Der Verlust der Wahrheitsfrage

Philosophisches Symposion über einen Schlüsselbegriff Benedikts XVI.: „Diktatur des Relativismus“ auf der Waagschale. Von Stephan Baier

Abt Maximilian Heim im Gespräch mit Kardinal Walter Brandmüller und dem französischen Philosophen Rémi Brague. Foto: Fabian Langpaul
Abt Maximilian Heim im Gespräch mit Kardinal Walter Brandmüller und dem französischen Philosophen Rémi Brague. Foto: Fabian Langpaul

Heiligenkreuz (DT) Das altehrwürdige Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald ist bekannt für seine monastische Spiritualität, aber auch für die akademische Trittsicherheit, mit der die seit 1802 bestehende und 2007 zur Hochschule päpstlichen Rechts erhobene „Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“ derzeit einen erstaunlichen Boom erlebt. Diese Kombination aus Fides et Ratio, aus geistlichem und intellektuellem Tiefgang, prägte auch ein Symposion, das sich mit der Wurzel des heute herrschenden Zeitgeistes ebenso kritisch wie mutig auseinandersetzte.

„Hinter dem Relativismus steht der Verlust der Wahrheitsfrage“, analysierte der junge Abt des Stiftes, Maximilian Heim, gleich am Anfang des hochkarätigen Symposions über die „Diktatur des Relativismus“ im prachtvollen Kaisersaal seines Klosters. Dieses Schlüsselwort von Papst Benedikt XVI. aufzugreifen, welches berühmt wurde durch Kardinal Ratzingers Predigt vor Beginn des Konklaves 2005, dient nach Ansicht des Abtes auch der Profilierung der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz, die als einzige theologische Lehranstalt weltweit den Namen des gegenwärtigen Papstes trägt. Die Entscheidung in der Namensfrage traf noch sein Vorgänger, Abt Gregor Henckel Donnersmarck, doch darf man gewiss sein, dass Abt Maximilian mit keinem anderen Namen mehr einverstanden gewesen wäre, promovierte er doch selbst über die Ekklesiologie von Joseph Ratzinger.

Abt Maximilian Heim verwies bei der Tagung auf die Finalität des Relativismus: „Am Ende hat jeder seinen Glauben, seine Kirche, seine Wahrheit, die aber nicht mehr kompatibel sind.“ Und er hielt diesem Trend entgegen, dass es die „gültige und verpflichtende Wahrheit“ gibt, „die in Jesus Christus Fleisch geworden ist“. Theologisch schloss sich der Kreis – nach vier brillanten philosophischen Vorlesungen – am Sonntagmittag mit einem Vortrag des Kirchenhistorikers und Kurienkardinals Walter Brandmüller, der wie der neue Abt von Heiligenkreuz aus Franken stammt und in Kronach, dem Geburtsort des Abtes, seine erste Kaplanstelle hatte. Das gab der – trotz rund 200 Dauerzuhörern – familiären Atmosphäre der Tagung nochmals eine kräftige Farbe.

Kardinal Brandmüller zeigte, worin in relativistischer Zeit der spezifische Beitrag der Kirche zum Werden Europas bestehen könnte, nämlich „noch vor der Verkündigung des Evangeliums Christi in der Wiederinstandsetzung der natürlichen Grundlagen menschlicher Gemeinschaft“. Brandmüller warnte vor einem „kaum vorstellbaren Verfall von Humanität und Kultur“, vor einem „Rückfall in die Barbarei“. Die katholische Kirche verstehe sich als Protagonistin des natürlichen Sittengesetzes und lege deshalb nicht nur den Gläubigen, sondern allen Menschen guten Willens Normen und Prinzipien vor, die sich aus dem Wesen von Mensch und Welt ergeben.

Die rechtspositivistische Schule, die dem von der Kirche gelehrten Naturrecht widerspricht, habe nun aber „einem unkontrollierbaren Rechtsrelativismus freie Bahn eröffnet“. Dieser führe „in die Irre und ins Chaos“. Die Kirche verkünde dagegen das „aus der der gesamten Schöpfung innewohnenden metaphysischen Ordnung durch die Vernunft zu erkennende, natürliche Sittengesetz“. Kardinal Walter Brandmüller begründete: „Da die menschliche Natur Raum und Zeit übergreifend ein und dieselbe bleibt, sind auch die Prinzipien und Normen, an denen sich das sittliche Handeln des Menschen orientieren muss, notwendigerweise Raum und Zeit übergreifend und unwandelbar.“

Die wahrheitsfeindlichen philosophischen Richtungen müssten sich fragen lassen, „welche gesellschaftlichen, kulturellen, politischen Früchte ihre Wahrheitsvergessenheit gebracht hat“. Wer als Christ den Anspruch erhebt, Wahrheit erkannt zu haben, verfalle „dem Verdammungsurteil und der harten Intoleranz der Relativisten“.

