Den Glauben zum Leuchten bringen

Der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, im Gespräch über wiederverheiratete Geschiedene, den deutschen Dialogprozess, das „Jahr des Glaubens“, die Verhandlungen mit den Piusbrüdern und seine Arbeit im Vatikan. Von Regina Einig und Guido Horst

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller ist neuer Präfekt der Glaubenskongregation. Foto: R. Einig
Erzbischof Gerhard Ludwig Müller ist neuer Präfekt der Glaubenskongregation. Foto: R. Einig
Exzellenz, das jüngste Dekret der Deutschen Bischofskonferenz zum Kirchenaustritt hat den Wert des öffentlichen Bekenntnisses neu unterstrichen. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Überlegungen einiger deutscher Bischöfe, den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen neu zu regeln? Immerhin hat auch das Sakrament der Ehe eine gewaltige Bedeutung für das öffentliche Bekenntnis...

Das Dekret über den Kirchenaustritt betrifft ein bürgerliches Recht, sich zu einer vom Staat anerkannten Glaubensgemeinschaft zu bekennen oder auch sich von ihr – mit den entsprechenden Konsequenzen für den zivilen Status – loszusagen. Vor allem aber hat das natürlich Konsequenzen für die Glaubensgemeinschaft selber. Wir als Katholiken gehen von der Einheit der sichtbaren und unsichtbaren Kirche aus. Deshalb gehört das Band der Gemeinschaft, das heißt die Anerkennung der Autorität des Bischofs und des Papstes im öffentlichen Bekenntnis, wesentlich zum Christsein hinzu. Die kirchliche Gemeinschaft mit Christus ist von der sakramentalen Gemeinschaft mit Christus als Haupt und Leib, der die Kirche ist, nicht zu trennen. So ergibt sich als Folge und nicht als Grund und Bedingung, dass die Katholiken ihren Beitrag zur Sendung der Kirche in Martyria, Leiturgia und Diakonia leisten in der Form der Kirchensteuer aufgrund der Sozialpflichtigkeit ihres Eigentums.

Die andere Frage, die Sie ansprechen, betrifft die Tatsache, dass man nur im Stand der heiligmachenden Gnade zur heiligen Kommunion gehen kann, wenn man also frei ist von persönlichen schweren Sünden und sich in seinem Lebensstand in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche befindet. Die Ehe ist nach Gottes Gebot eine sakramentale Wirklichkeit, die nicht einfach nur von der persönlichen Befindlichkeit der Partner, von Mann und Frau, abhängt. Deshalb ist, auch wenn das manchmal falsch dargestellt wird, die Zulassung oder Nichtzulassung zur Kommunion nicht Belohnung oder Strafe, sondern ergibt sich aus der Natur des Sakramentes selber. Die gültig geschlossene sakramentale Ehe begründet ein ontologisches und in der Wirklichkeit der Gnade bestehendes Band. Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Deshalb ist, solange die erste Ehe gültig besteht, ein neuer Lebensbund nicht möglich. So ist auch die Rede von den „wiederverheirateten Geschiedenen“ theologisch ungenau. Es gibt ja keine Scheidung und es gibt auch keine Wiederheirat – es sei denn, dass der Partner verstorben ist. Hier wird also ein zivilrechtlicher Begriff manchmal vermischt mit der kirchlichen und theologischen Begrifflichkeit. Ich habe das auch kürzlich bei der Bischofskonferenz gesagt. Unsere Hauptanstrengungen müssen sich darauf richten, dass das Wesen der Ehe richtig verstanden wird, dass Ehe gelingt im Sinn des Wohls der Ehepartner, vor allem auch der Kinder. Erst von da aus können wir dann über pastorale Maßnahmen zu Gunsten der Menschen sprechen, die sich in einer irregulären Situation befinden. Wichtig ist auch, das Wohl der Kinder im Auge zu behalten, das vom Gesetzgeber und unserer Gesellschaft zu gering veranschlagt wird. Denn jedes Kind hat ein natürliches, in seiner unveräußerlichen Menschenwürde begründetes Recht, bei den eigenen Eltern zu leben. Es wird immer nur ausgegangen von dem Befinden der einzelnen Erwachsenen.

Welchen Spielraum haben dann die deutschen Bischöfe, wenn sie die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen immer wieder auf Nummer eins der Tagesordnung setzen?

