Der Mann, der mit Gott sprach wie mit seinem Nachbarn

Wer war der Gründer des Oratoriums? Die älteste Biographie des heiligen Philipp Neri ist auf Deutsch erschienen. Von Urs Buhlmann

Heiter und mit gesundem Menschenverstand überzeugte Philipp Neri. Foto: KNA
Heiter und mit gesundem Menschenverstand überzeugte Philipp Neri. Foto: KNA

Das größte und aktivste Oratorium des heiligen Philipp Neri im deutschen Sprachraum ist bei der prächtigen Pfarrkirche SS. Rochus und Sebastian im dritten Wiener Gemeindebezirk zu finden. Neben einer vorbildlichen Pfarreiarbeit müht man sich dort besonders um die Veröffentlichung deutschsprachiger Literatur zu Philipp Neri und der von ihm gegründeten Priestergemeinschaft, die nicht mit anderen zu vergleichen ist. Die Oratorianer wirken nach außen hin wie eine Ordensgemeinschaft, sind dies aber nicht, weil sie keine Gelübde kennen und auch kein Orden sein wollen. Die untereinander völlig autonomen Häuser vereinen Diözesanpriester, die aufgrund freiwilliger Entscheidung und allein durch das Band der Liebe geeint miteinander leben wollen und im Verbund mit besonders interessierten Laien – die auch ihr eigenes Oratorium bilden – Seelsorge und Gottesdienst an einem konkreten Ort, nämlich der Pfarrkirche, verlebendigen wollen. „Erfinder“ dieses intensiven geistlichen Lebensstils ist der Hl. Philipp Neri (1515–1595), der zweite römische Stadtpatron – und das, obwohl er eigentlich Florentiner war. Seine Lebensbeschreibung, verfasst von Antonio Gallonio, (1556–1605) einem Oratorianer, der mit ihm in Rom lebte, ist jetzt in einer vorzüglichen Neuübersetzung von Alexander Wagensommer herausgekommen. In seinem Vorwort weist Egon Kapellari, emeritierter Bischof von Graz-Seckau, darauf hin, dass Philipp Neri im deutschen Sprachraum immer noch viel weniger bekannt sei als etwa seine Zeitgenossen Teresa von Avila oder Ignatius von Loyola. Tatsächlich hat es im deutschen Sprachraum auch nie so viele Oratorien gegeben wie in anderen Gegenden und der gegenwärtige Boom dieser Gemeinschaft in Großbritannien und den USA färbt auf die deutschen Oratorianer bislang nicht ab.

Doch wer sich mit dem Leben Neris beschäftigt, der von Goethe ebenso, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, geschätzt wurde wie von Newman, wird bald fasziniert sein von dem äußerlich unscheinbaren Mann, der eine ebenso glühende Gottesliebe hatte wie gesunden Menschenverstand und Humor.

Am Anfang – folgt man seinem Biographen Gallonio – wusste er wohl nur, dass sein Leben Gott gehören sollte, aber nicht, wozu und auf welche Weise. Schon in seiner Florentiner Jugend nannte man ihn den „guten Philipp“. 1533 kam er nach Rom, weil er offenkundig spürte, dass dies sein Bestimmungs- und Schicksalsort werden würde. Es war zunächst ein verborgenes Leben: „Er lebte sehr zurückgezogen und ohne Gesellschaft zu suchen in einem kleinen Zimmer. Er aß nur Brot mit Oliven, die er manchmal mit Kräutern würzte, und trank nur Wasser.“ Eine intensive Studienzeit der Philosophie und Theologie endete abrupt, als er 1537 alle seine Bücher verkaufte. Die Sorge um Arme und Kranke hatte er sich bereits zu Eigen gemacht. Der Besuch der sieben römischen Hauptkirchen – und zwar am liebsten, wenn sie leer waren – trat ebenso hinzu, wie er sich gelegentlich für eine Nacht in eine Katakombe einschließen ließ. Er fühlt sich Gott so sehr nahe, dass es manchmal für ihn nicht mehr auszuhalten war und er – so sein Biograf – ausrief: „Nicht noch mehr, o Herr, nicht noch mehr, denn ich bin ein sterblicher Mensch und kann nicht mehr ertragen“. Allmählich wird Philipp klarer, was Gott von ihm will. 1548 gründet er eine heute noch bestehende Bruderschaft zur Aufnahme von Pilgern und Pflege von Kranken und wird einige Jahre später Priester, was er ursprünglich nicht sein wollte. Zusammen mit seinem Beichtvater und einigen anderen Priestern lebte er bei der Kirche S. Girolamo della Carita.