Heute gelte es, „die Bedeutung der Wahrheit für unser Denken und Handeln neu zu entdecken“, denn aus der Wahrheit des Seins ergebe sich die Gerechtigkeit des Handelns. Ohne die Anerkennung einer übersubjektiven Wahrheit sei Kommunikation unter Personen und Gemeinschaften unmöglich, sondern es komme zu einer Atomisierung der Gesellschaft und zum Krieg aller gegen alle. Menschliches Leben könne „ohne die Verankerung in der Wahrheit und in dem sich auf Natur und Vernunft gründenden natürlichen Sittengesetz nicht gelingen“, sagte Kardinal Brandmüller. Gleichzeitig gelte es, der europäischen Gesellschaft ihren Transzendenzbezug neu bewusst zu machen. Die Kirche verstehe sich als Verteidigerin des Menschen: „Indem sie das natürliche Sittengesetz, die Bedeutung von Wahrheit und die Gottbezogenheit von Welt und Mensch erneut ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rufen versucht, bereitet sie den durch die Ideologien des 20. Jahrhunderts ausgetrockneten und verhärteten Boden Europas für eine neue Aussaat des Evangeliums vor.“

Kardinal Brandmüller rief dazu auf, das „krisengeschüttelte Europa“ möge „die Neugier und den Wagemut“ aufbringen, das „katholische Experiment“ zu wagen: „Das würde nichts anderes bedeuten, als dass das Naturrecht im klassischen Verständnis, der Dekalog des Alten und die Bergpredigt des Neuen Testaments den Maßstab abgeben würden, an dem die Normen für das private wie für das gesellschaftliche Leben sich bewähren müssten.“ Eine solche Gesellschaft wäre bei weitem humaner als jene Gesellschaft der Macht des Stärkeren, „in der Geld, Macht und Genuss als höchste Lebensziele gelten“, so der Kardinal und langjährige Chef-Historiker des Vatikans.

Vor dem Theologen Brandmüller hatten in Heiligenkreuz vier renommierte Philosophen die logischen Schwächen und Irrwege des Relativismus analysiert. So stellte der in Paris und München lehrende französische Philosoph Rémi Brague die These auf, dass der Humanismus unserer Zeit „nur die Negation einer Negation, ein Anti-Anti-Humanismus“ sei. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts sei „der Mensch als Herrscher und Besitzer der Natur“ (Descartes) gesehen worden, im 19. Jahrhundert gar als das oberste Wesen schlechthin (Marx).

Heute höre man Stimmen, dass der Mensch das tödlichste Wesen sei und viele andere Lebensarten gefährde: „Man träumt von einer Welt, die vom Dasein des Menschen erlöst sei.“ Auch gebe es die These, der Mensch unterscheide sich nicht wesentlich, sondern nur graduell von anderen Lebewesen (Darwin). „So ist der Mensch nicht viel mehr als ein Affe, der Glück gehabt hat“, scherzte Brague, der die atheistische Weltsicht für diesen neuen Anti-Humanismus verantwortlich macht: Wenn der Mensch nichts Höheres über sich anerkenne, dann fehle ihm jeder Bezugspunkt. „Der Mensch fühlt sich als ein Emporkömmling, als ein Tier, das zwar Schwein gehabt hat, sich aber vom Schwein kaum unterscheidet – und wenn, dann nur graduell.“

Zur neuen göttlichen Instanz werde dann die Erde erhoben, im New Age auch in mystischer Färbung. Brague nannte dies „eine ganz primitive Religion“ und meinte: „Worin liegt der höhere Wert der Erde, wenn sie so dumm ist, etwas wie den Menschen hervorzubringen?“ Der Atheismus ist nach Bragues Ansicht nicht imstande, den Humanismus zu begründen.

Der humanistische Atheismus sei nämlich zwar in der Lage, eine Kultur zu stiften, jedoch nur eine unmenschliche. „Wenn man ihn seiner inneren Logik überlässt, muss er sich selbst zerstören, weil er die Grundfrage nach der Güte des Lebens nicht beantworten kann.“ Die Frage, warum es gut sei, dass es den Menschen gibt, sei nur beantwortbar, „indem wir auf den verweisen, der am sechsten Schöpfungstag gesagt hat, es sei sehr gut“.

