Cork

Der Ritus bleibt ein Sorgenkind

Über den Exorzismus herrschen zahlreiche Missverständnisse. Theologen wollen nun den Sinn des Ritus präzeisieren - und warnen davor, den Teufel mit Samthandschuhen anzufassen.

Bischof von Bonaventura besprengt vom Feuerwehrauto aus ein Armenviertel
Die Präsenz des Heiligen in der Welt ist weder trocken noch trübselig: Bischof von Bonaventura besprengt vom Feuerwehrauto aus ein Armenviertel mit Weihwasser und stärkt die geplagte Bevölkerung mit seinem Segen. Foto: IN

Mördern und Drogendealern mit Weihwasser zu Leibe zu rücken ist zwar keine gängige Form der Verbrechensbekämpfung. Doch welche Predigt über Sakramentalien hätte werbewirksamer sein können als die Segnung der kolumbianischen Küstenstadt Buenaventura durch Ortsbischof Ruben Dario Jaramillo Montoya am Samstag? Auf der Ladefläche eines eigens umgebauten Feuerwehrautos signalisierte der Hirte im Kampf gegen das Böse durchaus glaubwürdig, dass der Segen der Kirche Getauften und Ungetauften gilt.

Burke: Segen schwächt die Macht des Bösen

Niemand wird kampflos der Macht des Bösen überlassen. Genau darin sieht Kardinal Raymond Leo Burke eine wichtige Aufgabe der Kirche. Auf der XII. Liturgischen Fota-Konferenz der "St. Colmans Society for Catholic Liturgy" im irischen Cork unterstrich der Kardinalpatron des Malteserordens, das Heilige in der Welt von heute durch den Segen sichtbar zu machen, sei eine Form, die Mächte des Bösen kaltzustellen. Die direkte Form, Macht über den Teufel auszuüben, besteht im Exorzismus. Um dieses traditionsreiche Ritual sind allerdings auch innerhalb katholischer Kreise zahlreiche Missverständnisse verbreitet.

Ohne inhaltliche Abgrenzung von den in Lobpreisgruppen gepflegten Gebeten um Heilung und Befreiung bleibt der Dienst des Exorzisten kaum zutreffend vermittelbar. Einen Schlüssel zum Verständnis bietet die Heilige Schrift. Der Exeget Dieter Böhler SJ (Sankt Georgen) fächerte die unterschiedlichen Bedeutungen des priesterlichen Segens und Betens im Psalter auf.

Zum Wesen des Exorzismus gehört der direkt an den Teufel gerichtete Befehl im Namen Gottes, das leidende Geschöpf zu verlassen. Dass das einschlägige nachkonziliare Rituale von 1999 und 2004 Schwächen aufweist, legte der Luganer Dogmatiker Manfred Hauke dar. Der neue Ritus stellt es dem Exorzisten frei, auf die Befehlsformel zu verzichten und sich auf die Bittformel zu beschränken. Diese ist an Gott gerichtet ohne die Dämonen direkt anzusprechen. Hauke zufolge stützen weder die Heilige Schrift noch die Tradition diese Praxis: Christus vertrieb Dämonen nicht durch Befreiungsgebete, sondern qua Befehl, die er kraft seiner Gottessohnschaft erteilte.

Der Exorzismus wendet sich gegen das personale Böse

Auch die Kirchenväter untermauern diese These. Augustinus hält in seiner Schrift „De Trinitate“ fest, dass Dämonen ausgetrieben werden, indem man sie in der Kraft des Namens Gottes beschwört. Darum erteilte Hauke Versuchen deutschsprachiger Liturgiewissenschaftler, den imperativen Exorzismus auf der Linie heidnischer Traditionen einzuordnen, eine unmissverständliche Absage: „Das ist historischer Unsinn.“

Dass der Glaube an die Existenz des personalen Bösen von nicht wenigen Theologen heute ganz oder teilweise verworfen wird und der Theologie daher nicht selten der grundlegende Zugang zum Exorzismus fehlt, wurde in der Debatte deutlich. „Wer die Befehlsform zur Vertreibung teuflischer Geister ausschließt, ist nahezu ein Häretiker“, erklärte Hauke. Diese Haltung der Verweigerung öffne dem Leugnen eines unverzichtbaren Teils von Jesu Heilswirken Tür und Tor: seinem Wirken gegen den Teufel. Angemessen ist aus Sicht des Dogmatikers die sprachliche Unterscheidung zwischen Gebeten um Befreiung und dem Exorzismus.

