Der Dreischritt der Heiligung

Johannes Vilar betrachtet die Kunst, das Gewöhnliche außergewöhnlich gut zu tun. Von Hans Zier

Der Gedanke, das Leben als Schule zur Heiligkeit zu betrachten, hat die Jünger Jesu zu allen Zeiten inspiriert, ihr Bestes zu geben. Foto: Symbolbild: dpa
Der Gedanke, das Leben als Schule zur Heiligkeit zu betrachten, hat die Jünger Jesu zu allen Zeiten inspiriert, ihr Best... Foto: Symbolbild: dpa

Mitten in die Aufgeregtheiten der aktuellen Diskussionen um Ehe, Familie, Parteienbildungen in der Kirche wegen Amoris laetitia legt Johannes Vilar ein Buch vor, das den Leser nach einigem Zögern wegen seines Umfangs doch zum weiteren Stöbern und aufmerksamen Lesen durch seinen Aufbau, seine Methode und seine außergewöhnliche Kenntnisvermittlung dazu verführt, dass er es immer wieder in die Hand nimmt, es wie ein Nachschlagewerk benutzt, da es im „handling“ einem solchen nahekommt.

Der Titel „Nazaret – Leben und Arbeit der Heiligen Familie“ scheint zunächst nur fromm disponierte Leser anzusprechen. Doch schon ein Blick in das detaillierte Inhaltsverzeichnis ermöglicht nicht nur eine historische Übersicht über die sozialen und kulturellen Hintergründe des Lebens von Jesus und seiner „Naturfamilie“, sondern vermittelt gleichzeitig eine instruktive und leicht nachvollziehbare Entwicklung des Glaubensgutes der katholischen Kirche. Auch der Vollbluttheologe wird überreich bedient durch einen üppigen Fußnotenbereich, der ihm einen kirchen-, kultur- und sozialgeschichtlichen Überblick verschafft nach der Ratzinger-Methode: in wenigen Strichen ist das Wesentliche skizziert, die Belege können eingesehen werden. Und das Wesentliche lässt sich mit den zwei Brennpunkten einer Ellipse vergleichen: Zum einen den normalen Weg des Alltags auf göttliche Weise gehen durch außergewöhnlich gutes Vollbringen der gewöhnlichen täglichen Arbeit, zum anderen den familienhaften Charakter der Kirche entdecken, wie er in der Nazaret-Familie grundgelegt ist. Wahrscheinlich hat aus diesem Grund der Autor, geistiger Sohn des heiligen Josefmaria Escrivá, eigentlich zwei voneinander stark abgesetzte Buchteile wie zwei Bücher in einem Band zusammengefasst. Ein sehr ausführliches Stichwortverzeichnis erleichtert die Übersicht und das Nachschlagen.

Der rote Faden des Buches ist die lebensnahe Darlegung einer laikalen Spiritualität, die plausibel in vielen Facettierungen und ihren Ankerpunkten des Glaubensgutes der Kirche entwickelt und von einem gut ausgebildeten Klerus subsidiär unterstützt werden soll. Auch wenn die Kirchengeschichte – leider – Einseitigkeiten in diesem Verhältnis kennt und diese vom Autor mit genauen historischen Entwicklungen umrissen werden, so verweist Vilar in seinen Ausführungen immer wieder mit griffigen Beispielen auf den Nullpunkt im Koordinatensystem von lebendigem Glauben im Alltag und der Würde und dem Ziel des Christen. Er ist die permanente Einladung des Schöpfergottes zum Mittun an seinem Werk in einer wertechaotischen Zeit mittels eines fundierten Glaubenswissens und einem vorsehungsgläubigen, mutigen Tasten nach den Möglichkeiten des Apostolates, das in erster Linie durch das Lebenszeugnis des Christen geschieht.

Die Detailkenntnis jüdischen Brauchtums, vor allem der Werbung, der Eheschließung und der Rollenverteilung von Bräutigam und Braut wirft für manchen ein neues Licht auf das Verhältnis von Josef und Maria, unzureichende Übersetzungen erhalten schärfere Konturen, die Lebensstationen von Maria von der Verkündigung bis zum Pfingstereignis, die Exkurse in die Entwicklung der Dogmen der ersten Jahrhunderte zur Gott-Mensch-Natur von Jesus und die heilsgeschichtliche Rolle der Gottesgebärerin Maria münden ein in die Konzilstexte zur Kirche, die mit den mariologischen Texten zusammen die Mutter der Kirche und ihre Bedeutung für den gläubigen Christen erläutern. Im Spiegel der Gottesmutter wird eine hörende, fragende, auf die Werbung Gottes eingehende Kirche dem Leser vor Augen gestellt. Anhand der Vita von Josefmaria Escrivá zeigt Vilar die Bedeutung eines persönlichen Verhältnisses des Christen zu Maria auf in einer ,beschleunigten‘ Nachfolge Christi, einem vertieften Sakramentenverständnis und einem erleichterten Ahnen des Geheimnisses der Dreifaltigkeit. Ebenso wird das Liebesspiel des sich zeitweise verbergenden Gottes mit dem Menschen im schmerzhaften Erleben des Kummers, des Zweifels, der langen Trockenheit des Suchenden gerade in der drohenden Sinnlosigkeit anhand des Marienlebens zur Vergewisserung der anderen Nähe Gottes.

