Der Papst und das Geschwätz der vorherrschenden Meinung

Schwerstarbeit für Vatikansprecher Lombardi – Auch der römische Weltjugendtag stand im Zeichen der Missbrauchsskandale

Rom (DT) Am Ende müssen selbst die Politiker Italiens alarmiert gewesen sein. Einen Monat lang, seit Bekanntwerden von Missbrauchsfällen im Umfeld der Regensburger Domspatzen, hatten die Medien Benedikt XVI. in den Mittelpunkt ihrer Skandalberichterstattung über die katholische Kirche gerückt. Erst genügte der Papstbruder Georg Ratzinger, dann war es der „Fall H“ in der Erzdiözese München und schließlich der pädophile Priester Murphy in der Erzdiözese Milwaukee, dessen Vergehen 1996 auf dem Schreibtisch von Tarcisio Bertone, dem damaligen Sekretär der Glaubenskongregation, landeten.

Doch immer war es der Papst selber, den Zeitungen und Fernsehen mit den Missbrauchsfällen in Verbindung zu bringen suchten. Ende vergangener Woche dann kamen die ersten Solidaritätsadressen: von Regierungschef Berlusconi, von Außenminister Frattini, vom römischen Bürgermeister Alemanno. Vielen mag es schon unheimlich vorgekommen sein, mit welcher Wut die säkulare Presse Papst Benedikt in den Schmutz zu ziehen versuchte.

So lag eine besondere Atmosphäre über dem Petersplatz, als Benedikt XVI. mit einem feierlichen Gottesdienst unter freiem Himmel die Woche des Gedenkens an das Leiden und Sterben Jesu Christi eröffnete. Etwa fünfzigtausend Jugendliche aus Rom und ganz Latium feierten mit dem Papst ein kleines Jubiläum: Zum 25. Mal fand an diesem Palmsonntag – diesmal im Rahmen der Diözesen vor Ort – der Weltjugendtag statt.

Bereits am vergangenen Donnerstagabend hatte Benedikt XVI. Jugendliche auf dem Petersplatz empfangen. Doch mancher wartete auch gespannt, ob der Papst etwas zu dem Dauerbeschuss sagen würde, dem er jetzt einen Monat lang ausgesetzt war. Ein Satz dann in seiner Predigt erregte Aufmerksamkeit: Christus, so sagte Benedikt XVI., führe die Menschen zu einem Leben in Wahrheit und „zu dem Mut, der sich nicht vom Geschwätz der vorherrschenden Meinung einschüchtern“ lasse. Hatte er damit die gegen ihn gerichtete Berichterstattung der Medien gemeint?

Klarer hatte in den Tagen zuvor Pater Federico Lombardi SJ gesprochen. Für den Vatikansprecher waren es Tage der Schwerstarbeit. Immer wieder stellte Lombardi vor Kameras und Journalisten klar, dass die Vergehen des Priesters Murphy erst 1996 der Glaubenskongregation gemeldet worden seien. Die „New York Times“ hatte vergangene Woche versucht, dem Papst aus diesem schweren Missbrauchsverbrechen einen Strick zu drehen. Nie habe es in der Glaubenskongregation oder im Vatikan eine Vorschrift gegeben, solche Fälle zu vertuschen oder staatlichen Stellen nicht zu melden. Lombardi erklärt und erläutert.

Auch Kardinal Walter Kasper gab Interviews. Mit einer deutlichen Erklärung stellten sich die französischen Bischöfe hinter den Papst. Diese Fastenzeit hatte es in sich. Die Medien in aller Welt schienen sich gegen Benedikt XVI. verschworen zu haben. Selbst Al Jazeera berichtete stündlich.

So sah er dann müde und abgespannt aus, als Papst Benedikt hinter der langen Reihe von Kardinälen und Bischöfen zum Obelisken auf dem Petersplatz schritt, um den Gottesdienst am Sonntag mit der Palmweihe zu eröffnen. Während der Prozession trugen die Geistlichen lange Palmzweige. Auch der Papst, der in einem offenen weißen Jeep über den Petersplatz fuhr, hatte einen kunstvoll geflochtenen Palmbüschel in den Händen. Auf dem Petersplatz und entlang der anschließenden Via Conciliazione waren Palmbäume aus der süditalienischen Region Apulien aufgestellt. Nach den Ostertagen werden sie in den vatikanischen Gärten und römischen Parks eingepflanzt. Der Papst selber nutzte den Tag, um einen politischen Appell an die Öffentlichkeit zu richten. Nach seinem Angelus-Gebet auf dem Petersplatz sagte er, dass er sehr betrübt sei über die jüngsten Zusammenstöße und Spannungen, zu denen es in Jerusalem gekommen ist. Diese Stadt sei die geistige Heimat von Christen, Juden und Muslimen. „Ich appelliere an die für das Geschick Jerusalems Verantwortlichen, mit Mut den Weg zum Frieden einzuschlagen und ihn mit Beharrlichkeit zu verfolgen“, sagte der Papst. Frieden sei ein Geschenk Gottes, das Gott der Verantwortung der Menschheit anvertraut habe, damit sie es in Dialog und Respekt vor den Rechten aller verwirkliche. „Jerusalem“, so Papst Benedikt weiter, „ist aber auch eine Prophezeiung und ein Versprechen der universalen Versöhnung, die Gott für die gesamte Menschheitsfamilie wünscht.“

Doch auch dieser Appell verhallte in den Medien. Wichtiger war ihnen die Meldung, dass der von der Presse oft als Gegen-Papst dargestellte ehemalige Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Maria Martini, in einem Zeitungsinterview forderte, die Zölibatsverpflichtung für Priester zu überdenken. In der Zeit der Angriffe zeigt sich zumindest jetzt, auf wen sich Papst Benedikt verlassen kann und auf wen nicht.

Die Jugend der Diözese Rom jedenfalls hat Benedikt XVI. nicht im Stich gelassen. Siebzigtausend waren am Donnerstagabend gekommen, um an einem bunten Treffen mit ihm teilzunehmen. Auf dem Petersplatz feierten sie zwischen Palmzweigen, die man schon für den Palmsonntag aufgestellt hatte. „Heiliger Vater, die Jugendlichen lieben Sie und danken Ihnen für das Zeugnis des Glaubens, das Sie in diesen Tagen geben, inmitten von Prüfungen und Unverständnis“, sagte Kardinal Agostino Vallini, Generalvikar des Bistums Rom, bei seiner Begrüßung.

Es sollte die einzige Anspielung auf die Medienkampagne gegen Papst Benedikt sein – und auf dem Platz gab es Beifall für diese Worte. Doch auch dieser Beifall kann nicht den Eindruck überdecken, dass sich das mediale Klima rund um den Papst nochmals verschlechtert hat. Ein deutscher Reporter, der wegen der Missbrauchsskandale eigens nach Rom gekommen war, beschreibt das Haltung vieler Redaktionen gegenüber Benedikt XVI. so: „Es wird kein Pardon mehr gegeben.“ Die Zeiten des „Wir sind Papst“-Gefühls sind in der säkularen Medienwelt endgültig vorbei.