Einen „Spielraum“ gibt es hier nicht, weil es nichts zu spielen gibt und weil die Sache sehr ernst ist. Somit können die Rollen nicht dergestalt verteilt werden, dass aus einzelnen Ländern sogenannte „Vorstöße“ kommen, die nicht mit dem Glauben übereinstimmen und eine pastorale Praxis vorschlagen, die im Widerspruch zum Glauben und zum Leben der Kirche steht. Dann wird die Glaubenskongregation in die Rolle des Bremsers und des Neinsagers hineinmanövriert. Diese Strategie schadet der Kirche schwer, vor allem wenn die veröffentlichte Meinung als Druckmittel benutzt wird. Stattdessen sind alle Bischöfe auf ihren katholischen Glauben festgelegt. Das, was die Glaubenskongregation sagt, ist nicht willkürlich und von irgendwelchen „engen und strengen“ Vorstellungen her entwickelt worden, sondern die deutliche Erinnerung an das, was für uns alle – Bischöfe, Priester, Ordensleute und jeden Getauften – gültig ist. Jesus hat die Trennung rechtmäßiger Ehegatten der „Hartherzigkeit“ überführt. Man muss nicht erst die Glaubenskongregation fragen, um zu wissen, was katholisch ist. Objektiv findet sich der katholische Glaube dargelegt in der Heiligen Schrift, in der Tradition, in der Liturgie und im Glaubensbekenntnis. Wir sind nur da, um es immer wieder neu in Erinnerung zu rufen.

Kardinal Joseph Ratzinger ist als Präfekt der Glaubenskongregation in Deutschland sehr oft auf Reizthemen festgelegt worden. Befürchten Sie für Ihre Person und Ihre Amtszeit dasselbe, wenn sich die deutschen Bischöfe im Rahmen des Dialogprozesses stark auf die üblichen Reizthemen festlegen?

Ich habe für meine Person keine Angst, wegen der Wahrheit angegriffen zu werden. Aber ich fürchte, wenn man das kirchliche Handeln auf diese Themen reduziert, dass man sich dann an der Kirche schuldig macht. Denn unsere Aufgabe ist es, positiv den Glauben zu verkünden: als Kraft zum Leben für die Menschen. Wenn wir uns nur auf Dinge festlegen, die von Teilen einer antikatholischen Medienwelt vorgegeben werden, dann versäumen wir unsere eigentliche Aufgabe, nämlich das Evangelium mit Wort und Tat vorzuleben. Man muss sich einmal anschauen, wie es aussieht bei Menschen, die wenig mit dem Glauben zu tun haben, die nicht praktizieren, die keinen letzten Sinn im Leben kennen und die unter den ganzen gesellschaftlichen Schäden leiden, die wir zu beklagen haben, mit der Zerstörung der Familien, den mangelnden Prinzipien in der Erziehung, den oft suboptimalen Möglichkeiten für junge Menschen, ihre eigene Würde zu erfahren und im Kontakt mit denen bestätigt zu bekommen, denen sie anvertraut sind, von den Eltern über die Erzieher bis hin zu den Seelsorgern. Ich glaube, da liegt in der Pastoral und Verkündigung ein weites Feld vor uns, das zur Wüste wird, wenn wir das Wasser des Lebens nicht ausgießen.

In Regensburg hat man Ihnen zum Abschied bescheinigt, dass Sie als Steuermann an der Spitze des Bistums das Schlagtempo im Kirchenschiff erhöht haben. Haben Sie ähnliche Pläne für Ihre Tätigkeit im Vatikan?

