Das Kleingedruckte seriös beleuchtet

Aldo Maria Valli schreibt über den Alltag im Vatikan: Zwischen Himmel und Erde muss auch die Treibstoff- und Milchversorgung sichergestellt werden. Von Urs Buhlmann

Die Gärten von Castel Gandolfo erinnern an das monastische Ideal, als Selbstversorger zu leben. Vom Vieh bis zum Obst hat die Sommerresidenz dem päpstlichen Haushalt einiges zu bieten. Foto: dpa
Die Gärten von Castel Gandolfo erinnern an das monastische Ideal, als Selbstversorger zu leben. Vom Vieh bis zum Obst ha... Foto: dpa

Jedes Buch über den Vatikan enthält zugleich Richtiges und Falsches. Denn so gut wie niemand dürfte alle theologischen und historischen Gegebenheiten auf diesem Flecken Erde überschauen und schreibend erklären können. Da sind Fehler in Detailfragen wohl unvermeidlich. Fast immer auch – wie im Buch des italienischen Journalisten Aldo Maria Valli – werden die Attribute „geheimnisvoll“ und „einzigartig“ verwendet, wenn man den Kirchenstaat, seine Mission und sein Alltagsleben beschreiben will. Natürlich tragen die vatikanischen Offiziellen ihr Maß an Schuld oder sagen wir lieber Verantwortung dafür: In der unablässig schnatternden Medienlandschaft von heute halten sie sich traditionell zurück mit zeitnaher Information. Dafür gibt es viele gute Gründe – aber auch in der Folge manche Fehlinterpretation, zumal wenn der Beobachter der Kirche nicht freundlich gegenübersteht. Das tut Aldo Maria Valli schon und sein Buch gehört, das sei klar gesagt, zweifelsohne zu den besseren Vatikan-Büchern. Aber ohne Fehler ist es eben auch nicht, wobei manche auf das Konto der beiden Übersetzerinnen zu gehen scheinen: Wenn etwa von den „öffentlichen Badeanstalten“ auf dem Petersplatz die Rede ist, dürfte das wohl eine unglückliche Übertragung des höflichen italienischen „bagni“ für Waschräume gleich Toiletten sein. Erst Anfang Februar hat Papst Franziskus tatsächlich Duschen für Obdachlose in den Kolonnaden einrichten lassen. Wenn dagegen das Pallium, das über dem Messgewand zu tragende Abzeichen der Erzbischöfe, als „Zeichen eines hohen liturgischen Amtes“ gedeutet wird, ist das einfach falsch.

Doch lohnt sich die Lektüre des Buches unbedingt, denn Valli hat manches zusammengetragen, was andere Autoren nicht wissen. Oder was man sich einfach noch nicht vor Augen geführt hat: dass zum Beispiel der Vatikan-Staat eine von drei Enklaven in der Welt ist, quasi ein Einsprengsel in fremdes Staatsgebiet. Die beiden anderen sind San Marino und Lesotho.

In all seiner Pracht ein Grabmonument

Bei seiner Erläuterung der verschiedenen Eingänge in diese Enklave hat Valli dann aber die kleine Mauer-Öffnung neben der Casa Santa Marta vergessen, durch die man schnell zum heute zweckentfremdeten Bahnhof und der gerne genutzten Tankstelle kommt. Dem Autor ist zuzustimmen, wenn er den Petersdom in all seiner Pracht letztlich ein Grabmonument nennt. Valli bekennt sich klar zur Seriosität der berühmten, unter der Ägide des deutschen Prälaten Kaas begonnenen Ausgrabungen unter der Riesenkirche, die in einem Gräberfeld ein abgetrenntes kleines Grabmonument samt rotgetünchter Mauer freilegten.

Man fand dort die Gebeine eines Mannes von stämmigem Körperbau und etwa 1, 65 Meter Größe, der im Alter von circa 70 Jahren gestorben war. Laut Graffiti auf der Mauer war es ein gewisser Petros, sein Grab wurde von den Christen der Stadt immer in hohen Ehren gehalten. Das ist der Kern, im wörtlichen Sinn das Fundament des Ganzen. Nicht nur des Domes, dessen reges Leben und Treiben Valli anschaulich beschreibt, sondern der ganzen Kirche, die nicht aufhören kann, auf Petrus zu schauen und auf dessen lebenden Nachfolger. Für deutschsprachige Leser neu dürfte die Darstellung der italienischen Kirchenfinanzen nach dem „Acht-Promille-Gesetz“ von 1985 sein, das dem Steuerzahler eine mehrfache Wahlfreiheit über einen Anteil an der Einkommensteuer überlässt. Allerdings finanziert sich der Vatikan in seiner doppelten Eigenschaft als Heiliger Stuhl und Staat der Vatikanstadt ganz anders; wie, weiß Valli auch. Und er erklärt, was es wirklich mit dem Heiligen Stuhl auf sich hat, nämlich mit dem äußerst schlichten Holzstuhl, der wohl eine Schenkung des Franken Karls des Kahlen war, als dieser sich 875 durch Papst Johannes VIII. in der Peterskirche krönen ließ. Man hielt das Stück in hohen Ehren, nutzte es bei Hochämtern und sah es schließlich als Reliquie an. Auf Geheiß Alexanders VII. wurde der viereckig zusammengefügte Thronsitz 1666 von Bernini in dessen großartige barocke Umgestaltung der Kirche einbezogen und schwebt seitdem in prächtiger Verkleidung über den Gläubigen hinter dem zentralen Papstaltar. Das steigerte aber nur Neugier und Verehrung, so dass er immer wieder aus dem architektonischen Reliquiar Berninis herausgeholt und den Menschen präsentiert wurde, das letzte Mal 1867. Erst unter Papst Paul VI. wurde der wahre heilige Stuhl noch einmal hervorgeholt und wissenschaftlich untersucht. Er ist überwiegend aus Eiche und stammt etwa aus dem Jahr 870.

