann ein neuer Lebensabschnitt in Deutschland. Foto: SymbolKNA
Für tausende Iraker begann ein neuer Lebensabschnitt in Deutschland. Foto: SymbolKNA

Essen (DT/KNA) Nazhat Masood hatte mal eine eigene Dreherei, ein Haus und drei Autos. Heute hat der 57-Jährige keinen Job und lebt mit Frau und drei Kindern in einer Sozialwohnung. Wie viele seiner Landsleute gab Nazhat Masood seinen Wohlstand auf, „weil Freiheit wichtiger ist“. Er gehört zu jenen überwiegend christlichen Irakern, die vor zwei Jahren wegen religiöser Verfolgung in ihrer Heimat von Deutschland im Rahmen einer EU-Vereinbarung aufgenommen wurden. Kaum eine andere Flüchtlingsgruppe wurde mit einer derartigen „Willkommenskultur“ in der Bundesrepublik empfangen wie die 2 500 Iraker. Dennoch ringen auch sie nach wie vor um ihren dauerhaften Platz in der deutschen Gesellschaft.

Nazhat Masood, einer der 545 nach Nordrhein-Westfalen gekommenen Flüchtlinge, hat es nach Essen verschlagen. Dort gibt es für ihn als Christ eine besonders gut organisierte Hilfe: die chaldäisch-katholische Gemeinde. Sie hat vom Bistum Essen die Sankt Albertus Magnus Kirche im Norden der Stadt unweit der Zeche Zollverein überlassen bekommen – samt Gruppenräumen und Pfarrerwohnung. Hier erleben die Masoods Gottesdienste mit aramäischen Texten, der Sprache Jesu. Hier kommen mehr als 250 irakische Familien zu Festen zusammen, um bei arabischen Speisen ein wenig ihre Kultur zu erleben. Hier helfen sich die Iraker untereinander, wenn es um Behördengänge oder Wohnungssuche geht.

Trotz der wenigen Monate in Deutschland engagiert sich Nazhat Masood inzwischen selbst im Kirchenvorstand der Gemeinde, zu der gut 30 Flüchtlingsfamilien Kontakt gefunden haben. „Nur noch eine Familie lebt im Lager“, berichtet er, alle anderen hätten wie er eine Wohnung gefunden. Ein erster Schritt der Integration, der weitere nötige möglich macht. Gemeinsam mit seiner Frau besucht Nazhat Masood derzeit einen Sprachkurs, um über die ersten Deutschkenntnisse hinauszukommen. Die meisten Flüchtlinge bekommen staatliche Leistungen. „Ein paar von uns arbeiten als Küchenhilfe im Restaurant“, weiß Nazhat Masood. Ob er mit seinen 57 Jahren seinen Traum wahr machen und in Deutschland eines Tages wieder in eigener Werkstatt arbeiten kann? Immerhin haben es zwei andere, schon länger in Deutschland lebende Kirchenvorstandsmitglieder geschafft; sie betreiben einen Getränkemarkt und eine Trinkhalle. Vor allem aber ist Nazhat Masood die Zukunft seiner Kinder wichtig. Voller Stolz berichtet er von seinen beiden Söhnen: „Sie wollen studieren und machen gerade in Köln einen Sprachkurs.“

Die Hoffnung der irakischen Familien liegt auf der jungen Generation. Wegen der Kinder hat aber auch Nazhat Masood wie viele andere Eltern Hab und Gut in der Heimat verlassen. Zu groß war die Angst, dass ihnen etwas zustößt. Der Neuanfang in Deutschland scheint den jungen Irakern schneller zu gelingen als den alten. Wenn die Jugendlichen der Gemeinde samstags den katechetischen Unterricht hinter sich gebracht haben und auf der Pfarrwiese Fußball spielen, dann feuern sie sich jedenfalls in Deutsch an. Auch in ihrer neuen Umgebung verfolgen die Iraker intensiv die Entwicklung in ihrem Heimatland. Im Infokasten der Gemeinde hängt ein Zeitungsausschnitt. Überschrift: „Schmerz und Trauer nach Massaker an Christen im Irak“.

Eben solche Nachrichten über El-Kaida-Anschläge, Verletzte und Getötete beunruhigen die chaldäischen Christen in Essen. Fast täglich stehen sie per Internet in Verbindung mit Verwandten, nehmen Anteil an deren Alltagssorgen und versuchen zu helfen – etwa mit Medikamenten- und Kleiderpaketen. Pfarrer Raad Sharafana, der außer in Essen auch noch Iraker in Mönchengladbach, Bonn und Stadtlohn betreut, ist wie seine Gemeindemitglieder frustriert. Die Lage im Irak stelle sich angesichts der Gewalt der vielen Milizen „viel schlimmer dar“ als vor dem Sturz von Saddam Hussein. Sein ernüchterndes Fazit: „Früher gab es einen Saddam, jetzt gibt es 200 Saddams.“ Und keine Aussicht auf Rückkehr.