Der katholische Unterschied

Ein offener Brief des amerikanischen Publizisten George Weigel an Kardinal Reinhard Marx.

Kardinal Marx muss sich kritischen Fragen stellen.
Wohin führt der „synodale Weg“ die Kirche in Deutschland, die viele als den Menschen abgewandt erleben? Kardinal Marx muss sich kritischen Fragen stellen. Foto: dpa

Eminenz: Mit Interesse habe ich Ihre kürzlich erfolgte Ankündigung eines „verbindlichen synodalen Weges“ zur Kenntnis genommen, bei dem die Kirche in Deutschland über den Zölibat der römisch-katholischen Priester, die kirchliche Sexualmoral und den Klerikalismus diskutieren will, da diese „Themen“ aufgrund der Krise auf dem Tisch sind, die durch sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester hervorgerufen wurde.

Vielleicht können die folgenden Fragen helfen, den Blick auf die Diskussion zu schärfen.

1. Wie kann der „synodale Weg“ einer lokalen Kirche „verbindliche“ Ergebnisse über Themen hervorbringen, die die gesamte katholische Kirche betreffen? Der Anglikanische Kirchenbund hat dies versucht und ist jetzt in endgültiger Auflösung begriffen. Die anglikanischen Ortskirchen, die den Weg des kulturellen Entgegenkommens beschritten haben, sind im Koma. Ist das das Vorbild, das Sie und Ihre Mitbrüder im Bischofsamt für richtig halten?

2. Was hat der Zölibat für Priester des lateinischen Ritus mit der Krise durch sexuellen Missbrauch zu tun? Der Zölibat hat mit sexuellem Missbrauch genauso wenig zu tun wie die Ehe mit ehelicher Gewalt. Empirische Studien deuten darauf hin, dass die meisten Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger innerhalb der – üblicherweise zerrütteten – Familien stattfinden. Protestantische Glaubensgemeinschaften, in denen die Priester heiraten dürfen, leiden auch unter der Plage des sexuellen Missbrauchs. In jedem Fall ist die Ehe kein Programm zur Verbrechensverhütung. Wäre es nicht zynisch, sich vorzustellen, dass die Krise durch sexuellen Missbrauch jetzt als Waffe verwendet wird, um einen Angriff auf den Priesterzölibat vorzunehmen, nachdem es anderen Geschützen nicht gelungen ist, diese alte katholische Tradition zu verdrängen?

3. Einem Bericht der "Catholic News Agency" zufolge haben Sie gesagt, die personale Bedeutung der Sexualität finde bislang keine hinreichende Beachtung in der Kirche. Wirklich? Ist die Theologie des Leibes des heiligen Johannes Paul II. nicht ins Deutsche übersetzt worden? Vielleicht schon, doch möglicherweise ist sie zu lang und zu komplex, um von deutschsprechenden Katholiken richtig aufgenommen worden zu sein. Erlauben Sie mir daher, Ihre Aufmerksamkeit auf die Seiten 347–358 von „Zeuge der Hoffnung“ (Verlag Ferdinand Schöningh, 2002) zu lenken, der deutschen Übersetzung von „Witness to Hope“, dem ersten Band meiner Biografie über Johannes Paul II.. Dort werden Sie und Ihre Kollegen eine Zusammenfassung der Theologie des Leibes finden, einschließlich ihrer reichen personalistischen Erklärung der kirchlichen Morallehre über die menschliche Liebe und ihr in der Bibel wurzelndes Verständnis der für das Reich Gottes eingegangenen Verpflichtung zum Zölibat.

4. Sie stellen weiter fest, dass Ihre Mitbrüder im Bischofsamt oft „nicht sprachfähig sind in den Fragen an das heutige Sexualverhalten“. Das war bei den Synoden von 2014, 2015 und 2018 sicher nicht der Fall, bei denen sich die deutschen Bischöfe durchaus in der Lage sahen, sich oftmals zu diesen Fragen zu äußern, wenn auch auf eine Art, die die heutige Mode der political correctness auf kennzeichnende Weise widerspiegelte. Und ich bin mir sicher, dass ich mir nicht allein die Frage stelle, wann die deutschen Bischöfe das letzte Mal auf eine Weise über das „heutige Sexualverhalten“ gesprochen haben, die die Morallehre der Kirche über die menschliche Liebe als lebensbejahend und auf das menschliche Glück und die menschliche Erfüllung hingeordnet angepriesen hätte, zumindest in den Jahren seit ihrer extrem abweichenden Meinung zu „Humanae vitae“ (die im Jahr 1968 veröffentlichte Enzyklika des heiligen Papstes Paul VI. zur Morallehre über die Familienplanung). Doch das ist es, wozu uns Papst Franziskus, so wie ich ihn verstehe, alle aufruft: das „Ja“ zu bezeugen, zu verkünden und zu lehren, das alles begründet, zu dem die Kirche in ihrer Treue sowohl zur Offenbarung als auch zur Vernunft „Nein“ sagen muss.

5. Der KNA-Bericht führte weiter an, dass Ihr „synodaler Weg“ (den Sie in einem netten Fingerzeig des Bischofsamts auf Hegel als „synodales Voranschreiten“ beschrieben) Konsultationen mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken einschließe. Mein lieber Kardinal Marx, das ist ungefähr so, als würden sich Präsident Trump mit Fox News oder die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, mit den Herausgebern der New York Times beraten. Wenn Sie die Bezugnahme auf Major Heinrich Strasser in dem Film „Casablanca“ erlauben: Selbst wir „unbesonnenen Amerikaner“ wissen, dass das Zentralkomitee der deutschen Katholiken der Vorkämpfer ist, der den Boden für die extreme Linke frei macht, so dass sich die deutschen Bischöfe selbst als die „moderate“ oder „gemäßigte“ Kraft in der deutschen Kirche positionieren können. Sie wissen es, ich weiß es und alle anderen sollten wissen, dass Konsultationen mit dem ZdK nichts als weitere Angriffe auf den Zölibat, weitere Bestätigungen sexueller Modeerscheinungen und eine weitere Herabsetzung von „Humane vitae“ hervorbringen werden (was zum Teil auf der offensichtlichen Unkenntnis der Theologie des Leibes seitens des ZdK sowie auf der deutschen Feindseligkeit gegenüber Johannes Pauls II. 1993 veröffentlichter Enzyklika über die Erneuerung der katholischen Moraltheologie, „Veritatis splendor“, beruht).

Eminenz, die deutsche Kirche, der „Katholizismus meiner Vorfahren“, liegt im Sterben. Sie wird nicht dadurch wiederbelebt, dass sie ein Simulakrum des moribunden liberalen Protestantismus wird.

Ich wünsche Ihnen eine fruchtbringende Fastenzeit und frohe Ostern.

Übersetzung von Claudia Reimüller