Ich habe keine „Pläne“. Vielmehr ist es meine Aufgabe, alle klar an ihre Aufgaben zu erinnern. Die Bischöfe haben die Sendung, nicht Führer von innerkirchlichen Fraktionen zu sein oder Flügel- und Randgruppen zu bedienen oder sich zu deren Exponenten zu machen. Stattdessen steht das Bischofsamt für das Prinzip der Einheit der Kirche mit Christus, ihrem Haupt. Die Einheit der Kirche wird nicht zwischen verschiedenen Parteiflügeln diplomatisch-politisch hergestellt, sondern sie ist die Einheit, die durch Jesus Christus bereits geschenkt ist. Wir glauben an die eine Kirche und machen sie nicht nach Menschenmaß. Wir bekennen uns zur einen Kirche – und wenn wir uns an das halten, was Christus uns gegeben hat, an die geoffenbarte Wahrheit, dann wissen wir, was wir zu tun haben. Dann vergeuden wir unsere Energie nicht in sinnlosen Kämpfen gegeneinander, sondern wir setzen uns ein für den Aufbau des Reiches Gottes. Es kann nicht sein, dass beim Bau des Hauses der eine Teil der Familie immer wieder einreißt, was der andere Teil aufgebaut hat. Wir müssen gemeinsam arbeiten und den göttlichen Plan dieses heiligen Tempels unter der Leitung des kundigen Architekten ausführen.

Der Vatikan ist in den vergangenen Jahren mit Fällen in die Schlagzeilen geraten, die alles andere als angenehm waren. Da waren der Fall Williamson oder der Missbrauchsskandal. Aber etwas ganz Merkwürdiges war nun die geheimnisvolle Dokumentenflucht, der man den Namen „Vatileaks“ gegeben hat. Haben Sie ein bisschen Angst, hier zu arbeiten? Befürchten Sie, dass Dinge, die Sie an das Staatssekretariat schicken oder an den Heiligen Vater, dann irgendwo anders wieder auftauchen?

Was überall unter uns sündigen Menschen vorkommt, ist kein Spezialität der Kurie. Ich glaube, dass die meisten Männer und Frauen, die hier arbeiten, sich voll und ganz einsetzen und dass sie es nicht verdient haben, wegen einzelner Personen, die sich in irgendeiner Weise etwas zuschulden haben kommen lassen, einer Art Kollektivverdächtigung ausgesetzt zu sein. Ich glaube nicht, dass ich als wachsweich gelte oder vor lauter Rücksicht auf mich selbst das Wohl der Kirche aus dem Auge verliere.

Zu den unerledigten Hausaufgaben der Kirche in Deutschland gehört die vom Heiligen Vater geforderte Katechese zur korrekten Übersetzung der Wandlungsworte, Stichwort „pro multis“ – „für viele“. Wie soll es Ihrer Meinung nach damit weitergehen? Wo soll die Kirche in Deutschland da ansetzen?

Das ist ein Thema im Rahmen eines übergeordneten Ganzen. Es geht darum, dass die Übersetzung des „pro multis“ wortwörtlich sein muss, weil es sich um Worte des Herrn handelt. Die Lehre ist damit nicht tangiert. Wir glauben nach wie vor an einen allgemeinen Heilswillen, der auch biblisch bezeugt ist, während das „pro multis“ ein Zitat aus dem Buch Jesaja ist, wo von dem einen Gottesknecht die Rede ist, der für die vielen Glieder des ganzen Volkes das stellvertretende Sühneleiden auf sich nimmt und das Heil bewirkt. Aber es geht nicht um eine Katechese, die nur diese Frage behandelt, sondern um die Vermittlung des Glaubens überhaupt. Die Grundaussagen unseres Glaubensbekenntnisses, die wesentlichen Formen der Anbetung Gottes, die Feier der Sakramente sind nicht genügend bekannt. Und da kann man eine Unbekannte nicht mit der anderen Unbekannten erklären. Wir brauchen eben auch die grundlegende Katechese im Religionsunterricht, die auf die Frage antwortet: Was heißt eigentlich Christsein? Was ist Nachfolge Jesu, wie wird die Liebe möglich zu Jesus Christus, zu Gott, dem Vater und zu seinem Sohn im Heiligen Geist inmitten seiner Kirche? Es kommt darauf an, dass der gesamte Glaube zur Geltung kommt, denn dieser ist nicht ein menschlich konstruiertes, kompliziertes System, bei dem der „Normalmensch“ nicht mehr durchblickt. Es geht vielmehr um die eine Wahrheit, die Gott selber ist, der sich uns in Jesus Christus als Mensch geschenkt hat. Das Wesentliche ist im Glaubensbekenntnis enthalten. Die Wahrheit wird mitgelebt in den Sakramenten, in der Freude über die Seligpreisungen der Bergpredigt und im Gehorsam zu den Geboten Gottes, die Wegweisungen sind zum ewigen Leben und zum Glück des Menschen.

