„Das Salz in der Suppe“

Joachim Schroedel, Pfarrer der deutschsprachigen Katholiken in Jordanien über die Christen im Nahen Osten und den Besuch des Heiligen Vaters

Joachim Schroedel, Priester des Bistums Mainz, ist im Auftrag des Katholischen Auslandssekretariats der Deutschen Bischofskonferenz seit 1995 Pfarrer für die deutschsprachigen Katholiken in Ägypten, Libyen, Syrien, Jordanien, Libanon, Sudan, Eritrea und Äthiopien. 2001–2003 war er auch für das Heilige Land zuständig. Mit ihm sprach Christoph Hurnaus.

Monsignore Schroedel, Sie haben gerade Amman besucht. Wie ist der Stand der Vorbereitungen für den Besuch von Papst Benedikt XVI. in Jordanien?

Meine Besuche gelten eigentlich immer der kleinen deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Jordanien und natürlich auch Mitbrüdern, die mir in der Seelsorge helfen. In diesen Tagen ist das anders; vieles dreht sich um den Papstbesuch, der meiner Beobachtung nach sehr intensiv und überlegt vorbereitet wird. Der Heilige Vater kommt als Pilger – aber zugleich ist diese Reise wohl seine bislang schwierigste Pilgerfahrt. Die kirchlichen Stellen tun alles, dass der leider so kurze Aufenthalt gelingt.

In Jordanien sind etwa vier Prozent der Bevölkerung Christen. Man hört immer wieder, dass das Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen im hashemitischen Königreich gut funktioniert. Welche Erfahrungen haben Sie dort in der Seelsorge gemacht?

Der Vater von König Abdallah II., der so beliebte König Hussein, hatte alle seine Untertanen als „Kinder Abrahams“ bezeichnet. Bekannt sind die verschiedenen Dialoginitiativen von Prinz Hassan. Jordanien hat mit etwa 5, 5 Millionen Einwohnern eine sehr überschaubare Struktur; fast mag man sagen: jeder kennt jeden. Und es gibt einige urchristliche Dörfer oder kleine Städte, in denen die Christen die Mehrheit sind. Madaba, die Heimat des neuen lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal, gehört dazu. Alle Christen, die einheimischen und die mehrere zehntausend Menschen umfassende Zahl der Ausländer, wie zum Beispiel etwa 25 000 Philippinos, können ihr Christsein offen leben.

In der jordanischen Hauptstadt Amman leben tausende Christen, die aus dem Irak vertrieben wurden. Glauben Sie, dass durch die Präsenz des Papstes eine Chance besteht, das vergessene Leid dieser Menschen der Weltöffentlichkeit neu vor Augen zu stellen?

Die etwa 20 000 Chaldäer sind nur ein Teil der Flüchtlinge, die in Jordanien sind. Man muss sich klarmachen, dass 70 Prozent der jordanischen Bevölkerung Nachkommen der etwa 800 000 Palästinenser sind, die nach der Staatsgründung Israels (1948) und dem Sechstage-Krieg (1967) in Jordanien Zuflucht gefunden haben. Der Papst besucht somit in Jordanien auch palästinensische Christen, die aus Bethlehem oder Jerusalem stammen, aber nicht mehr zurückkehren können. Diese Tragödie dauert nun schon über 60 Jahre an. Bei der Begegnung mit ihnen wird der Heilige Vater mit viel Klugheit reden, denn angesichts der harten Haltung Israels haben doch auch einige Christen Kritik an seinem Besuch Israels angemeldet. Es ist auch das Leid vertriebener Palästinenser, Muslime und eben Christen, dem Benedikt XVI. begegnet.

Benedikt XVI. besucht neben Jordanien und Israel auch die Palästinensergebiete. Wie kann es dem Papst gelingen, den vielen Erwartungen, die in ihn gesetzt werden, zu entsprechen?

Er wird, wie alle Besucher und Pilger auch, durch die Mauer, die rings um die sogenannten „Selbstverwaltungsgebiete“ gezogen ist, nach Betlehem kommen. Allein diese Erfahrung wird dem deutschen Papst, der weiß, welches Unheil eine Mauer darstellt, sehr schmerzhaft sein. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn der Heilige Vater auch nach Gaza gereist wäre – aber diese Möglichkeit hat er wohl nicht eingeräumt bekommen. So bleibt ihm das, was er als Mann Gottes und Führer der Kirche tun kann; Gerechtigkeit anmahnen und um Frieden beten. Und als Pilger wird er Menschen begegnen, die den Hirten brauchen.

Auch die Jubiläumspilgerreise von Johannes Paul II. im Jahr 2000 stand im Vorfeld unter keinem sehr guten Stern. Dennoch gelang es ihm, die Herzen aller für sich zu gewinnen. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass auch Papst Benedikt dies gelingen kann?

Johannes Paul II. gewann die Herzen der Orientalen durch sein Alter, seine schon damals deutlich zu spürende Behinderung und seine gerade auch wegen seines Alters bereits körperlich zu spürende Demut. Für Juden zumal war er einer, der aus einem Land mit ehemals großer jüdischer Tradition kam und selbst unter dem Hitlerregime leiden musste. Für den deutschen Papst sind wohl die Begegnungen in Israel selber besonders schwierig. Und da wir in den letzten Monaten oft erleben mussten, dass seine liebevollen Gesten der Versöhnung innerhalb der Gesamtkirche so missverstanden wurden, wird er wohl sehr scharf beobachtet werden. Fast mag ich sagen, dass derjenige, der Böses will, sicher auch bei dieser Pilgerreise des Heiligen Vaters etwas findet, das man zum Aufhänger der Feindseligkeit machen kann. Aber ich denke dennoch, dass bei den arabischen Christen und Muslimen zuerst der Respekt gegenüber seiner Person zählt, nicht zuletzt wegen seines Alters, das bei Orientalen von großer Bedeutung ist. Und der Heilige Vater wird vor allem durch seine demütige und schlichte Art die Menschen überzeugen.

