„Das Gericht hat schon begonnen“

Betrachtungen über das ewige Leben: Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz am 11. Dezember 2013

Das Jüngste Gericht von Ernst Deger, dargestellt in der Kapelle von Schloss Stolzenfels. Foto: KNA
Das Jüngste Gericht von Ernst Deger, dargestellt in der Kapelle von Schloss Stolzenfels. Foto: KNA

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich mit der letzten Folge der Katechese über unser Glaubensbekenntnis beginnen und die Aussage „Ich glaube … das ewige Leben“ behandeln. Besonders werde ich mich mit dem Jüngsten Gericht befassen. Wir brauchen aber keine Angst haben: Hören wir, was das Wort Gottes sagt. Im Evangelium des Matthäus lesen wir dazu: Dann wird Christus „in seiner Herrlichkeit (kommen) und alle Engel mit ihm (…) Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken (…) Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben“ (Mt 25, 31–33.46).

Wenn wir an die Rückkehr Christi und an sein letztes Gericht denken, das bis zur letzten Konsequenz das Gute zeigen wird, das jeder während seines irdischen Lebens getan oder unterlassen haben wird, dann spüren wir, dass wir uns vor einem Geheimnis befinden, das größer ist als wir und das wir uns nicht einmal vorzustellen vermögen. Ein Geheimnis, das praktisch instinktiv ein Gefühl von Furcht oder Bangigkeit in uns hervorruft. Wenn wir jedoch genau darüber nachdenken, dann kann dieses Geheimnis das Herz eines Christen nur weiten und einen großen Grund des Trostes und des Vertrauens darstellen.

Tiefe Freude statt Furcht und Bangigkeit

In dieser Hinsicht klingt das Zeugnis der ersten christlichen Gemeinschaften besonders eindrucksvoll. Denn sie pflegten ihre Feiern und Gebete mit dem Gebetsruf „Maranatha“ zu begleiten, einem Ausdruck, der sich aus zwei aramäischen Worten zusammensetzt, die je nachdem, wie sie betont werden, als Bitte verstanden werden können, „Komm, Herr!“, oder als eine vom Glauben genährte Gewissheit, „Ja, der Herr kommt, der Herr ist nahe“. Es ist der Ausruf, in dem am Ende einer wunderbaren Betrachtung in der Offenbarung des Johannes (vgl. Offb 22, 20) die ganze christliche Offenbarung gipfelt. In jenem Fall ist es die Kirche als Braut, die sich im Namen der ganzen Menschheit und als ihre Erstlingsfrucht an Jesus, ihren Bräutigam, wendet und die Stunde kaum erwarten kann, von seiner Umarmung umfangen zu werden: der Umarmung Jesu, die Fülle des Lebens und Fülle der Liebe ist. So umarmt Jesus uns. Wenn wir aus dieser Perspektive an das Gericht denken, dann verschwindet jede Furcht und jede Bangigkeit, und es wird der Erwartung und einer tiefen Freude Platz gemacht: es wird nämlich gerade der Moment sein, in dem wir endlich als bereit beurteilt werden, mit der Herrlichkeit Christi wie mit einem Brautkleid bekleidet und zum Festmahl geführt zu werden, dem Bild der vollen und endgültigen Gemeinschaft mit Gott.

Ein zweiter Grund des Vertrauens wird uns von der Feststellung geliefert, dass wir im Moment des Gerichts nicht allein gelassen werden. Jesus selbst kündigt im Evangelium des Matthäus an, dass am Ende der Zeiten diejenigen, die ihm nachgefolgt sind, Platz in seiner Herrlichkeit einnehmen werden, um gemeinsam mit ihm zu richten (vgl. Mt 19, 28). Der Apostel Paulus sagt dann in seinem Schreiben an die Gemeinde von Korinth: „Wisst ihr denn nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? (…) Also erst recht über Alltägliches!“ (1 Kor 6, 2–3).

