„Der Glaube kann China beflügeln“

Weltgebetstag für China am 24. Mai – Bischof Jin Luxian von Shanghai bestätigt die Dringlichkeit dieses Anliegens

Wien (DT) Mitten in der wichtigsten Wirtschaftsmetropole Chinas, umgeben von gigantischen Bürotürmen und schillernden Einkaufszentren, bietet sie ein ungewohnt anachronistisches Bild: sie erinnert an eine andere, untergegangene Welt. Vielleicht ist sie deshalb ein so beliebtes Fotomotiv für frisch vermählte Paare, egal welches religiösen Bekenntnisses: die St. Ignatius Kathedrale in Shanghai.

Drei Jahrzehnte Hausarrest und Umerziehungslager

1982 kehrte der Jesuitenpater Jin Luxian, damals 66 Jahre alt, zurück an jenen Ort, wo er 1945 seine Priesterweihe empfangen hatte. „Zum ersten Mal nach 27 Jahren stand ich wieder vor dem Altar der Kathedrale, an dem mein Leben als Priester begann“, erinnert sich der heute 92-Jährige. Fast drei Jahrzehnte hatte er unter Hausarrest, in Umerziehungscamps und im Gefängnis verbracht: die Kommunisten hegten wenig Sympathien für Religion. Was sie aus der einst so strahlenden Kathedrale der Stadt gemacht hatten, die vor der Kulturrevolution zu den bedeutendsten Kirchenbauten des Landes gezählt hatte, erschütterte Pater Jin dennoch: Die Kathedrale war in einen Kornspeicher umfunktioniert, die sakrale Kunst war aus der Kirche gestohlen oder gleich verbrannt worden. Die Türme hatte man abgetragen. „Es dauerte einige Zeit, bis wir wieder ordentlich Gottesdienst in dem Gebäude feiern konnten.“ Zelebriert werden durfte nur unter Beobachtung seitens des Geheimdienstes, Gebete für den Papst waren strengstens verboten. Die „Patriotische Vereinigung“, in der die chinesische Nationalkirche organisiert ist und die dem staatlichen Religionsbüro untersteht, hatte alles fest im Griff.

Seit damals hat sich viel geändert: Pater Jin ist heute Bischof von Shanghai, der größten und finanziell stabilsten Diözese Chinas mit 150 000 Katholiken und 141 Pfarren. Obwohl er außerhalb Chinas nicht sehr bekannt ist, dürfte er wohl eine der einflussreichsten und wichtigsten Persönlichkeiten des chinesischen Katholizismus der vergangenen fünfzig Jahre sein. Dabei war und ist er keineswegs unumstritten: Einerseits muss es ihm angerechnet werden, dass mittlerweile auch in der Staatskirche während jeder Messe für den Heiligen Vater gebetet werden darf. Andererseits, und das lasten ihm viele an, tritt er seit jeher für den Dialog mit den kommunistischen Machthabern ein und setzt auf Diplomatie. Außerdem ließ er sich ohne päpstliche Anerkennung zum Bischof der offiziellen Kirche ernennen.

Von Rom anerkannt wurde Bischof Jin, der fünf Sprachen spricht und unter anderem auch in Innsbruck studierte, später trotzdem. Das geschah nicht zuletzt deshalb, weil er im Dialog zwischen Vatikan und Peking einiges voranbringen konnte: So wurde sein designierter Nachfolger, Bischof Joseph Jing Wenzhi nicht nur von den staatlichen Autoritäten akzeptiert, sondern auch vom Heiligen Stuhl approbiert – ein Meilenstein für die katholische Kirche Chinas. Denn obwohl sich in den vergangenen Jahren die Situation der Katholiken generell verbesserte – das gilt auch für jene im Untergrund –, so ist China doch ein totalitär regiertes Land, das sich dem Atheismus verschrieben hat.

Das bestätigt auch Bischof Jin selbst: „Die aktuelle Regierung ist die beste, die wir je hatten. Vieles ist möglich geworden, was vor wenigen Jahren noch undenkbar war. Dennoch gibt es immer wieder große Schwierigkeiten in Bezug auf Religionsfreiheit.“ Damit spielt er nicht zuletzt auf den 24. Mai an, dem Festtag der Muttergottes von She-shan und dem vom Heiligen Vater ausgerufenen Weltgebetstag für China.

