Das Kreuz eines harten Jahres

2010 stand für Papst Benedikt im Zeichen der Missbrauchskrise – Doch diese hat eine Vorgeschichte. Von Guido Horst

Nun ist die Eiterbeule des Missbrauchs ein zweites Mal geplatzt. Foto: dpa
Nun ist die Eiterbeule des Missbrauchs ein zweites Mal geplatzt. Foto: dpa

Rom (DT) Auch das zurückliegende Jahr war für Papst und Vatikan ein Zeitraum, in dem bereits seit längerem bekannte Missstände und kurzfristig eingetretene Schwierigkeiten wie Regenwände eines hereinbrechenden Gewitters den Blick auf die eigentlichen Vollzüge des kirchlichen Lebens verhängt haben. Ein besonderes Kennzeichen dieses an dramatischen Augenblicken reichen Jahres: Nicht nur die führenden Medien des Westens, sondern auch einfache Gläubige und die kircheninterne Öffentlichkeit schauten dabei weniger auf die auch 2010 nie abgerissene Verkündigung des Papstes als Lehrer des Glaubens, sondern darauf, ob sich der Vatikan als „Krisenreaktionszentrum“ bewähre. Das war eine Erblast des vorangegangenen Jahres 2009, in dem der „Fall Williamson“ eine eklatante Schwäche der zuständigen Organe der römischen Kurie erwiesen hatte, eine heikle, aber in sich stimmige Entscheidung des Papstes so zu kommunizieren, dass jeder Mensch guten Willens versteht, wie sie gemeint ist.

Das folgende Zitat aus dem Mund eines Kurienkardinals in dem nicht zufällig im vergangenen Sommer veröffentlichten Buch „Attacco a Ratzinger“ (Angriff auf Ratzinger) der beiden italienischen Vatikanberichterstatter Paolo Rodari und Andrea Tornielli greift keine Medienspekulationen auf, sondern die Stimmung im Vatikan: „Auch wenn der Heilige Vater de facto nicht einsam ist“, so der Kurienkardinal, der anonym bleiben wollte, „auch wenn er von treuen Menschen umgeben ist, die versuchen, ihm zu helfen, wird er, objektiv betrachtet, bei vielen Gelegenheiten alleine gelassen. Es gibt keine Gruppe, die ihn angemessen unterstützt, die bestimmte Probleme zu verhindern weiß oder darüber nachdenkt, wie wirksam reagiert werden kann. Die versucht, seine eigentliche Botschaft klarzumachen und zu verbreiten, die so häufig verdreht wird. Tatsächlich lautet die Frage, die am häufigsten gestellt wird: Und wann kommt die nächste Krise?“ Das war die Ausgangslage. Und das Bild vom stürzenden Papst, den eine junge Frau zu Beginn der Christmette vor einem Jahr zu Boden gerissen hatte, schien es auf sinnfällige Weise zu verdeutlichen: Der deutsche Papst ist angeschlagen, das Pontifikat des brillanten Intellektuellen Joseph Ratzinger, das einen neuen Frühling im sich gegenseitig befruchtenden Dialog zwischen Glaube und Vernunft, zwischen Kirche und Wissenschaft versprochen hatte, muss sich durch die Etappe mit ihren Fußangeln und Fallstricken kämpfen.

Auf dem Höhepunkt der Missbrauchskrise, es war ausgerechnet die Karwoche 2010, als die Leitmedien des Westens und vor allem die angelsächsische Presse über den Rücktritt des Papstes spekulierten, fragte sich auch manch Gutgläubiger in Rom, wie es um die „governance“ im Vatikan, letztlich um die Regierungsfähigkeit des Papstes, bestellt sei. Ein Rückblick am Ende eines harten Jahres kann kein Anlass sein, hier eine abschließende Bilanz zu ziehen. Aber eines ist ganz deutlich festzuhalten: Benedikt XVI. hat sich von den „voci“, vom Stimmengewirr im Vatikan und um den Vatikan herum nicht beeindrucken lassen. Er hat weder seinen Kardinalstaatssekretär ausgetauscht noch die Pressearbeit des Vatikans reformiert, er hat keine „spin doctors“ und PR-Strategen angestellt, keine Dialog-Prozesse initiiert oder Kommissionen eingerichtet. Stattdessen ist der 83 Jahre alte Pontifex seinen Weg gegangen, er hat die Dinge getan, auf die er sich versteht, er hat sich nichts aus der Hand nehmen lassen und – nach vorheriger Beratung, nach Studium und viel Gebet – seine eigenen Entscheidungen gefällt. Mit anderen Worten: Von Anfang an wollte Papst Benedikt das Kreuz eines „harten Jahres“ auf die eigene Schulter nehmen und die Kirche selber durch die Krise führen.

