Das abgekürzte Wort

Papst Benedikt XVI. und die Weihnachtspredigt der Kirchenväter

In der Heiligen Nacht des Jahres 2006 predigte Papst Benedikt XVI. in der Christmette über das „abgekürzte Wort.“ Dabei griff der Papst auf die Schriftauslegung der frühen Kirche zurück: „Die Kirchenväter lasen in ihrer griechischen Übersetzung des alten Testaments ein Wort des Propheten Jesaja, das dann auch Paulus zitiert, um zu zeigen, wie die neuen Wege Gottes im Alten Testament schon vorhergesagt waren. ,Gott hat sein Wort kurz gemacht, es abgekürzt‘, hieß es da.“ Diese Aussage hätten die Väter in einem zweifachen Sinne auf die Menschwerdung des Gottessohnes angewendet. Zum einen sagten sie: „Der Sohn ist das Wort, der Logos; das ewige Wort hat sich klein gemacht – so klein, dass es in eine Krippe passt. Es hat sich zum Kind gemacht, damit uns das Wort fassbar werde.“

Die tiefe Einfachheit Jesu

Eine zweite Deutung des Satzes „Gott hat sein Wort kurz gemacht“ habe sich auf das Verhältnis des Alten Testamentes zum Neuen Testament bezogen: „Das Wort, das Gott uns in den Büchern der Heiligen Schrift mitteilt, war lang geworden im Lauf der Zeit. Lang und unübersichtlich ... Jesus hat das Wort ,kurz gemacht‘ – uns seine tiefste Einfachheit und Einheit wieder gezeigt.“ Auch habe Christus selbst seine Botschaft und die des Alten Bundes in einem Satz zusammengefasst: „Alles, was Gesetz und Propheten uns lehren, ist vereinigt in dem einen Wort: ,Du sollst den Herrn deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit all deinen Gedanken ... du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst‘ (Mt 22, 37–40). Das ist alles – der ganze Glaube ist bezogen auf diesen einen Gott und Menschen umfassenden Akt der Liebe.“ Beide Deutungen, wie Gott sein Wort „kurz macht“, bilden das Geheimnis der Menschwerdung Gottes: „Er ist nicht mehr weit entfernt .... Er hat sich zum Kind gemacht für uns ... Er hat sich zu unserem Nächsten gemacht und so auch das Bild des Menschen wiederhergestellt ...“

Abschließend hat der Papst noch als dritte Bedeutung des „abgekürzten Wortes“ die eucharistische Dimension angesprochen: „Und noch einmal sehen wir, wie klein er sich gemacht hat: In der demütigen Hostie, eines Stückchens Brot, gibt er sich uns selbst.“ In der Einheitsübersetzung ist im Römerbrief das „abgekürzte Wort“ nicht zu finden. Dort heißt es: „Denn der Herr wird handeln, indem er sein Wort auf Erden erfüllt und durchsetzt (9, 28).“

In einer katholischen Bibelübersetzung von 1763 ist das „abgekürzte Wort“ noch enthalten: „Dann er wird das Wort vollenden, und abkürzen in Gerechtigkeit: dann der Herr wird ein abgekürzt Wort machen auf Erden“ (Röm 9, 28). Es handelt sich dabei um eine Übersetzung aus der lateinischen Bibel, der sogenannten Vulgata: „Verbum enim consummans et abbrevians in aequitate, quia verbum breviatum faciet Dominus super terram“ (Ein zusammengefasstes und abgekürztes Wort in Gerechtigkeit hat der Herr über der Erde gemacht).

Paulus zitiert im neunten Kapitel des Römerbriefes Jesaja nach dem griechischen Alten Testament. Wörtlich übersetzt: „Denn er wird das Wort vollenden und rasch beenden in Gerechtigkeit, denn ein rasch beendetes Wort wird er auf der ganzen Erde durchführen.“

Die deutsche Einheitsübersetzung der Jesajastelle richtet sich demgegenüber ganz nach dem hebräischen Text: „Die Verurteilung ist beschlossen, die Gerechtigkeit flutet heran. Ja, Gott der Herr der Heere, vollstreckt auf der ganzen Erde die Vernichtung, die er beschlossen hat“ (Jes 10, 22–23). Bereits Origenes (gest. 253/254), der Begründer der christlichen Bibelauslegung, hat das verbum abbreviatum aus dem Römerbrief allegorisch, das heißt christologisch, gedeutet: „,Ein Wort, das erfüllt und verkürzt in Gerechtigkeit, ein verkürztes Wort wird der Herr auf der Erde vollbringen‘ ... Wir können auch das ganze Wort der Lehre ein verkürztes Wort nennen. Denn was das Gesetz und die Propheten zwar in aller Breite der Vorschriften enthielten, das verkündete der Herr bei seinem Kommen, indem er sagte: ,Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit allen deinen Kräften; und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘.“