Ich komme noch einmal auf das Stichwort Katechese zum Thema „pro multis“ zurück, weil der Papst es in seinem Brief an die Bischöfe ausdrücklich angesprochen hat. In den Pfarreien merkt man davon bisher nichts. Wo kann man jetzt ansetzen?

Hier ist die ganze Erlösungslehre angesprochen, der universale Heilswille: Alle Menschen sind gemäß dem biblischen Zeugnis und der Lehre der Kirche in Christus schon erlöst. Vom freien Willen hängt ab, ob wir die uns zugesagte und verwirklichte Erlösung und Versöhnung der Menschen mit Gott durch Jesus Christus auch annehmen. Christus hat tatsächlich durch sein Blut, durch seine Lebenshingabe für alle Menschen die Tür zum Vater aufgetan. Es hängt vom freien Willen ab, ob wir annehmen, dass wir schon im Voraus angenommen sind.

Was kann man zu den Verhandlungen mit den Piusbrüdern sagen? Ist seitens der Kurie noch von einem Ultimatum die Rede?

Verhandlungen über das Glaubensgut kann die Kirche niemandem anbieten. Die Kirche ist kein Verhandlungspartner, wenn es um die Wahrheit geht, und sie will und kann von ihr getrennte Teile auch nicht auf dem Verhandlungsweg zurückbekommen. Es geht um einen Dialog, in dem erklärt wird, was eigentlich die Lehre der Kirche sagt und wie das Zweite Vatikanische Konzil in dem von den Piusbrüdern als problematisch angesehenen Punkten zu interpretieren ist, und zwar im Kontext der gesamten Tradition und mit Blick auf das Ganze der christlichen Glaubensaussagen. Wie weit das dann von diesen Gruppen akzeptiert wird, hängt auch von ihrer Einsicht und ihrem Willen ab, aber wir können nicht um den Preis der äußeren Einheit einen Kompromiss zugestehen. Es geht um das Verständnis kirchlicher Grundaussagen. Der Papst hat die Sendung, seine Brüder im Glauben zu stärken, aber er kann den geoffenbarten Glauben nicht einem Kompromiss zwischen gegensätzlichen Meinungen preisgeben. Man kann um der Einheit willen den Piusbrüdern zugestehen, dass sie die Liturgie in der außerordentlichen Form feiern, aber das berührt nicht die dogmatischen Fragen. Unterschiedliche liturgische Formen gibt es auch in den unierten Kirchen, deren Sakramente wir voll und ganz anerkennen. Aber der Glaube an die Sakramente ist der gleiche.

Die Ergebnisse von mehreren Gesprächen mit den Piusbrüdern wurden in einer Vorlage zusammengefasst, die diese Punkte wieder aufgreift und im Sinn des katholischen Glaubens erklärt. Nun liegt es an den Piusbrüdern, diese als Voraussetzung für die „plena communio“ zu akzeptieren. Aber wir können sie nicht zwingen. Der Heilige Vater hat getan, was seines Amtes ist, eben alles zu tun, um die Einheit zu ermöglichen. Diese Weitherzigkeit des universalen Hirten wartet bis heute vergeblich auf den ihr gebührenden Dank. Großherzigkeit ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der Herzenswärme des guten Hirten, die zuweilen auch Eisblöcke auftauen kann.

Das nun beginnende „Jahr des Glaubens“ wird in Deutschland als eine Folie des Dialogprozesses wahrgenommen. Wie geht das zusammen: Glaubensbekenntnis und Dialog?