Welche Botschaft dürfen die Christen des Heiligen Landes, die inzwischen zu einer kleinen Minderheit geworden sind, von ihrem Papst erwarten?

Die Christen des Nahen Ostens sind das Salz in der Suppe. Zuviel Salz würde ohnedies schaden. In Bethlehem und Jerusalem hat das begonnen, was heute die weltumspannende Christenheit ist. Aber auch in den ersten Jahrhunderten waren die Christen keine Mehrheit. Es kommt nicht so sehr auf die Zahl, sondern auf die Qualität an. Und hier haben die Christen des Nahen Ostens bedeutende Beiträge geliefert, etwa im Bildungsbereich. Die Botschaft des Papstes wird das Wort Jesu sein: Fürchte dich nicht, Du kleine Herde!

Spätestens seit dem Papstbesuch in der Türkei ist zu einem echten Dialog mit dem Islam gekommen. Was darf man sich diesbezüglich von dieser Reise erwarten?

Der theologische Dialog mit dem Islam ist schon weit vor der berühmten Regensburger Rede geschehen. Denken Sie nur an die schon über 30 Jahre alte Einrichtung der „Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle“ (CIBEDO) in Frankfurt. Der Papst kommt jedoch, wenn er ins Heilige Land diesseits und jenseits des Jordan reist, als Pilger, nicht als Dialogführer. Seinen Besuch in der neuen König-Hussein-Moschee verstehe ich zu allererst als Reverenz gegenüber seinem Gastgeber in Jordanien, König Abdallah II., für dessen Vater ja die Moschee gebaut wurde.

Sie kennen durch Ihre seelsorgliche Tätigkeit alle Länder des Nahen Ostens. Gibt es ein Land, das Sie als Modell für den Dialog zwischen Muslimen und Christen bezeichnen würden?

Jedes Gespräch zwischen Muslimen und Christen soll zu größerer Toleranz führen. In den Ländern des Nahen Ostens müssen Christen und Muslime miteinander leben. Der „Dialog des Lebens“ ist freilich dabei das Entscheidende. Die täglichen Herausforderungen des Lebens, die Armut in manchen Ländern des Nahen Ostens, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus – dazu muss man nicht zuerst einen interreligiösen Dialog führen. In Ägypten sagt man: Man kann über alles reden – nur nicht über Religion! Der Dialog auf der intellektuellen Ebene wird weiter in Europa geführt und er ist wichtig. Entscheidend aber sind die Ergebnisse eines solchen Dialogs für die Länder des Nahen Ostens eher nicht. Keiner der Dialogpartner wird darauf zielen, den anderen überzeugen zu wollen; dies wäre kein Dialog, sondern Mission.

Heute müsste vielmehr ein Dialog zwischen Atheismus und Religion geführt werden. Der in den letzten Jahren deutlich erstarkte und profilierte Islam wird nicht zuletzt dadurch gefördert, dass er in Europa auf weite Strecken Glaubenslosigkeit oder Gleichgültigkeit findet. Die harte Kritik am Papst während der vergangenen Monate haben viele Muslime erschreckend gefunden.

Der Gaza-Krieg hat neue Wunden und eine Eskalation der Gewalt in die schon schwer belastete Beziehungsgeschichte zwischen Israelis und Palästinensern gebracht. Was ist notwendig, damit ein echter dauerhaften Friede im Nahen Osten eine Chance hat?

Sie fragen einen Priester, keinen Politiker. Aber ich kenne das Heilige Land seit meinem Studium 1976 in Jerusalem auf dem Zionsberg. Damals sagten mir arabische Freunde: Wir sollten uns mit den Israelis arrangieren; sie haben die guten Kontakte in die ganze Welt, besonders zu den USA, wir können unsere orientalische Mentalität und Gelassenheit einbringen. In den zurückliegenden 33 Jahren ist sehr viel Blut geflossen und die Fronten scheinen völlig verhärtet zu sein. Und wohl daher redet heute fast jeder von der „Zwei-Staaten-Lösung“. Dies würde aber bedeuten, dass der Staat Palästina zu einem Ghetto würde (wie es die besetzten Gebiete heute ja schon sind), eine „Selbstverwaltung“ würde immer nur von Israels Gnaden aus erfolgen. Die wütende Enttäuschung vieler Araber im Heiligen Land, die freilich bei der Frage anzuwendender Gewalt Christen und Muslime deutlich teilt, ist gewiss zu verurteilen – und dennoch zu verstehen.

Durch Gesetz ist es einem Israeli verboten, in die besetzten Gebiete zu reisen. Millionen kennen somit diese Gebiete nur durch die Medien. Mir sagte einmal ein Israeli: ich würde nie dort hin gehen; dort wohnt der Teufel! Die Initiativen zum gegenseitigen Kennenlernen sind minimal und werden oft sogar – von welcher Seite auch immer – behindert. Aber gerade hierin läge die Lösung; Palästinenser und Israelis müssen einander begegnen, man darf sie, um der Zukunft der beiden Völker willen, nicht auseinander halten, erst recht nicht mit einer Mauer.

Die Aufgabe der Christen im Heiligen Lande ist es, durch Bildung und religiöse Erziehung wenigstens den christlichen Teil der Palästinenser zum Dialog mit und zur Toleranz gegenüber den Israelis zu erziehen. Freilich ist auch Israel gefordert. Doch echter Friede? Den werden wir wohl erst am jüngsten Tag erleben.