Papst Benedikt folgt Origenes

Die Auslegung von Papst Benedikt stimmt erstaunlich genau mit der des Origenes überein. Der Wiederentdecker des verbum abbreviatum war der von Joseph Ratzinger schon in der Studienzeit sehr geschätzte, französische Theologe und Jesuitenpater Henri de Lubac (1896–1991). Pater de Lubac hat die Auslegungsgeschichte des verbum abbreviatum angefangen von Origenes, dem Vater der christlichen Schriftauslegung, zu Hieronymus und Augustinus und von diesen dann in das lateinische Mittelalter zu Bernhard von Clairvaux und den Zisterziensertheologen zu Petrus Abaelard und Rupert von Deutz und der Scholastik zurückverfolgt. Er hat herausgefunden, dass das „abgekürzte Wort“ seit Bernhard von Clairaux das beliebteste Thema der Weihnachtspredigten im Zisterzienserorden gewesen ist. Vor allem aber hat Lubac erkannt, dass die Lehre vom „abgekürzten Wort“ der Schlüssel zur Schriftauslegung der Kirchenväter ist und als Basis einer eigentlich christlichen theologischen Bibelauslegung unverzichtbar ist. Zusammengefasst verstehen die Väter und die Theologen des Mittelalters unter dem Begriff verbum abbreviatum nach Lubac Folgendes: In der Menschwerdung des Gottessohnes ist aus den vielen Worten der alttestamentlichen Schriften das eine Wort geworden. Im ewigen Logos hatte der Alte Bund bereits im voraus seine Einheit gehabt und erst mit seiner Menschwerdung ordnen sich die vielen widersprüchlichen Aussagen zu Hinweisen auf seine Person. Alle Inhalte des Gesetzes und der Propheten werden in Christus zusammengefasst und erhalten erst durch ihn ihren vollen Sinn. In der Gestalt eines Menschen erscheint das Wort verdichtet und abgekürzt.

Wie der Papst in seiner Predigt unterscheidet Lubac eine zweifache Auslegung des „abgekürzten Wortes“: Die erste Bedeutung besagt, dass das göttliche Wort in dem Sinne abgekürzt wurde, dass der unfassbare ewige und allmächtige Gott sich klein gemacht, verkürzt hat zum Kind in der Krippe. Die zweite Erklärung besagt, dass alle Worte der Schrift sich in Jesus Christus konzentrieren, erfüllen und von ihm verwandelt werden. Erst vom Christusereignis her wird der Sinn des Alten Bundes erschlossen. So ereignet sich im menschgewordenen Gottessohn eine doppelte Verkürzung und Zusammenfassung. Pater de Lubac konnte nachweisen, dass die Lehre vom verbum abbreviatum, auch wenn die Auslegung von Römer 9, 28 umstritten bleibt, dem paulinischen Prinzip der allegorischen, das heißt christologischen Schriftauslegung entspricht, das der Völkerapostel an zahlreichen Stellen seiner Briefe exemplarisch angewendet hat: Christus ist die Mitte der Schrift, nur in ihm enthüllt sich der Sinn der Heilsgeschichte. Außerdem entspricht die Lehre vom abgekürzten Wort gänzlich dem Anfang des Hebräerbriefs wo es heißt: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, ...“ (Hebr 1, 1–2).

Der Logos ist klein geworden

Ebenso muss auf die Übereinstimmung mit dem Prolog des Johannesevangeliums hingewiesen werden. Das auf Erden abgekürzte Wort ist der ewige präexistente Logos der Mensch geworden ist (vgl. Joh 1, 14). Darum kann Lubac mit Recht über die Lehre vom verbum abbreviatum sagen: „In dieser einfachen Wahrheit, in der tatsächlich der ganze christliche Glaube enthalten und zusammengefasst ist, kommen alle Christen überein.“ Es gibt eine ausdrückliche Bezugnahme auf das „Väterwort“ vom verbum abbreviatum im Schrifttum des Papstes aus der Zeit vor seiner Wahl zum Pontifex Maximus. In den Aufsätzen zur Eucharistielehre, die 2001 unter dem Titel „Gott ist uns nah“ erschienen sind, fasste Kardinal Ratzinger die beiden Bedeutungsdimensionen zusammen: „Der Logos hat sich zusammengezogen, ist klein geworden. Dies gilt in doppelter Weise: Der unendliche Logos ist klein geworden, ein Kind. Aber auch: Das unermessliche Wort, die ganze Fülle der Heiligen Schrift, hat sich zusammengezogen in diesen einen Satz, in dem Gesetz und Propheten versammelt sind.“

Mit seiner Weihnachtspredigt hat sich der Heilige Vater ganz in die Tradition der geistigen Schriftauslegung gestellt, wie sie von Pater de Lubac erforscht worden ist. Der Papst will damit die Unverzichtbarkeit einer theologischen Schriftauslegung, die nach der Lehre vom „abgekürzten Wort“ nur die christologische Auslegung sein kann, für die Gegenwart herausstreichen. Dies wird auch durch das christologische Hauptwerk von Benedikt XVI. „Jesus von Nazareth“ (2007) bestätigt. Darin bekennt sich der Papst ausdrücklich zum Prinzip der christlichen Bibelauslegung: „Gewiss, die christologische Hermeneutik, die in Jesus Christus den Schlüssel des Ganzen sieht und von ihm her die Bibel als Einheit verstehen lernt, setzt einen Glaubensentscheid voraus und kann nicht aus purer historischer Vernunft kommen. Aber dieser Glaubensentscheid trägt Vernunft – historische Vernunft in sich und ermöglicht es, die innere Einheit der Schrift zu sehen ...“

Der Papst wendet auch die typologische Auslegungsmethode mit der Mose-Christus-Typologie an, die das gesamte Werk bestimmt: „Jesus ist der endgültige, der größere Mose ...“