Wie schön zu wissen, dass wir unter solchen Umständen neben Christus, unserem Parakleten, unserem Beistand beim Vater (vgl. 1 Joh 2, 1), auf die Fürsprache und das Wohlwollen so vieler unserer älteren Brüder und Schwestern zählen können werden, die uns auf dem Weg des Glaubens vorausgegangen sind, die ihr Leben für uns hingegeben haben und die uns weiterhin auf unsagbare Weise lieben!

Die Heiligen leben bereits vor Gottes Angesicht, im Glanz seiner Herrlichkeit, und beten für uns, die wir noch auf Erden sind. Welchen Trost diese Gewissheit in unserem Herzen hervorruft! Die Kirche ist wirklich eine Mutter, und wie eine Mutter ist sie um das Wohl ihrer Kinder besorgt, vor allem der, die am fernsten stehen und am meisten leiden, bis sie mit allen ihren Gliedern ihre Fülle im verherrlichten Leib Christi finden wird.

Einen weiteren Eindruck liefert uns das Johannesevangelium, in dem es ausdrücklich heißt: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat“ (Joh 3, 17–18). Das bedeutet also, dass jenes letzte Gericht bereits stattfindet, es beginnt jetzt, im Verlauf unseres Daseins. Dieses Gericht wird in jedem Moment des Lebens gesprochen, als Antwort auf unsere glaubende Annahme des Heils, das in Christus gegenwärtig ist und wirkt, oder auf unseren Unglauben, der die Folge hat, dass wir uns in uns selbst verschließen. Doch wenn wir uns vor der Liebe Jesu verschließen, dann verurteilen wir uns damit selbst. Das Heil bedeutet, sich Jesus zu öffnen. Er ist es, der uns erlöst. Wenn wir Sünder sind – und das sind wir alle – bitten wir ihn um Vergebung, und wenn wir mit dem Verlangen zu ihm gehen, gut zu sein, dann vergibt uns der Herr.

Sich öffnen heißt auch: die eigenen Sünden bekennen

Doch dazu müssen wir uns der Liebe Jesu öffnen, die stärker ist als alles andere. Die Liebe Jesu ist groß, die Liebe Jesu ist barmherzig, die Liebe Jesu vergibt; doch Du musst Dich öffnen, und sich öffnen heißt, bereuen, sich der Dinge bezichtigen, die nicht gut sind und die wir getan haben. Jesus, der Herr, hat sich für uns hingegeben und gibt sich weiter für uns hin, um uns mit der ganzen Barmherzigkeit und Gnade des Vaters zu erfüllen. Wir sind es also, die in gewisser Weise zu Richtern über uns selbst werden können, indem wir uns selbst zum Ausschluss aus der Gemeinschaft mit Gott und unseren Brüdern und Schwestern verurteilen.

Werden wir also nicht müde, über unsere Gedanken und unser Verhalten zu wachen, um schon jetzt von der Wärme und dem Glanz des Antlitzes Gottes – und das wird wunderschön sein – zu kosten, das wir im ewigen Leben in seiner ganzen Fülle betrachten werden. Voran also mit dem Gedanken an dieses Gericht, das jetzt beginnt, das schon begonnen hat. Voran, indem wir uns so verhalten, dass unser Herz sich für Jesus und sein Heil öffnet; voran ohne Angst, weil die Liebe Jesu größer ist und er uns unsere Sünden vergibt, wenn wir ihn um Vergebung bitten. So ist Jesus. Voran also mit dieser Gewissheit, die uns zur himmlischen Herrlichkeit führen wird!

Ein Sprecher verlas folgende Worte des Papstes an die Pilger aus dem deutschen Sprachraum:

Herzlich begrüße ich die Brüder und Schwestern aus den Ländern deutscher Sprache. Liebe Freunde, in dieser gnadenreichen Adventszeit wollen auch wir beten: „Maranatha! – Komm, o Herr!“ Verwandle mein Leben durch deine Gegenwart! Gott segne euch alle.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller

Die selige Franziska Schervier. Foto: KNA
Das Jüngste Gericht von Ernst Deger, dargestellt in der Kapelle von Schloss Stolzenfels. Foto: KNA