Dem allgemeinen Relativismus, der bestreitet, dass es in sich wahre und falsche Urteile gibt, weshalb auch ein und dieselbe Religion für den einen Menschen wahr und für einen anderen falsch sei, widersprach der derzeit in Chile und Spanien lehrende österreichische Philosoph Josef Seifert: „Was wahr ist, ist nicht für jemanden wahr, sondern an sich. Was falsch ist, ist für niemanden wahr.“ Der Skeptizismus leugne nicht die Wahrheit selbst, sondern ihre Erkennbarkeit. Josef Seifert erklärt: Wer aber sagt, der Mensch könne keine Wahrheit erkennen, beansprucht damit eine wahre Erkenntnis und widerspricht sich somit selbst.

Der Relativismus behauptet laut Seifert etwas gänzlich Undenkbares, denn: „Von dem, was wir für wahr halten, bezeichnet ,wahr‘ das, was wir nicht nur für uns für wahr halten.“ Zur „Diktatur des Relativismus“ komme es, wo der Relativist an die absolute Wahrheit seiner Haltung glaubt. „In der skrupellosen Diktatur des Relativismus ist alles und nichts erlaubt, ist alles und nichts verboten“, meinte Seifert.

Der Wiener Philosoph Günther Pöltner führte aus, die Religionskriege des 17. Jahrhunderts hätten gezeigt, dass der Versuch, den gesellschaftlichen Frieden durch konfessionelle Einheitlichkeit zu sichern, zum Gegenteil führte. Aus diesen bitteren Erfahrungen habe Europa gelernt, dass eine Pluralität von Ethos-Formen für sich allein noch nicht den Bestand des Staates gefährdet. Die Pluralität schließe aber Gemeinsamkeit nicht aus, denn „bloße Andersheit verbindet nicht, sondern unterdrückt das Andere“. Es brauche deshalb „einen ethischen Grundkonsens über die Grundlagen des Rechts“. Diese tragenden Prinzipien dürfen laut Pöltner nicht zum Gegenstand einer Güterabwägung gemacht werden, sondern „bilden den nicht-relativistischen Grundbestand“.

Am Streit um den Beginn und das Ende des menschlichen Lebens erläuterte Pöltner, der lange Mitglied der österreichischen Bioethikkommission war, den Dissens in den Grundfragen und die daraus resultierenden „unterschiedlichen Handlungsoptionen“. Er kritisierte die These von Habermas, dass nur weltanschaulich neutrale Aussagen über das Gute für alle akzeptabel seien und man nur so „unabhängig von umstrittenen ontologischen Grundlagen“ zu Ergebnissen komme, wer nun zu den Trägern von Rechten gehört – und wer nicht. Wenn ein Naturwesen erst durch die gesellschaftliche Anerkennung zum Träger von Rechten werde, dann seien Personenrechte abhängig von der Zuteilung Dritter, kritisierte Pöltner. Jeder Mensch sei jedoch Person, weil die Würde des Menschen keine erwerbbare Eigenschaft, sondern eine Eigenheit des Menschen sei. Im Streit darum gebe es aber „kein metaphysik-freies Argument“. Jede Option beruhe auf einer „anthropologischen Vorentscheidung“.

Pöltner kritisierte auch die Theorie des „normativen Pluralismus“, wonach zuzulassen sei, was ethisch umstritten, aber individuell wünschenswert scheint. Dies privilegiere jeweils die liberalste These und erhebe den „Minimalismus zur Norm“. Die bleibende Herausforderung sei die Herausarbeitung eines „nicht-relativistischen Kerns“ an Ethos in der Gesellschaft.

Der deutsche Religionsphilosoph Jörg Splett verwies darauf, dass alles Sein ein Gewollt-Sein ist, und nicht nur ein Dasein. Die Sünde bestehe darin, nicht zu glauben, dass Gott für mich das Beste tut, und zu meinen, man müsse sich selbst darum kümmern. Der Mensch dürfe glauben, „dass es jemanden gibt, der will, dass wir sind“.

In einem abendlichen Kamingespräch an der Heiligenkreuzer Hochschule meinte Rémi Brague, die beste Art und Weise, der Diktatur des Relativismus Widerstand zu leisten, bestehe darin, „dass man sich nicht nach den Regeln des Relativismus richtet, sondern lebt, wie man leben soll“. Und doch sei „der Tyrann vieltausend-köpfig – und wir sind nicht einmal sicher, dass nicht ein kleines Köpfchen in unserem Kopf ist“. Pöltner appellierte an die mehrheitlich jungen Zuhörer: „Wir müssen die Leute dazu verleiten, grundlegende Lebenserfahrungen auch in der Theorie zu reflektieren.“ Jörg Splett attestierte der political correctness unserer Tage die „Züge einer Diktatur“. Und Abt Maximilian Heim warnte vor einer „tolerierten Tyrannei des Denkens, die ins Unmenschliche hineingeht“.