„Die Herausforderung des Glaubens benennen“

Ein Gespräch mit Rabbiner Abraham Skorka über Christen und Juden, seinen Freund Papst Franziskus und ihre Reise ins Heilige Land. Von Regina Einig

Rabbiner Abraham Skorka. Foto: Regina Einig
Rabbiner Abraham Skorka. Foto: Regina Einig

Wissenschaft und Glaube schließen sich nicht aus: Der argentinische Rabbiner Abraham Skorka ist Biophysiker und Rektor des lateinamerikanischen Rabbinerseminars in Buenos Aires. Darüber hinaus ist er Rabbiner der jüdischen Gemeinde Benei Tikva in der argentinischen Hauptstadt und seit Jahren befreundet mit Papst Franziskus. Auf Einladung des Rabbiners sprach der vormalige Erzbischof von Buenos Aires Jorge Kardinal Bergoglio 2006 als erster Primas von Argentinien beim jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana in der Gemeinde Benei Tikva. Beide haben mehrere Interviews veröffentlicht. Neuerdings sei er häufiger in Rom als im Heiligen Land, sagt der Rabbiner. 2014 wird sein lang gehegter Traum wahr werden: eine gemeinsame Pilgerfahrt mit Papst Franziskus ins Heilige Land.

Herr Rabbiner, Sie haben mit Kardinal Bergoglio eine TV-Serie über die Heilige Schrift gemacht, die mit einer Folge zum Thema „Glaube und Vernunft“ beginnt. Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?

„Glaube und Vernunft“ ist ein so wichtiges Thema, dass innerhalb von vierzehn Jahren zwei Enzykliken erschienen sind, die sich damit auseinandersetzen: „Fides et ratio“ von Johannes Paul II. und „Lumen fidei“ von Franziskus und Benedikt XVI. Wenn der Mensch seine wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften betrachtet, fühlt er sich mächtig. Er denkt, er habe die Dinge durchdrungen und erfasst. Die reine Wissenschaft führt den Mensch aber auch an die Grenzen seines Denkens und Wissens. Der Mensch weiß viel und doch sehr wenig. Denken Sie beispielsweise an die Quantenmechanik. Ich würde sie als Metalogik bezeichnen, denn sie geht über die reine Logik und den Menschenverstand hinaus. Die Gleichungen funktionieren wie ein Wunderwerk. Mit der Logik allein lässt sich diese Theorie nicht erfassen. Mit der allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins (1916) übrigens auch nicht.

Stehen Christen und Juden heute vor der gemeinsamen Aufgabe, die Botschaft der Heiligen Schrift – zum Beispiel die Zehn Gebote – als Grundlage und Richtschnur des Lebens nicht nur selbst anzunehmen, sondern zugleich auch anderen zu vermitteln?

Ein großer Teil der Menschheit würde einen Teil der Heiligen Schrift unverzüglich bejahen, etwa die Gebote „Du sollst nicht töten“ oder „Du sollst nicht stehlen“. Alle, die sich mit einem humanistischen Weltbild identifizieren, stimmen auch diesen biblischen Normen zu. Das grundlegende Problem der Menschheit besteht aber in der Schwierigkeit, zu glauben – und in der Geisteshaltung. In den westlichen Gesellschaften wissen die meisten, dass man nicht töten und stehlen darf. Dennoch stehlen und morden viele. Verkünden und Handeln sind zweierlei. Woran glaubt der Mensch unserer Tage? An das Geld? An einen Schöpfer, dessen Funken wir in uns tragen? Wer daran glaubt, dass es einen Gott und Gerechtigkeit gibt, hat schon die Grundlage. Natürlich ist man für soziale Gerechtigkeit, Gemeinwohl und einen gerechten Anteil jedes Einzelnen an den Gütern und befürwortet auch, dass es Rechte und Pflichten für jeden Einzelnen geben soll. Aber die Praxis sieht anders aus. Das konkrete Handeln muss sich aus dem tatsächlichen Glauben einer Person ergeben. Jeder Mensch gerät in Grenzsituationen, in denen er entscheiden muss, was er mit seinem Leben macht. Dann erkennt man, woran der Einzelne wirklich glaubt. Die wesentlichen Fragen sind heute dieselben wie zu allen Zeiten: Welche Antwort gibt der Mensch auf die Fragen: Wer ist Gott? Was ist Natur? Wer ist der Mensch? An diesen Fragen kommt niemand vorbei. Mit jeder Handlung beantwortet der Mensch sie schon.

Vielen fällt es heute schwer, an einen personalen Gott zu glauben, der sich seinen Geschöpfen mitteilt und in die Geschichte eingreift. Berührt das die gemeinsame Verantwortung von Christen und Juden zum Bekenntnis an den einen Gott?