In den folgenden Jahren bildete sich allmählich jene für das spätere Oratorium typische Lebensweise heraus: Wenige, aber unbedingt verpflichtende Gemeinschaftsübungen der Priester, eine große Bereitschaft zum seelsorglichen Gespräch und zur Beichte – oft hielt sich Neri die Hälfte des Tages im Beichtstuhl auf und wurde dort von hoch und niedrig aufgesucht – und zu bestimmten, wiederkehrenden Zeiten Treffen mit Priestern und Laien. Hier wurde zunächst vorgelesen aus der Schrift, den Kirchenvätern oder Heiligenviten. Man tauschte sich über das Gehörte aus, häufig gab es dazu passende Musik, die zum Beispiel von Neris Beichtkind Palestrina komponiert wurde. Die polyphone Hochform dieser zunächst einfachen Andachten gab der Gattung der „Oratorien“ den Namen. In einem heute für uns schwer vorstellbaren Maße – Biograph Gallonio zählt nüchtern die Stationen dazu auf – wird diese neuartige, ungezwungene und auch die Sinne ansprechende Form von Apostolat zu einer regelrechten Massenattraktion. Man nennt Philipp Neri auch den „Apostel von Rom“, weil es ihm gelang, inmitten der stetig wachsenden Stadt und unter den Römern, die seit jeher für ihre Skepsis, ja ihren Zynismus bekannt sind, wieder religiöse Begeisterung zu entfachen. Dutzenden weist er den Weg zum Priestertum und zum Ordensleben, für Päpste und Kardinäle wird er zum Vertrauten und Berater; das ihm wiederholte angebotene Kardinalat lehnt er ab.

Was aus Gallonios Lebensbeschreibung deutlich hervorgeht, ist Philipps fast schon unheimliche Gabe, Dinge vorauszusehen und Menschen tief ins Herz zu blicken. Aber auch Krankenheilungen und Totenerweckungen werden ihm zugeschrieben. Währenddessen wächst die Priesterschar, die nach Art von Philipp Neri und mit ihm leben will, unablässig, obwohl Philipp – ein Merkmal des Oratoriums bis heute – durchaus wählerisch in der Aufnahme von Kandidaten war. Seinen eigenen Tod sieht er voraus, der er nun mit seiner Gemeinschaft in der Chiesa Nuova (S. Maria in Vallicella) lebt, die dem Oratorium 1575 zugeteilt und nach dessen spezifischen Anforderungen errichtet wurde. In der Nacht nach dem Fronleichnamsfest – passend für jemanden, der stets mit größter innerer Anteilnahme die Messe feierte – starb Philipp 1595 – und wirkte noch nach seinem Tod Wunder.

Gallonio schließt seine Lebensbeschreibung mit einer Aufzählung der Tugenden, die er bei seinem geistlichen Vater besonders verwirklicht sieht: Demut, Liebe zum Gebet und zur Armut, Sanftmut, Umsicht, und – vielleicht überraschend für uns – die Gabe der Tränen. Er überliefert uns auch einige der Stoßgebete, die Neri für sich selber sprach und die er seine Schüler lehrte; sie zeigen seine ganz unbefangene Art, in der er mit Gott sprach: „Was soll ich tun, wenn du mir nicht hilfst, mein Jesus?“, „Ich suche dich und finde dich nicht, oh mein Jesus, komm du zu mir!“, „Räume alle Hindernisse aus dem Weg, Jesus, wenn du mich willst“.

Die verdienstvollen Herausgeber der Philipp Neri-Literatur im Wiener Oratorium, Markus Dusek und Pater Paul Bernhard Wodrazka, beschließen den mit zahlreichen Kupferstichen zu Begebenheiten aus dem Leben des Heiligen versehenen Band mit nützlichen Anmerkungen zum Wesen des Oratoriums, seiner Geschichte und seiner juristischen Verfassung, vor allem aber zu Spiritualität und Selbstverständnis.

Antonio Gallonio: Leben des heiligen Philipp Neri – Die älteste Biographie über Philipp Neri, hrsg. von Markus Dusek und Paul Bernhard Wodrazka, neu übersetzt von Alexander Wagensommer. EOS Verlag, St. Ottilien, 2017, 411 Seiten, ISBN 978-3-8306-7826-7,

EUR 29,95