Vatikanstadt

Das Wichtigste: die Haltung der Dankbarkeit

In einem Brief an alle Priester der Welt zeigt Papst Franziskus Wege auf, sich angesichts der Missbrauchskrise nicht entmutigen zu lassen.

Papierrolle mit Aufschrift "An meine Mitbrüder im Priesteramt"

Wieder einmal hat Papst Franziskus die Missbrauchskrise in der Kirche zum Anlass genommen, einen Brief zu schreiben. Er richtet sich an die Priester, beziehungsweise an die „Mitbrüder im Priesteramt“, eine Anrede, mit der Franziskus seine besondere Nähe zum Klerikerstand der Kirche zum Ausdruck bringen will, der vielerorts wegen der Verbrechen an Schutzbefohlenen in Misskredit geraten ist. Bereits in seinem Schreiben an das „pilgernde Volk Gottes“ in Chile vom Mai 2018 hatte Franziskus auf das durch die Missbrauchskrise erschütterte Vertrauen der dortigen Katholiken reagiert.

Auch in dem Brief an das gesamte „Volk Gottes“ auf Erden vom August 2018 anlässlich der Enthüllungen in den Vereinigten Staaten und in dem Schreiben an die dortigen Bischöfe vom Januar dieses Jahres, die sich damals zu Geistlichen Exerzitien versammelten, um nach den Missbrauchsskandalen einen vom Glauben getragenen Neuanfang zu gestalten, ging der Papst auf dieses Thema ein. Jetzt, am „160. Todestag des heiligen Pfarrers von Ars, den Pius XI. zum Patron aller Pfarrer der Welt erklärt hat“, wendet sich Franziskus also an die Priester. Ein Kuriosum: Der Brief, an dessen Ende sich der Papst kurz mit „Brüderlich, Franziskus“ verabschiedet, ist unterzeichnet zu „Sankt Johannes im Lateran“ – und nicht wie sonst bei ähnlichen Schreiben der Päpste zu „Sankt Peter in Rom“ oder aus dem Vatikan.

Ein Wort des Vaters

Es ist kein Schreiben, in dem Papst Franziskus die Priester nur mahnt oder gar geißelt, sondern ein Wort des Vaters, das angesichts der Trauer über eine Krise aufrichten soll, wie die Themen der vier Kapitel nach der Einführung – „Schmerz“, „Dankbarkeit“, „Lebensfreude, „Lobpreis“ – bereits zeigen. Einleitend hebt Franziskus hervor, dass sich die Priester nicht alleine fühlen dürfen, wenn sie wegen Verfehlungen, die andere begangen hätten, von den Menschen missachtet würden. In ihren Bischöfen müssten die Kleriker einen Rückhalt spüren.

So habe er etwa den italienischen Bischöfen gesagt, dass es notwendig sei, „dass die Priester in ihrem Bischof die Figur des älteren Bruders und Vaters finden, der sie in diesen schwierigen Zeiten ermutigt, sie anspornt und sie auf dem Weg unterstützt“. Und der Papst fügt hinzu: „Als älterer Bruder und Vater möchte auch ich Euch nahe sein, an erster Stelle, um Euch im Namen des heiligen gläubigen Gottesvolkes für all das zu danken, was es von Euch empfängt, und meinerseits, um Euch dann zu ermutigen, die Worte zu erneuern, die der Herr am Tag unserer Weihe so liebevoll gesprochen hat und die den Quell unserer Freude darstellen: ,Ich nenne euch nicht mehr Knechte [...] Vielmehr habe ich euch Freunde genannt‘.“

Im Kapitel über den „Schmerz“ möchte Franziskus nicht nur die „schwarzen Schafe“ in den Blick nehmen, sondern vor allem das viele Gute, das Priester überall in der Welt tun: „Ohne den von einigen unserer Brüder verursachten Schaden zu leugnen oder zu verkennen, wäre es ungerecht, viele Priester nicht anzuerkennen, die beständig und tadellos alles, was sie sind und haben, zum Wohl der anderen aufwenden und eine geistliche Vaterschaft leben, die mit den Weinenden zu weinen weiß.“

