Der Leidensweg der Kirche in Kuba geht weiter

Seit der Machtübernahme Castros leiden die Katholiken auf der Zuckerinsel – Märtyrer darf es offiziell aber nicht geben

München (DT) Die Kirche in Kuba hat keine offiziellen Märtyrer. Als der Bruder einer kubanischen Ordensfrau kurz nach dem Triumph der Revolution Fidel Castro aufsuchte, weil er um das Leben seiner Schwester fürchtete, beruhigte ihn der neue Machthaber: „Wir wollen keine Märtyrer.“ Die Revolution hatte ja schon ihre eigenen Märtyrer – andere sollte es nicht geben. Sofort wurden Ordensleute und Priester ausgewiesen. Viele Orden befahlen auch ihren Missionaren, nach Europa zurückzugehen. Die kommunistischen Verfolgungen im Spanien der Dreißigerjahre und in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg steckten ihnen noch tief in den Knochen. Diesmal blieb das befürchtete Blutbad aus. Dennoch wurde die Kirche dezimiert, ja amputiert.

Acht Monaten lang harrte ein einziger Priester allein in der Stadt Camagüey aus, wo zuvor mehr als 360 Ordensfrauen Schulen und Krankenhäuser geleitet hatten. Von achthundert Priestern im ganzen Land konnte nur jeder vierte bleiben, von zweitausend Nonnen blieb nur jede zehnte. Sonntags trafen sich die Menschen nun vor verriegelten Kirchen und beteten den Rosenkranz.

Dabei hatte die Kirche die Revolution anfänglich eher unterstützt als behindert. Der junge Revolutionär Fidel Castro selbst verdankte sein Überleben nach dem missglückten Anschlag auf die Moncada-Kaserne 1953 dem beherzten Eingreifen des damaligen Erzbischofs von Santiago de Cuba, Enrique Pérez Serantes. Acht Geistliche betreuten später die Aufständischen, die sich im Gebirge der Sierra Maestra versteckten.

Die Revolution bekämpfte den Diktator Batista und setzte sich für ein freies und demokratisches Kuba ein – so glaubten viele; auch die Kirche, die schon unter dem spanischen Kolonialismus und dann unter Batista an Unfreiheit litt. Ihre Hoffnungen wurden bitter enttäuscht. Ernesto „Che“ Guevara und Raúl Castro gingen immer stärker auf kommunistischen Kurs. Nach anfänglichem Lavieren tauschte auch Fidel die kubanische gegen die kommunistische Revolution.

Für die Kirche, die sich um Frieden bemühte, begann ein neuer Leidensweg. Anfangs hört man ihre Stimme noch klar und laut. Besonders der Erzbischof von Santiago de Cuba, der sich sieben Jahre vorher für das Leben der gefangenen Revolutionäre eingesetzt hatte, wird zum Sprachrohr gegen die sich andeutende Diktatur. Am 24. September 1960 schreibt der Erzbischof Pérez Serantes in einem seiner Rundbriefe: „Cuba, sí, comunismo no. Cuba, sí; esclavos, no“ – „Kuba, ja; Kommunismus, nein. Kuba, ja; Sklaven, nein.“ Er greift die Kommunisten an, die auf einmal damit prahlten, die Revolution herbeigeführt zu haben. Den Kampf hätten die Kubaner geführt, und diese seien keine Kommunisten gewesen. Die Kubaner seien für die Heimat gestorben, nicht die Emporkömmlinge aus Moskau, die jetzt über Heimat und Vaterland Predigten halten würden.

Die Antwort ließ nicht lang auf sich warten: Eine Diffamierungskampagne begann. Der Erzbischof und mit ihm die Kirche werden als Verräter des Volkes und der Revolution bezeichnet. Und dann kommt das Schweigen, das Verbot, das Stillhalten. Die Stimme des Erzbischofs Pérez Serantes, der in den Jahren zuvor mehr als zwanzig Briefe verfasst hat, verstummt aus Sorge um seine Schafe. Zwischen 1961 und 1969 gibt es kein einziges Schreiben mehr, keine Rundbriefe, keine Weihnachts- oder Fastenpredigt. Ordensleute, Bischöfe oder Kardinäle werden nicht umgebracht, sie werden totgeschwiegen. Anders ergeht es bekennenden Laien. Sie werden ins Gefängnis gebracht oder erschossen. Offiziell gelten sie aber als Landesverräter, nicht als Zeugen des Glaubens. Denn Fidel möchte ja keine Märtyrer.