"Wer die Befehlsform zur Vertreibung teuflischer Geister
ausschließt, ist nahezu ein Häretiker."
Dogmatiker Manfred Hauke

Doch steckt hinter den im erneuerten nachkonziliaren Ritual durchscheinenden theologischen Widersprüchen noch mehr? Ja, erklärte ein britischer Exorzist. Die nachkonziliare Entwicklung zeige auch gegensätzliche Priesterbilder und die erhebliche Verwirrung über die Rolle des Priesters. „Der neue Ritus ist ein perfektes Beispiel für britische Höflichkeit.“ Er versuche, den Teufel hinauszukomplimentieren anstatt ihm glasklare Befehle zu erteilen. Liturgie ist kein Teekränzchen – und auch der erneuerte Taufritus erscheint vielen als defizitär im Vergleich zur vorkonziliaren Form.

In der Diskussion zeigten sich vor allem Geistliche besorgt über das Fehlen des Exorzismus im neuen Taufritus. Erwachsene Taufbewerber haben bis zur Aufnahme in die Kirche oft eine lange Suche durch die Irrungen und Wirrungen auf dem Markt der Weltanschauungen und Sinnangebote hinter sich – Esoterik und Magie eingeschlossen. Dass der alte Taufritus den Exorzismus vorsieht, wirkt von dieser Warte aus betrachtet keineswegs obsolet.

Teuflische Mächte besetzen freigewordene spirituelle Räume

Der irische Weltpriester Joseph Brody räumte in seiner in Abwesenheit verlesenen Schriftbetrachtung mit der Vorstellung auf, dass dort, wo der Heilige Geist, der Gehorsam und die Gnade nicht mehr walteten, ein spirituelles Niemandsland entstehe. Vielmehr wechselten die Besitzverhältnisse und teuflische Mächte versuchten, das aufgegebene Terrain zu erobern.

Trifft dieses Phänomen auch räumlich zu? Werden etwa liturgisch nicht mehr genutzte Gotteshäuser ein geistliches Vakuum? Kardinal Burke kritisierte mit Verweis auf seine persönliche Erfahrungen die „verheerende Verwirrung“, die bei der Auflösung von Pfarreien zutage trete. Priester und Bischöfe täuschten sich, wenn sie die Auflösung einer kanonischen Pfarrei gleichsetzten mit dem Recht, die vormalige Pfarrkirche zu verkaufen. Beispiele wie die so genannte Brauereikirche in Pittsburgh zeigten, wie bedenkenlos katholische Gotteshäuser finanziellen Interessen geopfert würden.

Selten werden Pflegeheime und Katecheseschulen in liturgisch nicht mehr genutzten Kirchengebäuden dauerhaft eingerichtet. Und erfahrungsgemäß beginnt mit dem Verkauf ein Abstiegsprozess. Die Qualitätskurve der Nutzung fällt mit wechselnden Besitzern rasch ab. Um dem Teufel das Wasser abzugraben, ist aus Burkes Sicht Abreißen die sicherste Lösung.

Mahnungen an die Priester

Was bei Kirchengebäuden als Radikallösung bedenkenswert ist, verbietet die theologische Vernunft allerdings für die Liturgie. Welches Gewicht der Kenntnis der Tradition zukommt veranschaulichte Pater Sven Conrad FSSP. Nicht allein der formale Exorzismus befreie von dämonischen Mächten, sondern die gesamte Liturgie sei exorzistisch konnotiert. Manche Segensformeln könne man „als Prototyp eines Befreiungs- und Heilungsgebets sehen, ohne dass es sich um einen formellen Exorzismus handelt“. Ein Manko heutiger Theologie verlangt Conrad zufolge eine Antwort: die Effektivität der sakramentalen Riten näher zu untersuchen, die von der Einsetzung durch die Kirche abhängig seien.

Entscheidend für den erfolgreichen Kampf gegen den Teufel ist allerdings nach wie vor die geistliche Haltung des Priesters. Kardinal Burke warnte die Geistlichen davor, die Macht der Dämonen zu unterschätzen: „Die Seele des Exorzisten ist in Gefahr, wenn er der Täuschung erliegt, er selbst sei imstande, den Teufel vertreiben zu können“.