Das Glaubensbekenntnis ist immer und überall die Grundlage. Es entsteht aus dem Dialog der Kirche mit Christus, weil das Wort Gottes gedankenführend ist. Gott offenbart sich uns im fleischgewordenen Wort, in Jesus Christus, dem wir im Gehorsam des Glaubens entsprechen. Die Erwartungen an den deutschen Dialogprozess soll man nicht übertreiben. Manche verbinden damit die abwegige Vorstellung, dass nun irgendwie die Sexualmoral der Kirche verwässert wird oder einzelne Aussagen des Glaubens an den Zeitgeist angepasst und gesellschaftskonform gemacht werden, so dass wir von den Meinungsführern nicht mehr so kritisiert werden. Aber das bequeme Mitschwimmen im mainstream kann nicht das Ziel dieser Gespräche über martyria, leiturgia und diakonia sein. Es wird nicht an der Unauflöslichkeit der Ehe und an den Voraussetzungen für den Kommunionempfang gerüttelt werden. Ordinatio sacerdotalis bleibt gültig und umfasst das ganze Weihesakrament in seinen drei Stufen, also auch den sakramentalen Diakonat. Daran werden auch Unterschriftenaktionen, die in Mode gekommen sind, nichts ändern. Es kommt nicht auf die Medienprominenz der Unterzeichner an, vor allem dann, wenn der geoffenbarte Glaube auf ein zivilreligöses Christentum reduziert wird. Das „christliche Menschenbild“, das in Parteiprogrammen beschworen wird, ist nicht das Maß für die zu erzielende Einheit im Glaubensbekenntnis als Ziel der Ökumene. Dieser Aktionismus beruft sich auf das II. Vatikanum, widerspricht aber in wesentlichen Teilen massiv dem Konzil, etwa wenn es Überlegungen gibt, das „Verhältnis von Priestern und Laien“ auf neue Füße zu stellen. Man fragt sich wirklich, ob das dritte und vierte Kapitel von Lumen gentium schon zur Kenntnis gelangt sind. Nicht wir tarieren das Verhältnis von „Priestern und Laien“ in der Kirche aus, sondern wir erkennen die sakramentale Verfassung der Kirche an. Was aus den Kulissen der medienwirksam inszenierten Vorgänge hervorlugt, ist ein unkatholisches Denken und eine antisakramentale Sichtweise der Kirche. Wir sind nicht gegen den „Dialog mit den Bischöfen auf Augenhöhe“, aber der Ausdruck ist falsch, weil er unterstellt, die hierarchische Verfassung der Kirche sei eine Art Herrschaft der Kleriker über die Laien. Natürlich reden wir als ganz normale und vernünftige Menschen, als Brüder und Schwestern, miteinander in einem freundlichen Umgangston. Es geht aber nicht um Über- und Unterordnung, sondern darum, dass Christus selber innerhalb der Gemeinschaft der Glaubenden den Sendungsauftrag erteilt und der Heilige Geist in das Amt des Lehrers, des Verkünders und des Hirten beruft, womit eine besondere Kompetenz verbunden ist, nämlich Christus zu repräsentieren. Das kann man nicht vergleichen mit einem politischen Amt oder einem karrieristischen Anspruch auf persönliche Macht und Geltung. Es geht um die geistliche Vollmacht, die mitgeteilt wird, um die Kirche Gottes zu lehren, zu leiten und zu heiligen. Die ganzen Missverständnisse, Polemiken und ideologischen Verquertheiten zeigen, dass all das nicht der Weg zu einer wirklichen Erneuerung der Kirche in ihrem Herrn Jesus Christus sein kann.

Vor gut einem Jahr endete der Papstbesuch in Deutschland. Wie sind die Impulse aufgenommen worden, die der Heilige Vater gegeben hat?

Die Rede im Bundestag hat eine ganz gute Resonanz gefunden. Bedeutsam ist alles, was gesagt wurde über das Verhältnis von Kirche und Staat, den Dienst der Kirche am Allgemeinwohl, die Orientierung über das rein Positivistische hinaus an allgemeinverbindlichen Grundeinstellungen, Ideen und Werten. Die Freiburger Ansprache ist dagegen von interessierter Seite bewusst missverstanden worden. Man beißt sich fest an einzelnen Worten – so wie bei der Regensburger Vorlesung –, ohne den ganzen geistigen Duktus zur Kenntnis zu nehmen. Man versperrt sich dem Zusammenhang, um sich der Herausforderung an die Kirche von heute zu entziehen. Es ist klar, was mit „Entweltlichung“ der Kirche gemeint ist. Im sechzehnten Jahrhundert hat man der Kirche vorgeworfen, sie sei zu weltlich, zu sehr in die Strukturen dieser Welt und dieser Gesellschaft mit Geld und Macht involviert. So kam es dann zu dem Vorwurf, das Evangelium werde verraten. Es geht darum, dass die Kirche in der Welt eben ihre eigene geistliche und nicht eine weltliche Aufgabe neben andern wahrnimmt. Die Welt und wir Menschen sollen von Gottes Gnade verwandelt, erneuert und geheiligt werden, so dass die Welt auf Gott hin geöffnet wird und die Menschen nicht in einem sinnlosen Immanentismus und absurden Säkularismus ihre göttliche Berufung verspielen oder verschlafen.