Dabei gab es keine vorgefertigten Lösungen. Ende 2009 war das Ausmaß des Missbrauchsskandals in Irland bekannt. Was der „Ryan Report“ für die Einrichtungen der irischen Kirche und der „Murphy Report“ speziell über die Zustände in der Erzdiözese Dublin zutage gefördert hatten, war schlicht und einfach katastrophal: Nicht nur zahlreiche Kleriker hatten sich durch Vergehen an Kindern und Jugendlichen schuldig gemacht, sondern auch weite Teile der Hierarchie. Man hatte den Skandal vertuscht, schuldige Priester gedeckt und versetzt, sich um die Opfer nicht gekümmert. Mitte Februar ruft der Papst 24 irische Bischöfe nach Rom. Das abschließende Kommunique ist hart. Und der Brief an die irischen Gläubigen, der im März folgt, ist ebenso deutlich im Ton wie im Inhalt. Mehrere Bischöfe treten zurück.

Anders verfährt Benedikt XVI. mit der Kirche in Deutschland. Am 20. Januar hatte der Jesuitenpater Klaus Mertes mit einem Brief an die ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs den Stein ins Rollen gebracht. Als Mitte März der Konferenzvorsitzende Robert Zollitsch dem Papst über die Maßnahmen der deutschen Bischöfe berichtet, scheint dieser dem Episkopat seiner Heimat zu vertrauen, dass er selber die Missstände der Vergangenheit aufarbeitet und Maßnahmen für die Zukunft ergreift.

Aber währenddessen spitzen sich auch in Rom die Dinge zu: Anfang März waren Vergehen an Regensburger Domspatzen bekannt geworden. Die internationale Presse bringt dies mit Georg Ratzinger, dem ehemaligen Chorleiter und Bruder des Papstes, in Verbindung und – manipulativ durch entsprechende Fotos und Titel – mit dem Papst selbst. Die Agitation steigert sich zur Hysterie, als am 12. März der Fall eines pädophilen Priesters bekannt wird, der unter Erzbischof Joseph Ratzinger wieder in der Seelsorge der Erzdiözese München zum Einsatz kam. Die Vorwürfe gegen die beiden Ratzinger-Brüder erweisen sich als unbegründet, aber die Hatz auf Papst Benedikt ist zum Selbstläufer geworden. Jetzt zählt jedes Haar in der Suppe: ein missverständliches Zitat aus dem Brief eines Juden in der Ansprache des päpstlichen Hauspredigers Raniero Cantalamessa am Karfreitag, die abschätzigen Worte von Kardinal Angelo Sodano über die Missbrauchs-Berichterstattung am Ostertag, die Erklärungen von Staatssekretär Tarcisio Bertone während einer langen Pastoralreise nach Chile über Homosexualität und Pädophilie im Klerus. Als Benedikt XVI. am Ostersonntag den Segen „Urbi et orbi“ gibt, wirkt er angeschlagen. Die Kar- und Ostertage gerieten zur „schwarzen Woche“.

Aus dieser Ausgangslage heraus begab sich der Papst auf einen langen Weg. Durchaus auch im wörtlichen Sinne: Er führte über Malta, Portugal, Zypern und England. Aber auch der Abschluss des Priesterjahrs mit dem feierlichen Gottesdienst auf dem Petersplatz war eine Station. Benedikt XVI. hatte eine Entscheidung gefällt oder sich zu ihr „durchgebetet“: Er kartete nicht zurück, was die zum Teil aggressive Presse zum Missbrauchsskandal betraf, er schob nicht der sexualisierten Gesellschaft des Westens den „schwarzen Peter“ zu und fing auch nicht an, fein säuberlich nachzurechnen, dass die Zahl der pädophilen Vergehen in der Kirche geringer ist als in der säkularen Gesellschaft. Stattdessen klagte er die Sünde im Inneren der Kirche an. Zum Ende des Priesterjahrs und in Fatima tat er das. Es war wie ein Echo auf die Worte Pauls VI., der Jahrzehnte zuvor vom „Rauch Satans“ gesprochen hatte, der in die Kirche eingedrungen sei. Bei beiden Gelegenheiten rief der Papst zur Umkehr, zu Buße und Erneuerung auf.