"Die Salbung Gottes enttäuscht nie"
Papst Franziskus an die Priester

Das Kapitel über die „Dankbarkeit“ hebt den Dank an die erste Stelle der inneren Haltungen, die der Priester leben soll. So sei es „schön, wenn ein alter Priester von jenen Kleinen – nunmehr Erwachsenen – umgeben und besucht wird, die er am Anfang getauft hat und die mit Dankbarkeit kommen, um ihm ihre Familie vorzustellen! Da haben wir entdeckt, dass wir gesalbt worden sind, um zu salben, und die Salbung Gottes enttäuscht nie.“

Der Papst zitiert „einen großen Meister des priesterlichen Lebens aus meiner Heimat, Don Lucio Gera“, der einmal zu Priestern in schwerer Zeit gesagt habe: „Immer, aber vor allem in den Prüfungen, müssen wir zu jenen lichtvollen Augenblicken zurückkehren, in denen wir den Ruf des Herrn erfahren haben, unser ganzes Leben seinem Dienst zu weihen.“

In Momenten der Schwierigkeiten, der Hinfälligkeit wie auch der Schwäche und in Augenblicken, in denen unsere Grenzen deutlich werden, ist es für Franziskus „die schlimmste aller Versuchungen, ständig über die Trostlosigkeit nachzugrübeln und dabei den Blick, das Urteilsvermögen und das Herz trüb werden zu lassen. Dann ist es wichtig – ich würde sogar sagen entscheidend –, nicht nur die dankbare Erinnerung daran zu bewahren, als der Herr in unser Leben getreten ist, die Erinnerung an seinen barmherzigen Blick, der uns zum Einsatz für ihn und sein Volk einlädt, sondern auch den Mut zu haben, sie in die Tat umzusetzen...“.

Warnung vor Trostlosigkeit und Fatalimus

Das längste Kapitel ist das über die „Lebensfreude“. Traurigkeit, die Trägheit des Herzens – die „acedia“ –, Trostlosigkeit und Fatalismus seien die größten Gefahren, wenn Rückschläge einen entmutigen würden. Die Antwort seien Jesus Christus und die Freude, die aus dem Vertrauen in den Herrn erwachse. „Diese Freude erwächst nicht aus unseren willens- oder verstandesmäßigen Bemühungen, sondern aus dem Vertrauen zu wissen, dass die Zusage Jesu an Petrus weiterhin gilt: Im Augenblick, in dem du ,gesiebt‘ wirst, vergiss nicht: Ich selbst ,habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt‘ (Lk22,32). Der Herr ist der erste, der für dich und für mich betet und kämpft. Und er lädt uns ein, völlig in sein Gebet einzutauchen.“

„Brüder“, ruft der Papst den Priestern zu, „erkennen wir an, dass wir schwach sind; ja, aber lassen wir auch zu, dass Jesus uns verwandle und uns immer wieder aussendet. Verlieren wir nicht die Freude, uns als ,Schafe‘ zu empfinden und zu wissen, dass er unser Herr und Hirte ist.

Das letzte Kapitel „Lobpreis“ richtet den Blick auf Maria. Sie, die Frau, deren Seele ein Schwert durchdrungen habe, „lehrt uns, zu loben und dabei fähig zu sein, den Blick auf das Zukünftige zu richten und der Gegenwart wieder Hoffnung zu geben“, schreibt der Papst. Und er schließt mit den Worten: „Lassen wir es zu, dass die Dankbarkeit den Lobpreis erweckt und uns einmal mehr zu der Sendung ermutigt, unsere Brüder und Schwestern in der Hoffnung zu salben; dass wir Männer sind, die mit ihrem Leben das Mitgefühl und die Barmherzigkeit bezeugen, die nur Jesus uns geben kann.“