Doch nicht immer geht es feierlich oder weihevoll im Kirchenstaat zu – was jeder bestätigen wird, der einmal am Samstag im unweit des St. Anna-Tores gelegenen Supermarkt seine Pasta zur Kasse getragen hat. Wird wohl Papst Franziskus mit der Unsitte brechen, dass nicht nur die Vatikan-Bediensteten (für die das als kleiner Ausgleich zum kargen Lohn gedacht ist), sondern offenbar halb Rom den begehrten Zugang zu dem mit steuerbefreiten Waren aufwartenden Laden hat? Unzeremoniell und ganz demokratisch ist das vatikanische Telefonbuch. Es ist nämlich strikt alphabetisch. „Unter C kommt die Capella Sistina vor gestore di carburanti, lubrificanti e combustibile (Geschäftsführung Treibstoffe, Schmiermittel und Brennstoffe), und unter T gelangt man innerhalb weniger Zeilen vom Theologen des Päpstlichen Hauses zum Transitverkehr. Der Vatikan ist zwischen Himmel und Erde angesiedelt: Überirdische Belange haben hier ebenso Platz wie prosaische Erfordernisse.“ Wenn Hilfe vonnöten ist, holt man sich die bestmögliche: Als unter Pius XI. die Lateranverträge mit Italien ausgehandelt wurden, die dem „Staat der Vatikanstadt“ dann 1929 seine Existenz geben sollten, war neben Rechtsanwalt Francesco Pacelli – Bruder des zukünftigen Papstes – der brillante Jurist Federico Cammeo für die Kirche im Einsatz. Der Italiener jüdischen Glaubens vermochte es, dem Vatikanstaat und seiner Rechtsordnung eine systematische Struktur zu geben. „Nach einhelligem Urteil der Experten bewies er dabei eine ganz außerordentliche Sensibilität für den religiösen Kontext“ (Valli) – sein späteres Schicksal aber war düster.

Ausführlich werden die vatikanischen Kongregationen und Dienststellen vorgestellt – und darunter eine weitgehend unbekannte Institution, die Apostolische Pönitentiarie, der aus dem 13. Jahrhundert stammende Gnaden-Gerichtshof. Hier geht es um das forum internum, in dem das Gewissen unmittelbar Gott gegenübersteht. Die Pönitentiarie beschäftigt sich aber nicht nur mit Ablässen oder der Absolution von bestimmten Sünden, sondern hat eine allgemeine Beratungsfunktion, wenn Zweifel bei der Einschätzung von Themen im Bereich von Recht und Moral auftauchen.

Der Entscheid ist schleunigst zu vernichten

Das heißt, nicht nur jeder Priester kann sich an die Experten des Gerichtes wenden, wenn zum Beispiel in der Beichte zu klären ist, ob eine bestimmte Pille als Abtreibungsmittel zu werten ist. Theoretisch können auch einzelne Gläubige, wenn sie nicht gerade im konkreten Fall befangen sind, die Dienste des Gerichtshofs in Anspruch nehmen, der auch für fragliche Umstände bei Taufe, Firmung und Priesterweihe zuständig ist. Seine Entscheidungen, die ausschließlich schriftlich übermittelt werden, sind als Reskripte bekannt. Ihr Empfänger wird angehalten, sie nach der Lektüre so rasch wie möglich zu vernichten und keinesfalls zu archivieren. Denn Gewissensfragen sind immer Einzelfall-Entscheidungen.

Es ist also ein bunter Kosmos, den der Autor auszubreiten weiß, bis hin zu der erstaunlichen Tatsache, dass es im Jahr 2010 erstmals mehr als zwei Millionen Auto-Bewegungen im Vatikan gegeben hat. Der Pontifex bewegt sich übrigens seit 1909 per Automobil fort; die alten Modelle sind alle noch erhalten. Natürlich wird auch des Landgutes Castel Gandolfo gedacht, das 1596 erworben wurde und mit 55 Hektar größer als der ganze Vatikan ist. Der gegenwärtige Papst liebt es nicht, im Gegensatz zu fast allen seiner Vorgänger. Dabei bezieht er Milch, Eier, Gemüse und Olivenöl (immerhin 1 500 Liter im Jahr) von dort. Während des Zweiten Weltkrieges fürchtete man, dass die tägliche Lieferung nicht mehr ins 25 km entfernte Rom durchgelassen würde. So ließ man sieben Kühe mitsamt Betreuer in den Vatikan übersiedeln, wo sie bis 1944 eine Art Minifarm in den Vatikanischen Gärten bildeten.

Offenbar nicht fehlen in einem Vatikanbuch darf ein Kapitel über „düstere Geheimnisse“, in dem sich alles findet, vom umtriebigen Erzbischof Marcinkus, über den plötzlichen, aber nicht überraschenden Tod von Johannes Paul I., das Attentat auf seinen Nachfolger bis zu den rätselhaften Kriminalfällen Emanuela Orlandi und Alois Estermann. Valli kann diese Vorgänge nicht aufklären, aber er ergänzt sie um interessante Details und er geht vor allem fair mit dem Vatikan um. Sein Buch ist allzeit seriös und schon deswegen ein willkommener Neuzugang zur unüberschaubaren einschlägigen Literatur.

Aldo Maria Valli: Die kleine Welt des Vatikan – Alltagsleben im Kirchenstaat. Verlag Klett Cotta, Stuttgart 2014, 256 Seiten, ISBN 978-3-608-94744-1,

EUR 17,95