Keine Wirklichkeit ist einfach nur profan

In den Fußnoten lassen viele geglückte und missglückte Episoden in der Kirchengeschichte ein realistisches Bild bedeutender Heiligengestalten und der Spannung in jedem menschlichen Leben entstehen, das sich auf Gott einlässt. Eine bedeutende Figur ist dabei der „Nährvater“ Jesu, Josef, der hauptsächlich durch seine „Wachheit gegenüber dem Göttlichen“ und den außerordentlichen Mut im Glauben nicht nur in seiner Rolle der Sicherheit und der Existenzsicherung für die Nazaretfamilie dargestellt wird, sondern auch in seiner Erziehungskunst für die tätige Arbeit dieser einen Stellenwert verschafft, die vom Autor in einen großen Rahmen der Erlösungsordnung hineingestellt wird: Gott bedient sich der freien Mitarbeit der Menschen und er bedient sich der materiellen Dinge in seinem Regierungskonzept für die Welt. Von der materiellen Zeichenhaftigkeit der Sakramente zieht Vilar den Bogen zu deren Grund: der Menschwerdung des göttlichen Wortes. Von da an gibt es keine Wirklichkeit, die nur profan ist. Jede Tätigkeit des Menschen, richtig vollzogen, hat in sich schon ihren Eigenwert. Vilar entfaltet in diesem Zusammenhang die methodische Trias von Josefmaria Escrivá: die Arbeit heiligen – sich in der Arbeit heiligen – die Umwelt durch die Arbeit heiligen. Damit das auch möglich sein kann, legt er auch den Finger in die Wunden unserer Zeit: Mangel an Wertbewusstsein wegen fehlender Kenntnisse im ethischen Bereich, Ungerechtigkeit in der Verteilung notwendiger Güter, subtile Gewissensabstumpfung und sogar Gewissensentfremdung aufgrund der political correctness, aber auch die Gefahr eines Doppellebens des Christen in der Trennung von Sakralem und Beruflichem.

Besonders interessante Anregungen sind die über den Zusammenhang von Eucharistie und Arbeit; über die Pflicht des Staates, Rahmenbedingungen zu schaffen für eine der Würde des Menschen angemessene Arbeit, für deren Sinngehalt der Christ verantwortlich ist; über die Gefahren der Entfremdung in der Arbeit, wenn in demokratischen Systemen eine Nivellierung nach unten durch die Koordinaten von Macht und Wirtschaft eintritt; über die Möglichkeiten der Geistlichen Bewegungen, von denen er besonders die des Opus Dei, seine geistliche Heimat, vorstellt. Die Vita des Gründers Escrivá, sein Wirken, der lange Weg bis zur kirchlichen Anerkennung sind ein instruktives Kapitel, das manche Vorurteile zurechtrückt.

Vilar fasst in vier Punkten die Erziehung – hauptsächlich als Selbsterziehung aufgefasst – im Spannungsfeld von eigenem Tun und göttlichem Miterlösungsauftrag zusammen: eine höchstmögliche Kompetenz im eigenen Beruf, die Verbindung der natürlichen Tugenden mit dem Suchen nach den Quellen der Gnade Gottes, eine solide Bildung in der Lehre der Kirche und eine apostolische Ausstrahlung in der Familie und dem Berufsfeld mit starken eigenen Initiativen und persönlicher Verantwortung.

Anhand des Inhaltsverzeichnisses und des Stichwortverzeichnisses liest sich das Buch am besten in mehreren beziehungsweise vielen Ansätzen, je nach der persönlichen Interessenlage, zum aktuellen Tagesgeschehen, als Hinführung zum Katechismus der Kirche, als Gang durch die Kirchengeschichte, als Betrachtung über das irdische Leben von Jesus oder als Navi in einer vom Relativismus bedrohten Pastoral.

Johannes Vilar: Nazaret. Leben und Arbeit der Heiligen Familie. Bernardus-Verlag, 2016. 505 Seiten, ISBN 978-3-8107-0233-3, EUR 24,80