An diesem Tag findet jährlich eine nationale Wallfahrt mit zehntausenden Gläubigen nach She-shan statt. Heuer sollte auch Kardinal Zen mit einer großen Pilgergruppe aus Hongkong daran teilnehmen. „Nach den Ausschreitungen in Tibet wurde diese Veranstaltung quasi untersagt. Der Kardinal von Hongkong darf nicht einreisen. Uns avisierte man bereits starke Kontrollen“, so der Bischof von Shanghai. Über die Gebetsinitiative des Heiligen Stuhls für China freut sich Bischof Jin: „Die Kirche Chinas braucht das Gebet dringend, vor allem um ihre Einheit.“

Noch immer ist die Kirche gespalten: Neben der offiziellen Kirche gibt es auch eine Kirche im Untergrund. Sie akzeptiert die Bischofsernennungen seitens Pekings nicht und hält an der Unumstößlichkeit der apostolischen Sukzession fest. Allerdings verschwimmen die Grenzen zwischen offizieller und inoffizieller Kirche zunehmend. So gibt es in Orten wie Peking oder der Hebei-Provinz kaum Unterschiede. Man kennt sich, hilft sich gegenseitig. Die Katholiken der Staatskirche verehren den Papst ebenso wie ihre Brüder und Schwestern im Untergrund. Diese wiederum dürfen teilweise bereits in den offiziellen Kirchen heilige Messe feiern. Manchmal zelebriert man sogar gemeinsam. Leider ist das nicht überall so. In manchen Regionen herrscht tiefe Feindschaft zwischen den beiden Teilen der Kirche, zumeist dort, wo die Staatskirche nur auf dem Papier existiert und aus ein paar wenigen Funktionären besteht, während sich das Glaubensleben in den Untergrundkirchen abspielt. In Shanghai gibt es ein gutes Auskommen. Aber: „Es ist nicht immer leicht“, so der Bischof. Diese Aussage gilt nicht nur für die Beziehung der beiden Teile der Kirche, sondern beschreibt abermals die generelle Situation der Glaubenden. Männerorden sind in China nach wie vor verboten und somit in den Untergrund gedrängt. Es gibt mittlerweile zahlreiche Frauenorden, denen allerdings nur gebürtige Chinesinnen angehören dürfen und die von den Bischöfen zumeist mit sozialen Aufgaben betraut werden.

Für die Priester der Staatskirche verbesserte sich die Situation dennoch beträchtlich. So wurde erst kürzlich in einer schönen Pekinger Vorstadt das „National Seminary“, das nationale Priesterseminar fertiggestellt. Der Staat übernahm mehr als 90 Prozent der Finanzierung, fast vier Millionen Euro. Hier studieren Priesterseminaristen und Ordensfrauen aus allen Teilen des Landes. Mit den Autoritäten versucht man sich zu arrangieren. Der Dekan des Seminars, Father Chen Binshan, ist überzeugt, dass sich die Lage der Kirche stetig verbessert: „In einigen Jahre dürfen wir vielleicht sogar wieder Schulen eröffnen!“

In Peking ist Religion salonfähig geworden

Father Chens Zuversicht ist kein reiner Zweckoptimismus: „Zumindest in Peking ist Religion salonfähig geworden. Anfang April lud sogar Staatspräsident Hu Jintao in einer öffentlichen Ansprache die offiziell anerkannten Religionen Chinas –Buddhismus, Daoismus, Christentum und Islam – ein, an seinem Konzept der „harmonischen Gesellschaft“ mitzubauen. Religiöse Werte seien ein gutes Gegengewicht zu zunehmender Korruption und Moralverlust. Besonders das soziale Engagement der katholischen Kirche ist gern gesehen. Die Frauenorden leisten großartige Arbeit: sie betreuen Altersheime, kümmern sich um HIV-Patienten und versorgen eine stetig wachsende Zahl an Findelkindern – eine schockierende Konsequenz der chinesischen „Ein-Kind-Politik“, die in vielen Teilen des Landes noch immer traurige Realität ist.

Zumeist ist man dankbar, dass sich die Kirche dieser „Probleme“ annimmt: Mit den Kranken, Alten und Schwachen setzt man sich nicht gerne auseinander, denn all dies passt nicht in das hochdynamische Image der neuen Weltmacht China. „Harmonie“ – so das wichtigste Schlagwort der aktuellen Regierung – soll den zuvor propagierten Turbokapitalismus ablösen und bis auf weiteres die uneingeschränkte Macht der Kommunistischen Partei sicherstellen.

Bischof Jin will keine Revolutionen, er nimmt die politische Situation als gegeben hin. Für die Kirche prognostiziert er eine durchaus positive Zukunft: „Der christliche Glaube könnte China beflügeln. Er ist für Chinesen sehr attraktiv.“ Zuerst müsse aber die Kirche in Einheit und Liebe verbunden sein, so der Bischof. Dazu sei Versöhnung notwendig: „Die Kirche hat in China Schreckliches erlebt und viel gelitten. Nun müssen wir uns der Zukunft zuwenden und gemeinsam am Reich Gottes bauen.“