Ja, das ist die Grundlage des jüdischen Glaubens und auch des christlichen, der ja aus dem jüdischen hervorgegangen ist. Es wäre extrem schwer zu glauben, dass wir Menschen nur eine Laune der Natur sind. Und genauso hart wäre ein Leben in der Vorstellung eines Gottes, der nichts von einem selbst weiß. So würde dem Einzelnen die Grundlage eines würdigen Lebens entzogen, in dem der tägliche Kampf für Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit einen Sinn hat. Im Siddur, dem jüdischen Gebetbuch für den Alltag und den Sabbat, ist von den dreizehn Glaubensgrundsätzen des Maimonides die Rede. Der einzige Vers, den Maimonides zitiert, stammt aus Kapitel 33 des Buchs der Psalmen. Darin bezieht er sich auf das Wissen Gottes um das, was mit der einzelnen Kreatur und jedem einzelnen Menschen geschieht. In Nummer zehn von den dreizehn Glaubenssätzen des Maimonides heißt es: Der Schöpfer ist allwissend und kennt die Gedanken der Menschen. Er, der Schöpfer aller Herzen, durchschaut alle ihre Taten. Maimonides stützt sich hier auf den Talmud, demzufolge Gott jeden Einzelnen an Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest, richtet, weil er – und hier schließt sich der Kreis zum Psalmisten – weiß, was im Herzen jedes Menschen vor sich geht.

In Ihrem Buch sagen Sie: Gott will stets gesucht werden. Wie können wir – Christen und Juden – unseren Zeitgenossen Mut zur Gottsuche machen?

Natürlich können wir die Herausforderung des Glaubens benennen. Die Suche nach Gott geht aber über unsere religiösen Traditionen und unsere Glaubenspraxis hinaus. Wer Gott ehrlich sucht, steckt in einem komplexen Prozess, der Geist und Herz bewegt. Den kann man nicht vermitteln. Jeder spricht in seinem Leben irgendwann einmal mit sich selbst – und in diesen Dialog schaltet sich Gott bisweilen ein. Jeder muss sich täglich erforschen, um einen Zugang zum Gespräch mit Gott zu finden. Im Tempel oder in der Kirche sollten die Menschen dazu angeregt werden. Alle Gebete sind sinnlos, wenn sich der Mensch nicht die Mühe dieser täglichen geistlichen Übung macht, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Im Tempel Schrifttexte aufzusagen – das allein hilft nicht weiter und bedeutet letztlich auch nicht Gebet.

Für Papst Franziskus ist „Begegnung“ ein Schlüsselbegriff, um seine Beziehung mit Gott zu beschreiben. Teilen Sie diese Sicht?

Absolut, denn das ist die biblische Perspektive. Gott sucht die Begegnung mit dem Menschen und der Mensch muss auch Gott suchen. In der Tora erscheint der Begriff der Begegnung indirekt, wenn davon die Rede ist, dass Gott sein Angesicht verhüllt. Das bedeutet, dass er sich der Begegnung mit dem Menschen entzieht.

Der Prophet Jesaja wendet sich gegen die Rebellion des Menschen gegen Gott und ruft zur Umkehr auf. Ist es heute schwierig, von Sünde und Umkehr zu sprechen?

Es sind zeitlos aktuelle Themen. Dass sich der Mensch gegen Gott auflehnt, ist ein Motiv, das sich durch die Bibel zieht – angefangen vom Garten Eden. Schon dort akzeptiert der Mensch das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, nicht. Und schon dort zeigt sich: Solange der Mensch noch Gottes Wort akzeptiert, geschieht das auf eine Weise, als sei Gott ein Tyrann. In der Tora heißt es aber: Gott ist unser Vater. Das bedeutet: Er will, dass wir liebevoll mit ihm sprechen und sein Werk nicht zerstören. Heute wollen aber viele wie Gott sein. Alle, die Menschen zum Tod verurteilen, haben Gott längst hinausgeworfen. Wo man sich der Existenz Gottes bewusst ist und ihn wirklich respektiert, wird auch nicht getötet. Wer im Namen Gottes tötet, handelt falsch und entkernt die Bedeutung des Wortes Gott.

Dem Vernehmen nach hat Kardinal Bergoglio gelegentlich jüdische Besucher der Christmette in Buenos Aires nach der Messe zur privaten Weihnachtsfeier eingeladen. Gesetzt den Fall, Sie wären bei einer solchen Feier dabei, welcher Schrifttext käme Ihnen in den Sinn?

Den jüdischen und christlichen Festkalender zu feiern ist ein Proprium. Wir beglückwünschen die anderen zu den jeweiligen Anlässen. Ich habe Kardinal Bergoglio zu Weihnachten und Neujahr gratuliert und Psalmverse in meinen Briefen zitiert, die von der Begegnung mit Gott und dem Frieden sprechen. Der Psalmist spricht auch häufig von seiner Sehnsucht nach Gott. Dass sich die Sehnsucht der Christen erfüllt, wünsche ich ihnen zum Fest, ich feiere aber nicht mit. Das ließe sich nicht mit meiner jüdischen Identität vereinbaren. Aus jüdischer Perspektive kann ich Christen zu Weihnachten nichts Besseres wünschen, als dass es eine geistliche Zeit und eine Zeit des Friedens werde.

Der Heilige Vater wird 2014 ins Heilige Land reisen. Begleiten Sie ihn?

Ja, damit geht ein lang gehegter Traum von uns beiden in Erfüllung. Es soll eine gemeinsame Pilgerfahrt werden. Ich habe ihm vorgeschlagen, in Jerusalem gemeinsam an die Klagemauer zu gehen und dort zu beten. Auch nach Bethlehem möchte ich ihn gern begleiten – als Zeichen des Respekts vor dem christlichen Glauben.

Möchten Sie vom Heiligen Land aus gemeinsam mit dem Heiligen Vater eine Botschaft vermitteln?

Ja: „Wir müssen den Dialog weiterführen“. Die ganze Bibel ist ein Dialog. Und Gott erwartet auch vom Menschen, dass er sein Dialogangebot annimmt.