Deutsche Gelehrsamkeit im Heiligen Land

Der Benediktiner Nikodemus Schnabel leitet das Jerusalemer Institut der katholischen Görres-Gesellschaft. Von Oliver Maksan

Bruder Nikodemus Claudius Schnabel OSB, Leiter des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft und der Bibliothek der Dormitio. Foto: Oliver Maksan
Bruder Nikodemus Claudius Schnabel OSB, Leiter des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft und der Bibliothek der ... Foto: Oliver Maksan

„Christentum, das ist mehr als nur evangelisch oder katholisch. Nirgendwo kann man das so lebendig erfahren wie im Heiligen Land“, ist der deutsche Benediktiner Nikodemus Schnabel überzeugt. „Das zu erkennen, dazu will ich mit meiner Arbeit beitragen.“ Seit Mai 2011 leitet der junge Mönch und Wissenschaftler – Jahrgang 1978 – das Jerusalemer Institut der deutschen Görres-Gesellschaft. Dass es noch besteht, ist nicht selbstverständlich. „Nach dem Tode meines Vorgängers Gustav Kühnel 2009 gab es Pläne, das Institut zu schließen. Ich hätte das aber als großen Verlust empfunden. Immerhin besteht das Jerusalemer Institut seit 1908 und hat etwa mit der Ausgrabung der Bodenmosaiken in der heutigen Brotvermehrungskirche von Tabgha am See Gennesaret glänzende archäologische Leistungen vorzuweisen.“

Bruder Nikodemus bot der in Bonn ansässigen Zentrale der katholischen Wissenschaftsgesellschaft deshalb an, beim Neuanfang behilflich zu sein. Die Görres-Gesellschaft stimmte zu. „Es ist ein Vorteil, dass ich Mönch bin. Jerusalem ist keine Stadt, in die es Ehepaare zieht, wenigstens nicht für längere Zeit. Man braucht aber schon eine gewisse personelle Kontinuität, um hier etwas aufbauen zu können.“ Die Vereinbarung seither ist, dass das Jerusalemer Institut bei der deutschsprachigen Benediktinerabtei der Dormitio in Jerusalem angesiedelt ist. Die Abtei auf dem Zionsberg am Rande der Jerusalemer Altstadt nominiert einen Leiter, die Görres-Gesellschaft ernennt ihn dann. Bruder Nikodemus: „Ich will an die Gründungsintention anknüpfen. Und die bestand vor allem in der Ostkirchenkunde und der Erforschung der Liturgie im weitesten Sinne. Mit beiden Themen habe ich mich schon vor meiner Ernennung wissenschaftlich beschäftigt.“

Bruder Nikodemus ist dabei realistisch: „Ich bin hier ein Ein-Mann-Betrieb. Da kann man keine großen Forschungsvorhaben durchführen. Ich würde mich da eher bei anderen einklinken, aber über ostkirchliche Themen forschenden Wissenschaftlern natürlich auch zuarbeiten. Mir geht es vor allem darum, Bewusstsein zu schaffen.“ Dazu hat er die Görres-Lectures eingeführt, die monatlich einem anderen Thema östlichen Christentums gewidmet sind und für die er immer wieder herausragende Referenten wie Professor Sydney Griffith, einen Fachmann für arabisches Christentum, gewinnen kann. Auch als Ansprechpartner deutschsprachiger Medien für ostkirchliche Themen ist er tätig. Externes Lektorat etwa für den neuen Brockhaus gehört ebenfalls dazu. Gerne führt er auch nach Jerusalem reisende Politiker und sensibilisiert sie für die religiöse Vielfalt im Heiligen Land. „Die Politiker sind oft erstaunt über die Lage vor Ort. Ich mache das aber nicht öffentlich. Man kann dann ganz anders mit den Leuten reden.“

Entscheidend für seine Ostkirchenstudien ist natürlich der Kontakt zu den Vertretern des orientalischen Christentums in Jerusalem. „Wir haben hier in der Heiligen Stadt wirklich den ganzen christlichen Orient versammelt. Griechen, Armenier, Kopten, Syrer, Äthiopier und so weiter. Sie unterhalten hier Kirchen und Klöster. Ich persönlich pflege gute Beziehungen zu ihnen. Entscheidend dabei ist, dass ich ein Mönch bin genau wie sie. Das öffnet viele Türen, die sich etwa einer protestantischen Pastorin nicht oder nur mit Schwierigkeiten auftun.“ Bruder Nikodemus möchte es indes nicht nur bei guten zwischenmenschlichen Beziehungen belassen. Die Spaltung der Christenheit in Ost und West schmerzt ihn. „Ich bin Gründungsmitglied und zurzeit Co-Moderator der Pro Oriente-Kommission Junger katholischer und orthodoxer Theologen. Uns geht es zum Beispiel darum, Wege zu finden, wie man den Primat des römischen Papstes mit dem synodalen Denken des Ostens versöhnen kann. Wir wollen eine jugendliche „ökumenische Ungeduld“ verbreiten und die Ökumene für unsere Generation retten. Wir studieren gemeinsam die wichtigen Dialogdokumente, um einerseits das bisher Erreichte zu sichern und um andererseits die zu machenden Aufgaben für die Zukunft zu benennen. Wir wollen die Ost-West-Ökumene wieder zum Tagesgespräch machen!“

Zukünftig kann er sich vorstellen, größere wissenschaftliche Konferenzen in Jerusalem abzuhalten. Auch eine Sommeruniversität etwa mit dem Schwerpunkt einer Einführung ins orientalische Christentum wäre möglich. Denn, so Bruder Nikodemus: „Wo könnte man das Christentum besser studieren als an seinem Ursprung?“