Annäherung Castros an die Befreiungstheologie

In den Achtzigerjahren gibt es eine starke Annäherung zwischen Fidel Castro und den Bewegungen der Befreiungstheologie in Lateinamerika. Im Mai 1985 wird das Buch „Fidel und die Religion“ publiziert. Der Befreiungstheologe Frei Betto spricht mit dem „Kommandanten und Chef“ über Religion. Das zu tun ist also kein Tabu mehr. Das Wort „Gott“ darf wieder ausgesprochen werden. Die Kirche schöpft Hoffnung. Ein Jahr später handeln sich die Bischöfe neuen Ärger ein. In einem langen Dokument übernehmen sie von lateinamerikanischen Schwesterkirchen die kritische Sicht auf den Kapitalismus. Andererseits prangern sie an, wie sehr das christliche Volk in der kubanischen Gesellschaft stigmatisiert und diskriminiert wird. Die Distanzierung der kubanischen Kirche vom Kapitalismus und die Kritik am Embargo der Vereinigten Staaten werden von den Exil-Kubanern als Kooperation mit der Castro-Regierung interpretiert. In Miami fühlen sie sich im Stich gelassen und werfen der Kirche vor, nicht systemkritisch genug zu sein. Im eigenen Land aber wird die Kirche von der Partei des Verrats angeklagt, weil sie sich für die Rechte ihrer Gläubigen einsetzt: nicht für Fidel, nicht für den Kommunismus, also gegen das Vaterland und Kuba. Die Kirche möchte sich nicht in die Politik einmischen, aber sobald sie den Mund aufmacht, wird ihre Botschaft bewusst missverstanden. Die Kirche wird damit wieder zum Schweigen gebracht, die quälende Stille lastet jedes Mal mehr auf ihr. Die Kirche reagiert auf verschiedene Weise, die Rollen werden verteilt: Der Erzbischof von Santiago de Cuba, Meuricie Estiu, als Nachfolger von Pérez Serante, und der Erzbischof von Pinar del Río, Siro González, verkörpern den kritischen Widerstand gegen die Regierung.

Sie unterstützen Systemkritiker wie Oswaldo Paya oder Rigoberto Valdés und leiden deshalb am meisten unter den Repressalien des Staates. Dann gibt es diejenigen, die denken, es sei besser, still und aktiv zu sein als laut zu sprechen und so von den Kommunisten am Handeln gehindert zu werden. Zuletzt gibt es noch diejenigen, die eine Art Guerillakrieg führen. Sie kämpfen nicht in der Öffentlichkeit, sie führen den Kampf direkt mit der Partei und ohne Aufsehen: Anrufe, Briefe, Klagen, Beschwerden, Ablenkungen, Gespräche. Ein mühsamer Verschleiß-Krieg nach „Don Camillo und Peppone“-Art, der viele Kräfte kostet, aber auch Erfolge bringt. Nie aufgeben, noch einen Antrag, noch eine Anfrage und noch eine.

Es kommt der sogenannte „periodo especial“, die Sonderperiode. Die Mauer ist gefallen. Die Welt verändert sich grundlegend. In Kuba bleibt politisch alles beim Alten, wirtschaftlich versinkt das Land in Armut. Man wartet auf eine Veränderung in Kuba, umsonst. Die Welle der Emigranten wird größer. Tausende von Kubanern verlassen jährlich das Land, dabei auch viele engagierte Katholiken, die für das Wirken im eigenen Land unentbehrlich wären. Missionare und Ordensleute bekommen nur schwer eine Einreisegenehmigung. Wenn sie eine bekommen, ist sie auf zwei Jahre begrenzt. Sie müssen vorsichtig und klug sein, sonst ist es aus und sie müssen das Land wieder verlassen.

Im Januar 1998 war es endlich soweit. Schon lange wartete die Kirche auf den Besuch Johannes Pauls II. Die Katholiken in Kuba erleben einen Frühling des Glaubens und der Hoffnung. Vom Haus zu Haus gehen sie, um allen die frohe Nachricht zu verkünden. Sie erklären, wer kommen wird und laden alle zum Treffen mit dem Papst ein. Es wachsen die Hausgemeinden, die Katechese-Treffen, die Missionsarbeit. Die Regierung drückt ein Auge zu, Castro möchte einmal mehr ein Schauspiel aufführen und der Welt die vermeintliche Offenheit Kubas zeigen. Endlich bekommen auch die Bischöfe eine Genehmigung für ein Auto oder für den Wiederaufbau einer zerstörten Kirche. Die Monate vor dem Aufenthalt des Papstes gleichen einer Explosion, einer Auferstehung der Kirche.

Erzbischof Pedro Meurice wagt bei der offiziellen Begrüßung des Papstes in Santiago de Cuba vor Raúl Castro Unerhörtes auszusprechen: „Heiliger Vater, ich stelle Ihnen ein Volk vor, welches Vaterland mit Partei, Nation mit dem historischen Prozess der letzten Jahre, Kultur mit Ideologie verwechselt hat, ein edles, aber leidendes Volk.“

Nach dem Papstbesuch galt es zu „entpäpstlichen“

Sobald der Flieger nach Rom abgehoben hatte, wechselt die Regierung erneut ihre Richtung. Das Stichwort lautet: despapizar. „Entpäpstlichen“ soll man die Gesellschaft und sich so verhalten, als wäre der Papst nie dagewesen. Die Hand wird wieder zur Faust. Hilfsorganisationen wie „Kirche in Not“ oder Adveniat, deren Unterstützung für die kubanischen Katholiken lebenswichtig ist, können ein Lied davon singen. Hindernisse werden aufgestellt, Initiativen gelähmt. Der Hürdenlauf beginnt erneut. Die Enttäuschung tut dieses Mal noch mehr weh, denn die Hoffnung war sehr groß. Zehn Jahre später wartet die Kirche noch immer. Die beide Erzbischöfe Pedro Meurice Estiú und José Siro González sind emeritiert. Seitdem hat Kuba keine Propheten-Stimme mehr. Es bleiben einige eiserne Don Camillos und viele, die diskret aber beständig arbeiten und hoffen. Das schmerzhafte und qualvolle Schweigenmüssen der kubanischen Kirche in den letzten fünfzig Jahren geht weiter.