Ich möchte noch einmal auf die Geschichte der Kongregation in der Ära Ratzinger zurückkommen. Die intellektuellen Glaubensgegner der Kongregation, die in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Erscheinung getreten sind, Küng oder auch manche lateinamerikanischen Befreiungstheologen, sind nun in die Jahre gekommen. Mittlerweile scheint eher die Basis zu bröckeln. Ungehorsame Pfarrer und Gemeinden treten häufiger auf den Plan. Welche Möglichkeiten hat die Glaubenskongregation, diesem schleichenden Glaubensverlust von Rom aus Paroli zu bieten?

Ich glaube nicht, dass das die Basis ist. Die Basis der Kirche ist das geoffenbarte Wort Gottes. Unsere Aufgabe ist es, nicht nur disziplinär zu antworten, sondern das Verständnis dafür neu zu erwecken, was katholisch ist, und dass die Verkündigung und die pastoralen Maßnahmen des Papstes und der Bischöfe keine äußeren Disziplinierungsmaßnahmen sind, sondern im Evangelium wurzeln. Wir wollen das Bewusstsein stärken, dass wir nicht einfach das machen und konstruieren können, was uns gefällt oder was bei einer säkularisierten Mentalität gut ankommt. Stattdessen wollen wir das Prophetische des Evangeliums wahren und zur Sprache bringen – gerade in den Aspekten, wo der allzeit auf Eigennutz und Bequemlichkeit zielende Zeitgeist sich an ihm reibt. Es ist nicht so, dass die Kirche da falsch liegt und sich anpassen müsste. Aber die Kirche kommt mit einer für diese Mentalität sperrigen Verkündigung, weil sie das Wohl des Menschen im Lichte Gottes im Auge hat. Wenn wir gegen Euthanasie sind, dann nicht, weil wir alte Leute leiden lassen wollen, sondern weil wir ihre Würde achten. Wenn wir immer betonen, dass der ungeborene Mensch seine Würde hat und nicht getötet werden darf, sind wir vielleicht nicht konform mit der Mentalität eines lebensmüde gewordenen Europas, aber das gereicht uns zur Ehre. Wo die breite Masse hinläuft, muss nicht immer das Paradies sein. Da haben wir im zwanzigsten Jahrhundert genug Lehrgeld gezahlt und wissen, dass die Parole „ macht euch dieser Welt gleichförmig“ falsch ist.

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone hat erklärt, dass Benedikt XVI. eine Enzyklika oder ein päpstliches Schreiben über den Glauben verfasst. Können Sie das bestätigen oder wird aus Ihrem Hause etwas kommen zum „Jahr des Glaubens“?

Alles Entscheidende kommt vom Papst selbst. Die Kurie steht nur in seinem Dienst. In seinen Enzykliken und Rundschreiben macht er positiv deutlich, was Liebe und Hoffnung bedeuten. Jetzt im „Jahr des Glaubens“ ist der Glaube das Thema. Der Papst will die Schätze, die im Glauben liegen, sichtbar machen und das Schöne des Glaubens zum Leuchten bringen. Er will die Vorurteile überwinden, die zum Nachteil der Menschen gereichen, wenn sie den Glauben, den Gott uns geschenkt hat, als eine Last ansehen, als eine Summe von unverdauten Wahrheiten und Verhaltensvorschriften. Aber ich glaube, wenn man vom Zentrum ausgeht – Glaube als personale Beziehung zu Gott, Liebe zu ihm, das feste Vertrauen auf sein Wort, das er uns in Christus gegeben hat –, dann zeigt sich, dass der Glaube ein Weg zum Leben und zum Glück des Menschen ist und dass der Glaube schon die Seligkeit enthält, die er verheißt.

Wann wäre mit einem Papstschreiben zum Glauben zu rechnen? Als krönender Abschluss des Glaubensjahres oder zum Auftakt?

Mittendrin, sicher nicht an einem beliebigen Datum, sondern verbunden mit der Botschaft des Kirchenjahres, mit den großen Geheimnissen des Glaubens wie dem Weihnachts- oder dem Ostermysterium.