Wem der Missbrauchsskandal bisweilen zu aufgebauscht vorkam, dem muss man antworten, dass der Papst selber eine Bilanz des vergangenen Jahres gezogen hat und dabei die Vergehen an Kindern und Jugendlichen durch geweihte Repräsentanten der Kirche in den Mittelpunkt stellte. Vor dem Kardinalskollegium und den Mitarbeitern der römischen Kurie sprach er am 20. Dezember von den „großen Bedrängnissen“ des abgelaufenen Jahres und von der Erschütterung über den Umfang der Fälle des Missbrauchs Minderjähriger durch Priester, „die das Sakrament in sein Gegenteil verkehren, den Menschen in seiner Kindheit – unter dem Deckmantel des Heiligen – zuinnerst verletzen und Schaden für das ganze Leben zufügen“. In dieser Ansprache vor der Kurie zum Ende des Jahres ging Papst Benedikt dann aber auch auf das gesellschaftliche Umfeld und die sexuelle Liberalisierung ein, die in den siebziger Jahren zu Gedankenspielen führte, die „Pädophilie als etwas durchaus dem Menschen und auch dem Kind Gemäßes“ zu betrachten.

Die Schwere, die der Papst dem Missbrauchsskandal beimisst, zeigt sich jedoch erst dann, wenn man in die Vergangenheit schaut. Bereits im Februar 1988 hatte Kardinal Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation in einem Schreiben an den Präsidenten des vatikanischen Rates für die Interpretation der Gesetzestexte moniert, dass sich Priester, die sich moralischer Vergehen schuldig gemacht hätten, von der Kirche sozusagen als „Gnade“ die Entlassung aus dem Klerikerstand, aber nicht mehr die vom Kirchenrecht vorgesehenen kanonischen Strafen erhielten. In diesem Brief, den der Sekretär des Rats für die Interpretation der Gesetzestexte, Bischof Juan Ignacio Arrieta, am vergangenen 2. Dezember in einem Beitrag für den italienischen „Osservatore Romano“ zitierte, beklagte Ratzinger im Grunde, dass die Kirche, das heißt die Ortsbischöfe, das Strafrecht der Kirche nicht mehr anwenden. Arrieta machte jetzt in seinem Artikel bekannt, dass Benedikt XVI. den Rat für die Gesetzestexte bereits 2007 beauftragt hat, das sechste Kapitel des kirchlichen Gesetzbuchs, welches die Grundlage der kirchlichen Strafrechtsordnung bildet, so zu überarbeiten, dass es wieder zu einem wirksamen Instrument der Durchsetzung der kirchlichen Disziplin wird. Da lag es sechs Jahre zurück, dass die Eiterbeule des Missbrauchs zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten geplatzt war und die Glaubenskongregation die Kompetenz für diese Vergehen durch Kleriker an sich zog. Kardinal Ratzinger wusste also, was er sagte, als er bei der Meditation zum Kreuzweg am Karfreitag 2005 im Kolosseum mit so ungewöhnlich scharfen Worten den Schmutz und Dreck im Klerikerstand geißelte.

Nun ist die Eiterbeule des Missbrauchs ein zweites Mal geplatzt. Diesmal in Irland, Deutschland, Österreich und in anderen europäischen Ländern. Die eingangs erwähnte Frage, ob denn der Papst eine angemessene Unterstützung durch die römische Kurie erhält, erweitert sich also auf diesen Fall: Erfüllen die entsprechenden Stellen des Vatikans den Auftrag des Papstes, durch die Reform des kirchlichen Strafrechts – beziehungsweise durch dessen Wieder-Anwendung – dafür zu sorgen, dass Priester nicht mehr mit dem Gefühl leben, dass sexuelle Vergehen ungesühnt bleiben und im Ernstfall lediglich zur Entlassung aus dem Klerikerstand führen?

Waren die Kar- und Ostertage die „schwarze Woche“ dieses Jahres, so brachte die Reise des Papstes im September nach England ein Aufatmen. Sie wurde zu einem vollen Erfolg. Es kam die Synode zum Nahen Osten, das Konsistorium mit den neuen Kardinälen, schließlich das Interview-Buch „Licht der Welt“, das die Popularität des Papstes wieder steigen ließ, auch wenn die Glaubenskongregation kurz vor Weihnachten klarstellen musste, wie Benedikt seine Äußerungen zum Kondom-Gebrauch im Prostituierten-Milieu wirklich gemeint habe. Aber das zentrale Ereignis 2010 war doch der Ausbruch der Missbrauchs-Krise – verbunden mit der Frage, ob sie für die Weltkirche zum Anlass wird, in ihren geweihten Repräsentanten wieder das Ideal der Heiligkeit und somit Jesus Christus sichtbar zu machen.