„Die Freude Gottes besteht darin, zu vergeben!“

Barmherzigkeit ist kein „Gutmenschentum“ betont Papst Franziskus in seiner Ansprache beim Angelus am Sonntag 15. September

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In der heutigen Liturgie wird Kapitel 15 aus dem Evangelium des Lukas gelesen, das die drei Gleichnisse der Barmherzigkeit enthält: das Gleichnis über das verlorene Schaf, das Gleichnis über das verlorene Geldstück und dann das längste aller Gleichnisse, Sondergut des heiligen Lukas, das Gleichnis über den Vater und seine beiden Söhne, den „verlorenen“ Sohn und den Sohn, der sich für „gerecht“ hält, der sich für heilig hält. Alle diese drei Gleichnisse sprechen über die Freude Gottes. Gott freut sich. Das ist interessant: Gott freut sich! Und worin besteht die Freude Gottes? Die Freude Gottes besteht darin, zu vergeben – die Freude Gottes besteht darin, zu vergeben! Es ist die Freude eines Hirten, der sein Schaf wiederfindet; die Freude einer Frau, die ihr Geldstück wiederfindet; es ist die Freude eines Vaters, der den Sohn wieder zu Hause aufnimmt, der verloren gegangen war, der wie tot war und wieder lebt, der nach Hause zurückgekehrt ist. Hier haben wir das ganze Evangelium! Hier! Hier haben wir das ganze Evangelium, das ganze Christentum! Doch aufgepasst: es ist kein Gefühl, kein „Gutmenschentum“. Im Gegenteil, die Barmherzigkeit ist die wahre Kraft, die den Menschen und die Welt vom „Krebs“ der Sünde, dem moralisch Bösen, dem geistlich Bösen, heilen kann. Nur die Liebe füllt die Leere, die Abgründe der Negativität, die das Böse in den Herzen und in der Geschichte öffnet. Nur die Liebe vermag das, und das ist die Freude Gottes!

Jesus ist ganz Barmherzigkeit, Jesus ist ganz Liebe: er ist der menschgewordene Gott. Jeder von uns – jeder von uns! – ist jenes verlorene Schaf, jenes verlorene Geldstück; jeder von uns ist jener Sohn, der seine Freiheit vergeudet hat, indem er falschen Götzen gefolgt ist, einem Blendwerk des Glücks, und alles verloren hat. Doch Gott vergisst uns nicht, der Vater lässt uns niemals im Stich. Er ist ein geduldiger Vater, er erwartet uns immer! Er respektiert unsere Freiheit, doch er bleibt uns immer treu. Und wenn wir zu Ihm zurückkehren, empfängt er uns wie Kinder in seinem Haus, weil er niemals, nicht einmal für einen kurzen Moment, aufhört, uns voller Liebe zu erwarten. Und sein Herz jubelt über jedes Kind, das zurückkehrt. Es jubelt, weil es eine Freude ist. Gott empfindet diese Freude, wenn einer von uns Sündern zu Ihm kommt und um Seine Vergebung bittet.

Worin besteht die Gefahr? Darin, dass wir meinen, gerecht zu sein, und die anderen beurteilen. Wir beurteilen auch Gott, weil wir denken, dass er die Sünder bestrafen müsse, sie zum Tod verurteilen müsse statt zu vergeben. In dem Fall laufen wir wirklich Gefahr, außen vor dem Haus des Vaters zu bleiben! Wie jener ältere Bruder aus dem Gleichnis, der, anstatt zufrieden zu sein, weil sein Bruder zurückgekehrt ist, zornig über den Vater ist, der ihn aufgenommen hat und ein Fest feiert. Wenn in unserem Herzen keine Barmherzigkeit ist, die Freude der Vergebung, dann sind wir nicht in Gemeinschaft mit Gott, auch wenn wir alle Vorschriften beachten, weil es die Liebe ist, die erlöst, nicht nur das Einhalten der Vorschriften. Es ist die Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten, die alle Gebote erfüllt. Und das ist die Liebe Gottes, seine Freude: vergeben. Er erwartet uns immer! Vielleicht liegt jemandem etwas Schweres auf dem Herzen: „Aber ich habe dies getan, jenes getan...“. Er erwartet Dich! Er ist Vater: er erwartet uns immer!

Wenn wir nach dem Gesetz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ leben, denn kommen wir nie aus der Spirale des Bösen heraus. Der Teufel ist schlau und macht uns vor, dass wir mit unserer menschlichen Gerechtigkeit uns und die Welt retten können. In Wirklichkeit kann nur Gottes Gerechtigkeit uns retten! Und die Gerechtigkeit Gottes hat sich am Kreuz offenbart: das Kreuz ist das Urteil Gottes über uns und über diese Welt. Doch wie urteilt Gott? Indem er das Leben für uns hingibt! Das ist der höchste Akt der Gerechtigkeit, der ein für alle Mal den Fürsten dieser Welt besiegt hat; und dieser höchste Akt der Gerechtigkeit ist eben auch der höchste Akt der Barmherzigkeit. Jesus beruft uns alle, diesem Weg zu folgen: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36). Ich bitte Euch jetzt um eines. Denken wir alle in der Stille nach... denke ein jeder von uns an einen Menschen, gegen den wir etwas haben, über den wir verärgert sind, den wir nicht mögen. Denken wir an diesen Menschen in der Stille, in diesem Moment, beten wir für diesen Menschen, und zeigen wir uns ihm gegenüber barmherzig [Augenblick der Stille].

Bitten wir nun um die Fürsprache Marias, der Mutter der Barmherzigkeit.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller